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Sportphilosoph Arno Müller: „Wir produzieren keine Medaillen“
Stefan Lehmann
Foto: Stefan Lehmann
Tod und Sport gehören zu Arno Müllers Forschungsgebieten.
Arno Müller ist einer von bundesweit zwei Professoren für Sportphilosophie. Am 5. Juli hält der 39-Jährige seine Antrittsvorlesung. Sein Lieblingsthema ist die Verbindung zwischen Sport und Tod. Im Interview mit Campus Online erklärt der Juniorprofessor, warum sein Fach keinen leichten Stand innerhalb der Sportwissenschaften hat, was Doping mit Sportphilosophie zu tun hat und was er von seinen Studenten erwartet.
Campus: Herr Professor Müller, Sie sind Sportphilosoph. Ruft diese Bezeichnung nicht manchmal Stirnrunzeln hervor?
Arno Müller: Sehen Sie, die Irritation kommt daher: Sport wird von den meisten Menschen nach wie vor nur mit dem Körper in Verbindung gebracht. Unter Philosophie versteht man dagegen nur das rein Geistige. Das ist aber gar nicht so. Ein Sportphilosoph ist, einfach gesagt, nichts anderes als ein Philosoph, der sich auf Fragen im und um den Sport spezialisiert hat. Die Sportphilosophie deckt daher auch alle philosophischen Teilbereiche ab. Wir stellen uns zum Beispiel die Frage: „Was ist überhaupt Sport, wie können wir das Phänomen Sport näher bestimmen – und welchen Beitrag kann er für ein gutes Leben leisten?“
Was bedeutet das konkret?
Im Bereich der Sportethik findet sich das wohl bekannteste Problem: das Doping.
Und so etwas lässt sich kontrovers diskutieren?
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Einer von bundesweit zwei Sportphilosophen: Arno Müller.
Auf jeden Fall! Man muss im Hinblick auf Doping auch kritisch fragen: Was ist das Ziel des Sports? Darf der Athlet alles mit seinem Körper machen? Oder gibt er die Autonomie über seinen Körper ab? Wir sind keine Moralapostel, ein guter Philosoph ist neutral. Der Philosoph Julian Savulescu hat zum Beispiel auf viele gängige Argumente gegen Doping eine Anzahl von Gegenargumenten formuliert. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir für eine Dopingfreigabe sein müssen.
Mit einem weiteren Beispiel in dem Zusammenhang habe ich mich selbst befasst: Die Anti-Doping-Agentur WADA hat in ihren Statuten stehen: „Doping ist unnatürlich.“ Ich als Philosoph frage mich da: Was ist „natürlich“? Dabei stellt sich heraus, dass die WADA ein sehr romantisches Natürlichkeits-Ideal vertritt. Ich habe argumentiert, dass es diese Form von Natürlichkeit gar nicht mehr gibt. Der Mensch zeichnet sich doch durch Künstlichkeit aus: Wir leben nicht mehr auf Bäumen und hängen uns Felle um, wir tragen Kleidung, leben in Häusern und so weiter. Das heißt, unsere Natürlichkeit ist kulturell überformt. Das ist also eine sehr wackelige Argumentation von Seiten der Anti-Doping-Agentur.
Welchen anderen Fragen der Sportphilosophie widmen Sie sich?
Mein Lieblingsthema ist Sport und Tod. Der Sport bietet dafür durchaus Anknüpfungspunkte. Zum Beispiel habe ich meine Dissertation über Risikosportler geschrieben. Das sind scheinbar Wahnsinnige, sie setzen sich aber einer Todesgefahr aus, die man auch positiv sehen kann: Sie machen sich zum Beispiel ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst.
Außerdem habe ich mich mit der Verbindung zwischen den Bereichen Sport und Genforschung beschäftigt. Letztere ermöglicht eine präventive Gen-Diagnostik. So lässt sich beispielsweise feststellen, ob ein Sportler die Anlage für gewisse Erkrankungen in sich trägt. Die Frage ist nun: Sollen wir diese Gen-Diagnostik flächendeckend als Pflichtuntersuchung einführen? Das ist ein brisantes Thema: Es hat immer wieder Fälle gegeben, da sind Athleten auf dem Sportplatz tot umgefallen, weil sie einen erblichen Herzfehler hatten und nichts davon wussten. Man muss aber überlegen: Darf ein Sportler zu dieser Diagnostik gezwungen werden? Dagegen spricht die Autonomie des Athleten über den eigenen Körper, das ist ein hohes Gut.
In Ihrer Antrittsvorlesung am 5. Juli stellen Sie die Frage, ob in der Sportwissenschaft überhaupt Philosophen gebraucht werden. Wie nehmen andere Wissenschaftler ihr Gebiet wahr?
Ich sitze etwas zwischen den Stühlen. Die Philosophen sagen: Ihr seid doch eher Sportwissenschaftler, die Sportler sagen, wir seien Philosophen. Als Sportphilosoph muss man sich also in beiden Bereichen beweisen, nicht nur in einer Disziplin. Ein Problem der Sportphilosophie ist unter anderem, dass sie häufig missverstanden wird. Wenn zum Beispiel ein Trainer gefragt wird, mit welcher „Philosophie“ er die Meisterschaft geholt hat, dann hat das mit mir als Sportphilosoph im engeren Sinne nichts zu tun. Wir müssen den Leuten klar machen, dass wir ernste, akademische Philosophie betreiben. Dazu kommt noch, dass wir weniger greifbar sind als andere Teildisziplinen der Sportwissenschaft. Gängiges Vorurteil ist nach wie vor: Sportphilosophen produzieren keine Medaillen. Trotzdem leisten sie aber einen wichtigen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit sportlichen Phänomenen.
Was sollen die Sportstudenten denn bei Ihnen lernen?
Ich sage zu den Studenten immer provokativ: Das Minimalziel muss sein, etwas über Stammtischniveau über Sport und Sportwissenschaft diskutieren zu können. Das schafft man in der Regel, indem man seine Aussagen auf solide Argumente stützt. Meine Studenten sollten außerdem in der Lage sein, eine kritische Perspektive einzunehmen, zum Beispiel gegenüber der fortschreitenden Kommerzialisierung und einem unreflektierten „Höher-Schneller-Weiter“ des Sports.
Der Autor Stefan Lehmann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 31.05.2011, 15:34 Uhr