Köpfe
Japanischer Botschafter zum Atomausstieg: „Eine betonköpfige Argumentation ist nicht notwendig“
Conrad Ziesch
Foto: Matthias Schaette
"Es muss auf dem Campus weiter diskutiert werden"
Die
schlechten Nachrichten aus Fukushima reißen nicht ab. Knapp acht
Monate nach der japanischen Reaktorkatastrophe hat es in dem Kraftwerk laut
Medienberichten am Mittwoch eine unkontrollierte Kernspaltung
gegeben.
Im Interview beantwortet Japans
Botschafter in Berlin, Dr. Takahiro Shinyo, Fragen zur Energiewende,
zur Rolle der Hochschulen und zur Sicherheit
deutscher Studenten in Japan.
Herr
Shinyo, das
Thema Atomkraft wird nicht erst seit Fukushima unter deutschen
Studenten heiß diskutiert. 1973 haben Sie selbst in Göttingen
Völkerrecht studiert. Wie haben Sie damals über Energiefragen
debattiert?
Zu
meiner Studienzeit fand die erste Ölkrise statt. Deswegen erinnere
ich mich sehr gut daran. Man war sehr sensibilisiert und hatte große
Angst, dass die Öllieferung gestoppt wird. Im kalten Winter kann man
nicht heizen. Man hatte sonntags Fahrverbot. Das war für mich nicht
nur Diskussion, sondern Tatsache. Deswegen waren wir damals sehr
ernsthaft. Aber in Deutschland, wie auch in Japan sind die Leute sehr
ruhig mit den notwendigen Maßnahmen umgegangen. Es gab keinen Krach.
Zu
Ihrem Vortrag an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur
im Rahmen der Vorlesungsreihe „Fukushima und die Folgen“ kamen mehr als 200 Studenten.
Wie
diskutieren deutsche Studenten heute über Energiefragen?
Sie
sind sehr interessiert. Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann fragt
man nicht. Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, dann entdeckt man
eine Sensibilität für diese Frage und diskutiert - aus der Not
heraus. Ich glaube aber, dass die Studierenden in Deutschland gut
informiert, motiviert, umweltorientiert sind. Ich kenne keine
anderen Studierenden industrialisierter Länder, die so
sensibilisiert und bewusst sind in Bezug auf die Umwelt wie in
Deutschland.
Eines
der zentralen Diskussionsthemen ist die Atomenergie. Welche Rolle
spielt dieses Thema unter japanischen Studenten? Wird sich kritisch
damit auseinandergesetzt?
In
Bezug auf die Energiefrage sind die Meinungen geteilt. Es gibt in
Japan natürlich auch Studenten, die einen Sofortausstieg aus der
Atomenergie wünschen. Nicht wenige sind auch besorgt über die
wirtschaftliche Entwicklung. Ohne Atomenergie kann die Wirtschaft
nicht weiter vorangetrieben werden. Das würde bedeuten, dass sie an
Lebensniveau verlieren. Es muss auf dem Campus weiter diskutiert
werden. Wir haben volle Meinungsfreiheit. Aber ich wünsche mir, dass
man nicht einseitig denkt. Eine betonköpfige Argumentation ist nicht
notwendig.
Welche
Rolle kommt den Universitäten zu, neue Technologien zur Vorhersage
oder Vermeidung zukünftiger Naturkatastrophen zu
Foto: Matthias Schaette
"Es gibt keinen Grund, Japan zu meiden."
entwickeln?
Hochschulen
haben eine immens große Verantwortung, und auch Möglichkeiten, neue
Technologien zu erforschen. Das ist auch ihre Pflicht, dies nicht nur
den Unternehmen zu überlassen, sondern grundlegende Forschung zu
betreiben. Das Undenkbare zu denken, ist die Aufgabe der
Universitäten. Denkbares zu denken, ist die Aufgabe der Unternehmen.
Gibt
es bereits Innovationen, die Tsunamis vorhersagen helfen?
Da
muss man ehrlich sagen, gegen Tsunamis kann man nichts tun. Selbst
eine Schutzmauer hilft nicht.
Nun
gab es deutsche Studenten, die nach der Katastrophe im März zurück
nach Deutschland geflogen sind. Wie sicher sind deutsche Studenten
momentan in Japan?
Die
sind völlig sicher. Sehen Sie mal, was die japanischen Studierenden
machen! Die evakuieren nicht, die bleiben dort, wo sie sind. Unsere
Kinder sind auch da. Warum sollten die Ausländer weggehen? Dafür
gibt es keinen Grund. Man muss wissen, dass durch diesen Atomunfall
niemand gestorben ist. Wir recherchieren und untersuchen langfristig
die Strahlung und ihre Auswirkung auf den menschlichen Körper. Erst
nach 30 oder 60 Jahren kann man feststellen, welche Auswirkung die
radioaktive Strahlung hat.
Wie
hoch ist die Strahlenbelastung heute?
Es
ist nicht so viel. In Tokio weniger als in sonstigen Städten, nicht
nur in Japan, sondern der Welt. Im Großen und Ganzen gibt es keinen
Grund, Japan zu meiden oder keinen Grund, Nahrungsmittel aus Japan,
die geprüft worden sind, nicht zu essen. Auf Gerüchte basierendes
Verhalten schadet dem Austausch. Wir hoffen, dass die deutschen
Studenten nach Japan kommen möchten und sehen, was dort passiert
ist.
Am
9. November folgt der nächste Vortrag der Ringvorlesung „Fukushima und die Folgen“ in der HTWK Leipzig. Ab 17.15 Uhr spricht Prof.
Antonio Hurtado, Experte für Wasserstoff- und Kernenergietechnik von
der TU Dresden, über „Grundlagen der Kernenergietechnik". Die
Veranstaltung findet im Hörsaal G119 in der Karl-Liebknecht-Straße
132 statt.
Der
Autor Conrad Ziesch ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 03.11.2011, 14:50 Uhr