Köpfe
Meerjungfrau mit Bronzemedaille trainiert in der Uni-Schwimmhalle
Gina Apitz
Foto: Gina Apitz
Wie Meerjungfrauen gleiten die Flossenschwimmer durch das Wasser.
Wie ein Delphin gleitet Christin Saupe durch das Wasser. Bei den Weltmeisterschaften im Fim-Swimming gewann die Studentin in diesem Jahr Bronze. Neben dem Studium trainiert sie an sechs Tagen in der Woche jeweils anderthalb Stunden. Trotz der Doppelbelastung könnte sich die 20-jährige Leipzigerin ein Leben ohne Sport nicht vorstellen - auch wenn sie dafür manche Entbehrung in Kauf nehmen muss.
Ihre Hände sind nach vorn gestreckt, nur der Schnorchel ragt aus dem Wasser, die Flosse schlägt kraftvoll auf und ab. Wenn Christin Saupe in ihrem dunkelblauen Badeanzug durch das Becken der Schwimmhalle gleitet, erinnert sie an einen Delphin. Fin-Swimming heißt diese Sportart, deren Bewegung sich die Schwimmer von den Meeressäugern abgeschaut haben. Vorwärts steuern sie allein mit Hilfe einer ein Meter großen Flosse, in die beide Füße gesteckt werden.
„Nach einer Weile tut das ganz schön weh", sagt Christin Saupe. Doch die 20-jährige Leipzigerin hat sich an den Schmerz gewöhnt. Die blonde junge Frau ist eine von 25 Leistungsflossenschwimmern im Sportclub Deutsche Hochschule für Körperkultur Leipzig (SC DHfK) trainieren. Die Hochschule war zu DDR-Zeiten eine prestigeträchtige Einrichtung, an der von 1950 bis 1990 Diplomsportlehrer und Lehrer für Körpererziehung ausgebildet wurden. Nach der Wende wurde die DHfK abgewickelt, doch der Sportclub ist weiter nach ihr benannt. Außer sonntags verbringt Christin jeden Tag eineinhalb Stunden in der Universitätsschwimmhalle in der Marschnerstraße. Fünf bis sechs Kilometer schwimmt sie dann mit der großen Flosse. Von Weitem sieht sie dabei wie eine Meerjungfrau aus.
Mentoren helfen bei Doppelbelastung
Fin-Swimming, das ist das eine Leben von Christin Saupe, die Hochschule seit Kurzem ihr anderes. Im vergangenen Jahr hat sie sich an der Uni Leipzig für Sportwissenschaft eingeschrieben, in diesem Wintersemester dann zu Sport auf Lehramt und Physik gewechselt. Doch Leistungssport und Studium - geht das zusammen? „Die Uni steht an erster Stelle", sagt Christin und lacht dabei. Das macht sie oft, sie wirkt fröhlich und erstaunlich ausgeglichen. Die Doppelbelastung scheint sie zu meistern. Ein Mentor hilft ihr, Studium und Leistungssport zu vereinbaren. Die Universität hat eine Koordinierungsstelle geschaffen, von der derzeit 20 Hochleistungssportler profitieren. Die Mentoren unterstützen sie dabei, Trainingspläne und Prüfungstermine aufeinander abzustimmen. Christin sagt, dass klappe bisher ganz gut. „Manche Dozenten sind verständnisvoll, andere weniger."
Sport und Ausbildung unter einen Hut bekommen - das musste Christin schon immer. Ab der 5. Klasse ist sie Schülerin des Sportgymnasiums, sie trainiert viel, hat bald Erfolge als Schwimmerin. Ihre Technik: Schmetterling. „Irgendwann hatte ich im Schwimmen meine Leistungsgrenzen erreicht." Als sie 16 wird, will Christin etwas Neues lernen, entscheidet sich für Fin-Swimming, das auf Deutsch einfach Flossenschwimmen heißt. Eine Sportart, die wenig Prestige bringt und die noch dazu kaum einer kennt.
Foto: Gina Apitz
Seit vier Jahren ist Christin Saupe aktive Flossenschwimmerin.
„Wir sind eine kleine, elegante Sportart, aber nicht publikumswirksam", sagt ihr Trainer Dirk Franke. Gibt es Chancen wie die Schwimmer eines Tages olympisch zu werden? Der Trainer schüttelt den Kopf. Die Sportart habe einfach zu wenig Sponsoren. Trotzdem seien die Leipziger sehr erfolgreiche Fin-Swimmer. „Bei uns trainiert das Gros der besten Leute", meint der 42-Jährige. So einige Weltspitzenschwimmer tummeln sich täglich in der Halle an der Mainzer Straße. Und Christin gehört dazu. Sie sagt, für sie stehe die Leistung im Vordergrund. Ihr großes Ziel war es, die Weltmeisterschaft mitzuschwimmen. Zwei Mal hat sie das nun schon getan. In diesem Jahr erzielte sie eine Bronzemedaille im Freigewässer. „Sehr zufrieden" sei sie damit gewesen. Und dann lacht sie wieder das Christin-Lachen.
„Nach zehn Kilometern sind die Füße taub"
Das besondere am Fin-Swimmen: die Geschwindigkeit. Mit bis zu drei Metern pro Sekunde gleiten die Schwimmer durch das Wasser, beim Brustschwimmen schaffen Sportler gerade mal zwei Meter pro Sekunde. Der Weltrekord bei den Männern liegt bei 50 Metern in 14 Sekunden. Von solchen Ergebnissen ist Christin noch entfernt. Ihre Stärke ist auch eher das Langstreckenschwimmen. Bei Wettkämpfen werden in der Halle 50 bis 1500 Meter geschwommen, im See bis zu 20 Kilometer. „Eine Tortur für die Füße", sagt Trainer Franke. „Nach zehn Kilometern sind die Füße taub", sagt Christin. Der letzte Worldcup der Flossenschwimmer fand im Mai übrigens in Leipzig statt.
Fast tägliches Training, Wettkämpfe, Trainingslager - bleibt da überhaupt Zeit für andere Hobbys und für Freunde? „Das muss drin sein", findet Christin. Doch sie gibt zu, dass sie der Sport einschränkt. Zu Familienfesten kann sie manchmal nicht kommen, im Urlaub war sie seit vier Jahren nicht mehr. Es sind solche Opfer, die sie für den Leistungssport bringt. Aber aufhören, sagt Christin, das würde sie erst, wenn ihr das Schwimmen keinen Spaß mehr macht. Und dieser Tag ist noch lange nicht in Sicht.
Die Autorin Gina Apitz ist Mitglied der Lehrredaktion Campus,
einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 18.10.2011, 19:41 Uhr