Köpfe
Heißer Draht nach Tokio
Gina Apitz
Die Akihabara-Hauptstraße im Herzen Tokios: Die japanische Millionenmetropole ist Daisy Rotzolls zweites Zuhause.
Ganz kurz hatte Daisy Rotzoll überlegt,
es sein zu lassen. Ihre Familie hatte Bedenken, ob es gut wäre, im
Juli nach Japan zu fliegen. Aber letztendlich entschied sich die
Leipziger Medizinerin doch für die Reise. Bereut hat sie es nicht,
auch wenn diesmal - vier Monate nach dem schweren Erdbeben von
Fukushima - vieles anders war.
Ein bis zwei Mal pro Jahr fliegt die
Ärztin für Neugeborenenheilkunde in das 9.000 Kilometer entfernte
Land. Zu Kongressen und Symposien - und als Gastprofessorin an
mehrere Universitäten. An der medizinischen Fakultät in Kyoto und
an der pharmazeutischen Fakultät in Tokio unterrichtet die
45-Jährige Wissenschaftsenglisch, erklärt Masterstudenten und
Doktoranden, wie man medizinische Themen gut präsentiert, wie man
wissenschaftliche Artikel schreibt und sich auf Kongresse
vorbereitet.
"Gambaro" - Lasst uns anpacken
Bei ihrer diesjährigen Reise traf die
Dozentin in Tokio während ihrer Lehrtätigkeit Studenten, die sich
um ihre Kommilitonen in den Erdbebenregionen sorgten: Sie stellen
Arbeitsplätze in den eigenen Laboren bereit, organisieren
Hilfskonvois und halfen beim Aufräumen. „In Japan wird wenig
lamentiert", sagt Rotzoll. Keiner jammert: „Wie soll ich das nur
schaffen?" „Gambaro", lasst uns anpacken, sei das Motto. Der
Zusammenhalt zähle. Dazu gehört auch, dass in der gesamten Region
wegen der Katastrophe gemeinsam Strom gespart wird. Wenn Daisy
Rotzoll mit der U-Bahn fuhr, stellte sie fest, dass diese nur noch
spärlich beleuchtet war. Die Universität in Tokio hat das
Wochenende auf Mittwoch und Donnerstag verlegt. Auf diese Weise wird
der Stromverbrauch besser verteilt.
Foto: Wolfgang Zeyen
Daisy Rotzoll, Ärztin für Neugeborenenheilkunde am Uniklinikum, mit Säuglingspuppen in der Lernklinik. Mehrmals im Jahr fährt die 45-Jährige nach Japan, um ihr Wissen Medizinstudenten in Tokio und Kyoto zu vermitteln.
Die Art, wie die Japaner mit der
Katastrophe und den Folgen umgehen, ist für Rotzoll nichts
Ungewöhnliches. Sie ist in dem asiatischen Inselstaat aufgewachsen
und fühlt sich eng mit der japanischen Kultur verbunden. Sie sagt,
die Beziehung zu Japan wurde ihr „in die Wiege gelegt". Ihr Vater
war Direktor des Deutsch-Japanischen Kulturinstituts. Daisy Rotzoll
lernte drei Muttersprachen: Deutsch, Japanisch und Englisch, das in
der internationalen Schule gesprochen wurde.
Mit zwölf Jahren kehrt
sie mit ihrer Familie nach Deutschland zurück. Die japanische Kultur
lässt sie jedoch nicht los: Sie studiert Japanologie und Medizin in
Heidelberg, promoviert später in Japan und habilitiert sich in
Tokio. Seitdem pendelt sie mehrmals im Jahr zwischen den Kontinenten.
Sie sagt, sie fühle sich heute als Deutsche und sehe sich „als
Mittlerin zwischen den Ländern". Wenn Rotzoll japanische Wörter
ausspricht, rollt sie das „R" wie es Spanier tun. Sie spricht
leise und schaut dem Gegenüber direkt in die Augen.
Von japanischer Heilkunde lernen
Seit eineinhalb Jahren ist Daisy
Rotzoll nun in Leipzig und leitet an der medizinischen Fakultät die
Lernklinik. Ihr Ziel: Mehr Verbindungen schaffen zwischen Japan und
der eigenen Fakultät. Bislang besteht an der Universität nur ein
Austausch zwischen deutschen Japanologie- und japanischen
Germanistikstudenten. In der Medizin sei bisher nichts passiert,
klagt Rotzoll. „Die Kooperationen gibt es auf dem Papier, sie
müssen aber noch viel mehr mit Leben gefüllt werden als bisher."
Vor allem im Bereich der Fachdidaktik sollen die Beziehungen künftig
ausgebaut werden. Erste „Sondierungsgespräche" hat die Dozentin
im Juli bereits geführt. Die Partner-Uni Chiba nördlich von Tokio
könnte künftig Medizin-Studenten und Dozenten nach Leipzig
schicken. Chiba hat einen Lehrstuhl für die traditionelle
Kampo-Medizin, die vor allem auf der Wirkung von Kräutern basiert.
Von den meisten westlichen Ärzten wird die Heilkunde nicht
anerkannt und deshalb in Deutschland kaum gelehrt. Rotzoll steht
deren Methoden dagegen aufgeschlossen gegenüber und hat sie schon an
sich selbst erprobt. Von den Professoren in Japan könnten deutsche
Studenten auf diesem Gebiet also profitieren.
Ein weiterer Vorteil: Da sich Japan im
Bereich Medizin schon lange an Deutschland orientiert, sei sowohl der
Wissenschaftsbetrieb als auch der Aufbau des Studiums sehr ähnlich.
„Auch die Studenten unterscheiden sich immer weniger voneinander",
findet Rotzoll. Nur die Art der Diskussionsführung sei dort eine
andere. „In Japan respektiert man sein Gegenüber sehr viel
stärker. Da können wir viel von ihnen lernen."
Voraussichtlich nächstes Jahr wird die
Ärztin wieder in ein Flugzeug steigen, um die Verbindungen zu den
Universitäten weiter auszubauen. Doch sie freut sich nicht nur auf
die alten Kollegen, sondern auch auf ein Stück japanische Kultur: „Sushi schmeckt vor
Ort doch am besten."
Die Autorin Gina Apitz ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 30.09.2011, 14:27 Uhr