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22.03.2010 01:56 Uhr
Aktuell

Polizei sucht mit Hochdruck nach Täter im Fall Michelle


Polizei sucht mit Hochdruck nach Täter im Fall Michelle
Leipzig. Bei der Aufklärung des Gewaltverbrechens an der achtjährigen Michelle gibt es nach wie vor keine heiße Spur. Medienberichte, denen zufolge die Polizei eine erste heiße Spur verfolge, wurden am Samstagmorgen zurückgewiesen. Es gebe viele Hinweise, eine heiße Spur sei jedoch noch nicht darunter, sagte ein Polizeisprecher. Die „Bild“-Zeitung hatte zuvor von der heißen Spur berichtet. Im Zusammenhang mit der Ermordung Michelles werde nach einem Mann gefahndet, der vor vier Monaten schon einmal ein Mädchen in Leipzig belästigt haben soll, hieß es.

Die Ermittlungsarbeiten gehen laut Sprecher Uwe Voigt rund um die Uhr weiter. Derzeit würden unter anderem die Hinweise aus der Bevölkerung bearbeitet, Kriminaltechniker werten Spuren aus und auch die Auswertung der Videobänder aus den Bussen und Straßenbahnen der Leipziger Verkehrsbetriebe befinde sich in den letzten Zügen. Außerdem würden die Alibis von mehr als 250 ehemaligen Sexualstraftätern überprüft. "Es gibt genug zu tun, wir arbeiten mit Hochdruck an der Tätersuche", so Voigt.

Inzwischen wird nach einer pinkfarbenen Jacke mit Kapuze in der Größe 134 und einer ebenfalls pinkfarbenen Sporttasche in der Größe 22 cm x 20 cm x 41 cm der Marke "Clikits Heart 2005 Lego", die das Mädchen bei ihrem Verschwinden bei sich getragen hat, gesucht. Die Beamten haben dazu Vergleichsfotos der Gegenstände veröffentlicht. Außerdem wurde eine Belohnung von 10.000 Euro für Hinweise ausgelobt, die zur Aufklärung des Verbrechens führen.

Am Samstagabend gedachten hunderte Menschen in der Trinitatiskirche in Anger-Crottendorf dem Mädchen. Am Freitag legten Menschen weiter Blumen vor die Einfahrt der Schule von Michelle und vor das Wohnhaus der Familie in der Nähe. Vor der Schule standen auf dem Bürgersteig inzwischen rund 100 Kerzen, daneben dutzende Stofftiere. Auf selbst gemalten Plakaten hieß es: „Warum nur, Michelle?“ und „Wir vermissen Dich alle“.

Eine Hundertschaft der Bundespolizei hatte am Freitag im Stötteritzer Wäldchen weiter Spuren gesichert. Dabei kamen erneut ein Polizeihubschrauber sowie eine Reiterstaffel zum Einsatz. Am Vormittag suchten Taucher in dem Weiher, in dem die Kinderleiche am Donnerstagmittag gefunden wurde, nach Hinweisen, die zur Aufklärung der Tat führen könnten. Am Abend war der Teich soweit geleert, dass Polizisten im knietiefen Wasser nach Spuren suchen konnten, gab Polizeisprecher Uwe Voigt gegenüber LVZ-Online bekannt. Allerdings sei der Grund des Weihers sehr schlammig gewesen, was die Arbeit der Ermittler beeinträchtigt habe. Ziel der Arbeit war es, neue Ansatzpunkte zur Klärung der Tat und zur Ermittlung des Täters zu bekommen. Am Freitagabend waren die Arbeiten an dem Gewässer abgeschlossen, am Samstagmittag war die Feuerwehr nach Angaben des Polizeisprechers dabei, wieder Wasser einzulassen.

Bereits am Donnerstagabend wurde die Sonderkommission umgebaut und ihre Mitgliederzahl auf 177 erhöht, sagte Landespolizeipräsident Bernd Merbitz. Mit allen Mitteln und der Hilfe von Kriminalpolizisten und Experten für Gewaltverbrechen von auswärts werde nun nach dem Täter gesucht. Wie weit die Polizei bei ihren Ermittlungen bisher gekommen ist, wurde auch am Freitag aus taktischen Gründen nicht mitgeteilt.

Drei Tage nach Michelles Verschwinden stand fest: Das Mädchen ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Das teilte die Polizei auf einer Pressekonferenz am späten Donnerstagabend mit. Bei der am Mittag in einem Teich am Rand des Stötteritzer Wäldchens gefundenen Leiche handele es sich "nach menschlichem Ermessen" um Michelle, so der Leitende Oberstaatsanwalt Hans Strobl. Kleidung und Beschreibung des Kindes würden übereinstimmen. Die Eltern haben ihre Tochter nach Angaben der Polizei bisher nicht identifiziert. Ob sie das tun werden, sei ganz allein ihre Entscheidung.



Im juristischen Sinne gelte das Mädchen erst als identifiziert, wenn die DNA-Untersuchung abgeschlossen ist. Das Obduktionsergebnis liegt inzwischen vor. Demnach sind die Ermittler sicher, dass Michelle nicht durch einen Unfall ums Leben kam, so Strobel weiter. Landespolizeipräsident Bernd Merbitz bat um Verständnis, dass die Polizei nicht alle Details bekanntgeben könne, weil das die Suche nach dem Täter erschweren würde. Das betreffe die Todesart, den Todeszeitpunkt und die Frage, ob das Mädchen sexuell missbraucht oder vergewaltigt wurde. Strobl sagte: „Wir möchten kein Täterwissen bekanntgeben, so lange er frei herumläuft.“

Die Familie des Mädchens wird von Polizeipsychologen betreut. Michelle, die noch einen älteren und einen jüngeren Bruder hatte, war am Montag nach den Ferienspielen im Hort der 25. Grundschule in der Martinstraße nicht zu Hause angekommen. Sie verließ das Gebäude gegen 15.30 Uhr. "Die ersten Meter des Heimweges hat sie zusammen mit einer Freundin zurückgelegt, dann ist Michelle allein weitergegangen", berichten die Ermittler. An der Kreuzung Oststraße/Martinstraße trennten sich die Mädchen. Seit diesem Zeitpunkt wurde Michelle vermisst.

Die Strecke sei für das Mädchen nichts Besonderes gewesen. Bereits in ihren beiden zurückliegenden Schuljahren sei sie regelmäßig allein nach Hause gegangen und habe für den Weg bis zur elterlichen Wohnung in der Carpzovstraße kaum zehn Minuten benötigt. In dem Park, in dem ein Passant die Kinderleiche gegen 12.30 Uhr entdeckte und dann die Beamten informierte, war Michelle normalerweise nicht unterwegs, so Landespolizeipräsident Bernd Merbitz. Laut Aussage der Eltern spielte das Mädchen gewöhnlich im Hof des Wohnhauses. Der Fundort der Leiche liegt etwa einen Kilometer Luftlinie vom Elternhaus und 1,5 Kilometer von der Schule entfernt.

Das Stötteritzer Wäldchen sei von den Beamten bereits am Montag und Dienstag abgesucht worden. Die "Auffindesituation" sei aber kompliziert gewesen. "Man musste schon sehr nah rangehen", so Merbitz. Ziel der Suche war zu diesem Zeitpunkt, Michelle unversehrt zu finden und ihren Eltern zu übergeben.

Am Donnerstag hatten die Ermittler ihre Suche noch einmal ausgedehnt. Zwei Züge waren nach einem Tipp von Anwohnern am Steinerts Berg in Taucha unterwegs. Die Pferdestaffel wurde in Mölkau eingesetzt. Schwerpunkt blieben aber leerstehende Häuser im Leipziger Südosten. Die Beamten gingen rund 100 Hinweisen aus der Bevölkerung nach. Zugleich wurden etwa 1400 Befragungen durchgeführt und 180 Häuser und Fabrikgelände durchsucht. Ein konkreter Anhaltspunkt fehlte.

Die Hoffnung auf eine erste Spur hatte sich am Mittwochabend schnell wieder zerschlagen. Jugendliche hatten gegen 21.30 Uhr in einem leerstehenden Gebäude an der Zweinaundorfer Straße eine pinkfarbene Jacke mit Kapuze entdeckt, ein Kleidungsstück wie es auch Michelle bei ihrem Verschwinden getragen hatte.

Schon wenige Stunden später war für die Ermittler klar: Sie gehört nicht dem vermissten Kind. "Die Eltern haben ausgeschlossen, dass es sich um die Jacke ihrer Tochter handelt", sagte Polizeisprecher Andreas de Parade gegenüber LVZ-Online. Zudem sei das Textil stark verschmutzt gewesen. Sie müsse schon länger am Fundort gelegen haben. Auch ein zuvor gefundener weißer Tunrschuh gehört nicht Michelle.

Anne Sturm / Matthias Roth / sl, nle, LVZ-Online / dpa

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