Köpfe
Der Traum von der Bachbiografie - Theologie-Professor Petzoldt verlässt die Uni
Marcel Ruge
Foto: Marcel Ruge
Professor Petzoldt freut sich auch auf die Zeit nach der Emeritierung.
Leipzig war für die Theologie lange Zeit kein einfaches Pflaster. Vor
der Wende gab es etwa 150 Studenten an der Fakultät, heute sind es rund
1000. Martin Petzoldt hat den Wandel miterlebt und mitgestaltet. Seit
mehr als 45 Jahren ist er mit der Geschichte der Universität verbunden.
Im Sommer wird der Professor emeritiert. Ein Rückblick auf seine Zeit an
der Uni und ein Ausblick in die Zukunft.
Der Sonntag ist Martin Petzoldt heilig. „Ich bin ein Verfechter davon, sonntags nicht zu arbeiten“, bekundet der Theologieprofessor und fügt schmunzelnd hinzu: „Na gut, zu Hause mache ich schon ein bisschen, das wäre sonst geschwindelt.“ Er trägt einen gütigen Gesichtsausdruck und seine Stimme ist weich und klar. Sie zeugt von Gelassenheit und immer schwingt das Gefühl von Geborgenheit mit. „Jeder lebt vom Vertrauen des anderen“, sagt er. Das mache die Persönlichkeit eines jeden Menschen aus.
Eines der schlimmsten Erlebnisse für den Christen: Die Sprengung der Universitätskirche
Die Universität kennt Petzoldt seit viereinhalb Jahrzehnten – zunächst als Student, später als Professor für systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik. Noch während des Studiums widerfuhr ihm, wie er sagt, einer der größten Einschnitte seines Lebens als Christ: Die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli am 30. Mai 1968. „Ich habe die letzte studentische Predigt in der Kirche gehalten, aber bei der Sprengung bin ich nicht dort gewesen.“ Als das Gotteshaus in sich zusammenfiel, war Petzoldt in der Theologischen Fakultät. „Um 10 Uhr knallte es dumpf und eine gelbe Staubwolke erhob sich in den Himmel, so habe ich es gesehen.“ Dies mit eigenen Augen zu sehen, hätte er nicht ertragen können, sagt er mehr als vier Jahrzehnte später.
Dass es an diesem historischen Platz einmal wieder einen Ort des Glaubens geben wird, war für Martin Petzoldt damals undenkbar. „Wir sind wahnsinnig begünstigt“, freut sich der ehemalige Universitätsprediger über den jetzt entstehenden Neubau der Universität Leipzig, der die Universitätskirche St. Pauli, eine Aula und Institutsräume im neuen Bau namens Paulinum vereinen wird. „Wer hätte geglaubt, dass es nach dieser schrecklichen Sprengung wieder eine Kirche an diesem Ort geben könnte – jenseits allen Streits.“
Petzoldt eckt an – auch beim Rektor
Gestritten wurde freilich viel in den vergangenen Jahren und auch Petzoldt war daran beteiligt. Seit Mai 2008 sitzt er im Kuratorium der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“, die sich für die Gestaltung und die kirchliche Nutzung der Räume im Paulinum einsetzt. Dabei geht es den Mitgliedern vor allem um die Inneneinrichtung des markanten Baus am Augustusplatz und um Details bei der Namensgebung. Mit seinem Kampf für die Interessen der Gemeinde eckte Petzoldt auch persönlich bei der Uni-Leitung an. Der ehemalige Rektor Franz Häuser sagte im Mai 2008 in einem Interview beim Lokalradio mephisto 97.6 über ihn: „Inwieweit Petzoldts Einflussnahme mit den Dienstpflichten eines beamteten Professors vereinbar ist, darüber wird man Überlegungen anzustellen haben.“ Mittlerweile, so Petzoldt, habe er sich mit dem Rektor allerdings geeinigt und ohnehin werde das ganze Hin und Her bald vergessen sein. „Das ist ein Streit um des Kaisers Bart, die Dinge werden sich schon einpegeln.“
Auch ohne Lehrstuhl viel zu tun
Erneut einpegeln muss sich auch Martin Petzoldt selbst: Bald beginnt ein neuer Lebensabschnitt nach seiner Zeit als Professor. Im Sommer wird er noch ganz regulär seine Vorlesung zu Dogmatik halten. Dann muss er seinen Lehrstuhl seinem Nachfolger übergeben. Ein Name stehe zwar schon fest, doch werde dieser erst veröffentlicht, wenn das Berufungsverfahren abgeschlossen ist. Doch auch ohne Lehrstuhl hat Petzoldt noch gut zu tun. Zurzeit arbeitet er am dritten Band seines Kommentars zu den Werken von Johann Sebastian Bach. „Das muss ich schnellstens mit dem Verlag unter Dach und Fach bringen.“ So bald wird ihn der große Kirchenmusiker ohnehin nicht loslassen. Der Theologe wird weiter Vorstand der Neuen Bachgesellschaft bleiben. Und auch seine Bach-Seminare möchte er nach seiner Emeritierung weiter anbieten.
Eine große Sache brennt ihm allerdings noch unter den Nägeln: „Mich beschäftigt das Motiv Bachbiografie“, sagt Petzoldt mit leuchtenden Augen. Zwar gebe es schon einige gute Werke, die sich mit dem Leben des Thomaskantors auseinander gesetzt haben. Ein Blickwinkel fehle allen aber bis heute: die theologisch-kirchliche Seite. „Ich bin über Jahrzehnte in die Materie eingearbeitet und würde mir das erlauben können“, sagt Petzoldt - nicht ohne die notwendige Bescheidenheit hinzuzufügen: „Natürlich müsste ich mich der Hilfe eines Musikwissenschaftlers bedienen, der kritisch überliest, was ich da verzapfe.“ Eine Bachbiografie - für Petzoldt ein großer Wunsch, aber auch eine große Herausforderung. „Ich müsste dafür noch viel arbeiten.“ Vielleicht dann auch ausnahmsweise an dem einen oder anderen Sonntag.
Der Autor Marcel Ruge ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der LVZ-Online-Redaktion.
© LVZ-Online, 22.02.2011, 17:49 Uhr