Dafür ergäben sich aber hin und wieder spannende Pendlerbekanntschaften im ICE. Leute aus dem Verlagswesen, vom Mitteldeutschen Rundfunk oder auch vom Bundesverwaltungsgericht, die, wie Keller, täglich zwischen Leipzig und Berlin hin- und herfahren. Mit einigen Pendlern habe er im Bordbistro des Zuges sogar schon gemeinsam Bücher besprochen, die man sich zuvor gegenseitig ausgeliehen hatte. So zum Beispiel das vergangenes Jahr erschienene „Schwarzbuch Bahn“, das einen kritischen Blick hinter die Kulissen der Deutschen Bahn AG wirft. Auf die Züge der Bahn ist Keller einerseits täglich angewiesen, an der Politik und am Service des Unternehmens lässt er aber kaum ein gutes Haar.
Dass die Zahl der Bekanntschaften in den vergangenen Jahren weniger geworden ist, führt der Wahl-Berliner darauf zurück, dass immer mehr seiner ehemaligen Mitreisenden mittlerweile sowohl in Berlin arbeiten als auch dort leben würden. Dies liege vor allem daran, dass die Hauptstadt „bunter und weltoffener“ sei als Leipzig, was sich seiner Meinung nach etwa im Umgang mit Rechtsextremismus zeige. Dass Leipzig beispielsweise versuche, sich als internationale Kulturstadt zu vermarkten, aber gleichzeitig nicht vehementer gegen Fremdenfeindlichkeit vorgehe, kann der 61-Jährige nicht nachvollziehen.
Etwas Positives habe die momentane Flaute an interessanten Gesprächspartnern im Zug aber immerhin: mehr Zeit zum Lesen.
Der Autor Richard Siegert ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.