Köpfe
Zwischen Bachelor und Bolzplatz - Leipziger Studentin kickt in der ersten Bundesliga
Silvia Perdoni
Foto: Silvia Perdoni
Champion auf dem Campus: Anja Hädrich im Lok-Leipzig-Trikot.
Wenn die Frauenfußball-Nationalmannschaft am 26. Juni in die WM startet, wird Anja Hädrich vor dem Fernseher die deutschen Spielerinnen analysieren - es sind ihre Gegnerinnen für die nächste Saison. Die 22-Jährige ist gerade mit der Frauenmannschaft des FC Lok Leipzig in die 1. Bundesliga aufgestiegen. Angst vor Birgit Prinz hat sie nicht - eher beschäftigt sie aktuell ihre Bachelorarbeit. Denn Hädrich studiert an der Uni Leipzig. Ein Leben zwischen Leistungssport und Studienalltag.
„Deutschland wird wieder Frauenfußball-Weltmeister", tippt Anja Hädrich den WM-Ausgang. „Außerdem bin ich gespannt, wie sich die afrikanischen Teams schlagen. Ihre Spielerinnen sind physisch sehr gut in Form." Auch eine ehemalige Lok Leipzig-Spielerin streift sich in diesem Jahr erneut das deutsche Nationaltrikot über: Babett Peter spielte bis 2006 in der Abwehr der Leipzigerinnen, dann wechselte sie zum mehrmaligen deutschen Meister FFC Turbine Potsdam. „Ich kenne Babett und drücke ihr für die WM die Daumen", sagt Hädrich.
In der nächsten Saison wird sie der Nationalspielerin weniger kameradschaftlich gegenüber stehen - auf dem Spielfeld. „Auch bei den Frauen gilt: Je höher die Liga, desto ruppiger geht es zu." Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte spielt das Frauenteam im nächsten Jahr in der 1. Liga. „Der Fußball ist dort schneller und die Spielerinnen sind technisch begabter als in der 2. Liga", berichtet Hädrich. Mit Krafttraining bereitet sie sich zu Hause vor. Angst vor den Stars des deutschen Frauenfußballs wie Birgit Prinz hat die aus Zeitz stammende 22-Jährige nicht. „Respekt ist da. Aber auf dem Platz darf ich nicht darüber nachdenken, wem ich gegenüber stehe. Ehrfurcht lähmt, da hat man sofort verloren." Als Ziel für die nächste Saison hat sich die Lok-Elf den Klassenerhalt gesetzt. „Am Ende wollen wir auf Platz 10 stehen, dem ersten Nicht-Abstiegsplatz", erzählt Mittelfeldspielerin Hädrich.
Sie ist die einzige Studentin in der Mannschaft
Harte Arbeit liegt vor den Lok-Frauen - und die schweißt nicht immer nur zusammen. „Die Stimmung in der Mannschaft wird konkurrenzlastiger werden. Jede will sich beweisen, um in der 1. Liga auf dem Platz zu stehen", sagt Hädrich und fügt nachdenklich hinzu: „Früher hat mich der Leistungsdruck ziemlich belastet, heute gehe ich besser damit um. Ich bin gereift durch den Fußball, vor allem was Pflichtbewusstsein und Führungsqualitäten angeht." Im Alter von vier Jahren startete Hädrich ihre Fußballkarriere, damals noch in einer Jungenmannschaft; 2006 wechselte sie vom FC Sachsen Leipzig zu Lok. „Auch mein Zeitmanagement hat sich verbessert. Wir haben bis zu acht Trainingseinheiten unter der Woche, dazu kommen Punktspiele am Wochenende. Da muss ich alle anderen Termine gut planen."
So zum Beispiel die Vorlesungen. Hädrich ist die einzige Studentin im 24-köpfigen Kader von Lok, sie studiert im sechsten Bachelor-Semester Germanistik und Slawistik an der Uni Leipzig. Sind Sport und Studium vereinbar? „Kaum. Uni findet bei mir in den Fußball-Lücken statt. Oft muss ich Stoff nacharbeiten, weil ich es nicht in die Veranstaltungen schaffe", gesteht Hädrich. Von ihrem Wohnort in Profen fährt die Fußballerin in Trainingskleidung und ausgerüstet mit fünf Stullen für den Tag morgens nach Leipzig, hetzt durch Uni-Seminare und anschließend zum Training. „Vom typischen Studentenleben auf dem Campus oder in der Mensa bekomme ich nichts mit", bedauert die Studentin, die ihr Abitur mit 1,7 bestand.
In der Universität weiß keiner von ihrer Sportler-Karriere
Auch zu ihren Kommilitonen hat Hädrich wenig Kontakt. „Viele Freunde in meinem Studiengang habe ich nicht", sagt sie und schiebt rational nach: „Ich will mich aber auch gar nicht auf die anderen einlassen. Jedes Wochenende bin ich unterwegs, mit zu Studentenpartys oder anderen Unternehmungen könnte ich sowieso nie." Weder Kommilitonen noch Professoren wissen, dass Hädrich ambitionierte Fußballerin ist. „Ich will das nicht an die große Glocke hängen", erzählt sie. „Auch würde ich nie den Fußball als Entschuldigung beim Professor benutzen, wenn ich fehlen muss."
Ihre wenige Zeit verbringt die 22-Jährige mit ihrem Freund und ihrer Familie. „Man lernt kleine Dinge wie ein gemeinsames Frühstück zu schätzen", sagt sie. Raum für einen Nebenjob bleibt ihr nicht. „Zum Glück unterstützen mich meine Eltern finanziell, denn vom Fußball leben kann ich nicht. Das geht nur bei Spitzenmannschaften wie Frankfurt oder Potsdam." Immerhin stellt der FC Lok Hädrich ein Auto zur Verfügung, außerdem gab es in der vergangen Saison eine Siegprämie von 100 Euro für jede gewonnene Partie.
Bei der nächsten Frauenfußball-WM 2015 in Kanada selbst für Deutschland auf dem Platz zu stehen, davon träumt Hädrich nicht. „Dann hätte ich ja noch weniger Zeit", sagt sie und lächelt. „Außerdem bin ich schon zu alt, um noch eine Nationalmannschaftskarriere zu beginnen." Stattdessen möchte die Fußballerin nach Abgabe ihrer Bachelorarbeit Ende Juni beruflich durchstarten. „Gern würde ich Sport und Studium verbinden. Ich kann mir vorstellen, in der Pressestelle eines Sportvereins zu arbeiten." Vorerst geht es aber ins Trainingslager nach Österreich - denn Prinz & Co. besiegen sich nicht von allein.
Die Autorin Silvia Perdoni ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 21.06.2011, 16:34 Uhr