Koordinieren, Organisieren und Stühle schleppen: Der Orchesterwart der Hochschule für Musik und Theater muss Stress aushalten, einen kurzen Draht zum Dirigenten pflegen und darf die Proben des Orchesters genießen. Dabei bevorzugt Karsten Philipp privat Heavy Metal statt Klassik. Und auch das musikalische Chaos, wenn die Studenten ihre Instrumente stimmen, ist ihm nicht unangenehm. Seit zwei Jahren sorgt er für Ordnung auf der Bühne.Karsten Philipp bahnt sich seinen Weg durch das Orchester der Leipziger Hochschule für Musik und Theater (HMT). Vorbei an Violoncelli, Bratschen und Kontrabässen. Der Orchesterwart der HMT eilt zu den Blechbläsern. Er soll ihnen die Plätze zuweisen, im Auftrag des Dirigenten. Die Hörner müssen ein wenig nach hinten rücken, damit die Akustik stimmt. Flink wühlt sich der 48-Jährige durch die Musikstudenten, scherzt nebenbei mit einem Kollegen und platziert die Instrumente. Für den Job des Orchesterwarts brauche man zwei Eigenschaften, sagt Karsten Philipp: Organisationstalent und starke Nerven. Mit beidem ist der quirlige Berliner bestens ausgestattet.
Heavy Metal nach Feierabend
Foto: Jonas Wissner
Karsten Philipp hat vor dem Konzert im Gewandhaus alle Hände voll zu tun.
Es ist die vorletzte Probe vor dem großen Konzert des Hochschulorchesters im Leipziger Gewandhaus. Das Konzert soll aufgezeichnet werden. Für die Musikstudenten ist das eine große Sache, seit zwei Wochen proben sie besonders intensiv für ihren Auftritt. Um Philipp herum herrscht jetzt musikalisches Wirrwarr. Die Studenten stimmen ihre Instrumente, üben knifflige Passagen aus einem Stück von Igor Stravinski oder machen ein paar Fingerübungen zum Aufwärmen. Im großen Saal der HMT schallen 60 klassische Instrumente wild durcheinander. Es gibt Menschen, die davon Kopfschmerzen bekommen. Karsten Philipp findet das „einfach herrlich", wie er sagt. Allerdings hört der Orchesterwart der HMT nach Feierabend nicht nur klassische Musik. In den eigenen vier Wänden darf es Heavy Metal sein.
Der gelernte Elektriker arbeitet seit 25 Jahren im Kulturbereich. Zehn Jahre lang hat er freiberuflich Klassikkonzerte und Festivals für klassische Musik organisiert. Seit 2009 wohnt Philipp in Leipzig und arbeitet für die HMT. „Das war schon eine Umstellung, von der Selbstständigkeit in einen Beruf mit geregelten Arbeitszeiten zu wechseln. Aber es macht mir sehr viel Spaß", sagt er in zackigem Berliner Dialekt. Hinter der Brille mit dem dicken schwarzen Rahmen sitzen hellwache Augen, ständig in Bewegung, wie Karsten Philipp selbst.
Stressige Momente ist Karsten Philipp gewohnt
Der Tag des Konzertes beginnt für den Orchesterwart um sieben Uhr morgens an der HMT. Instrumente sammeln, verpacken, in den Lastwagen eines Speditionsunternehmens laden. Die Absprachen mit der Transportfirma und der Transport selbst fallen in Philipps Verantwortungsbereich. „Herr Philipp ist einer der wichtigsten Partner für das Orchester", erklärt der Dirigent des Hochschulorchesters, Professor Ulrich Windfuhr. Ohne den Orchesterwart herrsche Unordnung. „Das Orchester ist wie das Zusammenspiel von Zahnrädern und unser Orchesterwart macht eine tolle Arbeit." Die Wünsche des Dirigenten muss Karsten Philipp oft sehr kurzfristig umsetzen. So kann es schon mal vorkommen, dass kurz vor dem Konzert das gesamte Orchester ein paar Meter weiter nach hinten rücken muss. Karsten Philipp reagiert in solchen Situationen gelassen. Stressige Momente ist er gewohnt.
Foto: Jonas Wissner
Zwischendurch hat der Orchesterwart auf der Bühne auch Zeit für einen Plausch mit den Studenten.
Am Gewandhaus angekommen, schiebt Karsten Philipp eine schwarze Kiste vor sich her. Ein quadratischer Klotz von etwa zwei mal zwei Metern. Beim Auspacken lässt sich der Orchesterwart von einem Tonmeister helfen. Denn der Inhalt dieser Kiste ist empfindlich und vor allem teuer. Eine einzelne Pauke kostet zwischen 3000 und 15.000 Euro - je nach Ausstattung und Größe. Der Paukensatz der HMT ist zwischen 50.000 und 60.000 Euro wert. Karsten Philipp packt vier dieser Bronzekessel aus und stellt sie auf; drei von ihnen stammen noch aus DDR-Zeiten. Sie zeugen von unzähligen Konzerten, Proben und Musikstudenten, die an ihnen ausgebildet wurden.
Gutes Verhältnis zu den Musikstudenten
Philipp muss rund 70 Stühle in den Konzertsaal des Gewandhauses tragen und zurechtrücken. Er macht sich einen Spaß daraus, sich selbst völlig zu überladen. Kreuz und quer packt sich der etwa 1,70 Meter große Mann einige der schwarzen Stühle auf Rücken und Arme.
Es ist Mittagszeit und die Orchesterprobe steht an. Für Karsten Philipp ist die gröbste Arbeit getan. Allmählich nehmen die Musikstudenten ihre Plätze ein, bereiten sich auf die Probe vor. Zu den Musikstudenten hat Philipp ein gutes Verhältnis. In den Freiräumen hört sich der Orchesterwart oft die Proben des Hochschulorchesters an. „Die Arbeit des Orchesterwarts ist wirklich wichtig, wird aber oft nicht honoriert", berichtet Bassposaunist und Orchestermitglied Honza Gimaletdinow. Karsten Philipp ist kein Mensch der um Anerkennung ringt. Er macht seine Arbeit und schafft Ordnung.
Der Autor Stefan Hantzschmann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des
Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger
Volkszeitung.