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Arabist gewinnt Science Slam – Spagat zwischen Kompetenz und Klamauk
Matthias Schätte
Foto: Sebastian Münster
Daniel Kinitz beim dritten Science Slam.
Mit nur einem Punkt Vorsprung hat Arabistik-Doktorand Daniel Kinitz den 3. Leipziger Science Slam gewonnen. Mit seinem Vortrag zur Systemtheorie setzte er sich gegen vier Herausforderer durch. In nur zehn Minuten schaffte er es, den rund 170 Gästen im "Horns Erben" die Systemtheorie von Niklas Luhmann als Basis seiner Arbeit auf unterhaltsame Art zu erklären. Als Preis erhielt er das Goldene Megaphon.
Das Prinzip eines Science-Slam ist schnell erklärt: Mehrere Nachwuchswissenschaftler treten nacheinander vor Publikum gegeneinander an und haben jeweils nur zehn Minuten Zeit, ihr Forschungsthema informativ und witzig zugleich einem fachfremden Publikum näher zu bringen. Die Zuhörer bewerten die einzelnen Darbietungen mit Punkten. Die Themengebiete der fünf Doktoranden reichten von Biologie und Philosophie bis hin zu Umwelttechnik.
Anspruch Unterhaltung – und etwas dazulernen
Foto: Sebastian Münster
So spannend kann Wissenschaft sein.
Viele der mehr als 170 Gäste im Horns Erben spekulierten vor allem auf gute Unterhaltung: „Ich kenne schon die Nerd-Night im Beyerhaus. Ich möchte gut unterhalten werden – und dabei noch etwas zu lernen“, sagte Informatiker Martin Zwirner, 27.
Anregungen für die eigene Arbeit erhoffte sich indes Björn Höhlig: „Ich möchte sehen, was andere Doktoranden machen“, sagte der 25-Jährige. Er promoviert im Bereich Bauingenieurwesen. „Das ist auch eine gute Chance, zu schauen, was in anderen Bereichen so läuft.“
Er sollte nicht enttäuscht werden: Umwelttechniker Jan Schütze inszenierte sein Thema als Krimi mit dem Titel „Wer oder was tötete Mr. Henry?“. Dahinter verbarg sich die Spurensuche nach der Abscheidung von Quecksilber in Rauchgasen eines Kraftwerkes. Verschiedene chemische Substanzen und ihre Verbindungen untereinander stellte er als Beziehungsgeflecht unter Menschen dar und hatte mit seiner „Kontaktbörse im Großkraftwerk“ schnell die Lacher auf seiner Seite.
Von Parkinson bis Luhmann
Marieke van der Steen („Meet ADAM and learn about how we stay in sync“) vom Max-Planck-Insitut für Kognitions- und Neurowissenschaften veranschaulichte die Nutzung von Rhythmen und Musik in Reha-Maßnahmen, Charles-Etienne Benoît („Music in help to Parkinson“) beschrieb, wie bei Parkinson-Patienten mit Hilfe von Musik die Krankheitssymptome vermindert werden können. Philosophisch ging es bei Michael Schramm („WTF do you see?!“) zu, der erklärte, dass sich die Wissenschaftsbereiche von Philosophen und Soziologen oft näher sind als angenommen. In ähnlichem Metier bewegte sich Slam-Gewinner Daniel Kinitz („Systemtheorie als alltagstaugliche Philosophie?“), der auf den Spuren Niklas Luhmanns wandelte und versuchte, den Erkenntnisgewinn der Systemtheorie für den Alltag zu nutzen. Dazu ein paar lockere Sprüche und die Erklärung mit Hilfe von Zeichentrickfiguren der Simpsons – und Kinitz eroberte die Herzen des Publikums.
„Unterhaltung muss mit drin sein“
Foto: Sebastian Münster
Kinitz erklärt die Systemtheorie.
Kinitz‘ Erfolgsrezept: „Der Unterschied zu einem wissenschaftlichen Vortrag ist, nur das zu erklären, was man anhand griffiger Beispiele präsentieren kann. Wenn man ein theoretisches Konzept ohne Beispiele erklären will, hat man hier eigentlich verloren.“ Auch auf die Gefahr hin, dass die Wissenschaftlichkeit der Comedy geopfert wird? „Nein, es muss sich in Waage halten und die Leute ansprechen, berühren. Die müssen sich hier schließlich mehrere Vorträge anhören, und das kann ganz schön schlauchen. Da muss Unterhaltung da sein“, sagte Kinitz. Noch pragmatischer sieht es Jan Schütze, erstmals beim Science Slam dabei und am Ende mit nur einem Punkt Differenz Zweitplatzierter: „Bei Vorträgen und Konferenzen an der Uni waren immer nur die knallharten Fakten gefragt. Dieses Mal habe ich das Unterhaltsame in den Vordergrund gerückt. Die Wissenschaft ist bloß der Beirat dazu.“
Die Gefahr, dass die Wissenschaft hinter die Comedy zurück tritt, sieht Organisatorin Kathleen Schlütter nicht. „Es sind Doktoranden, die wissen was sie tun“, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kompetenzschule ELSYS der Uni Leipzig, die den Science-Slam zum dritten Mal organisiert hatte. „Es gibt andere Slams, bei denen es mehr Comedyanteil gibt, aber darum geht es uns gerade nicht. Wir wollen unsere Lokalhelden auf die Bühne bringen.“
Ein Mehrwert – auch für das Publikum
Über ein Zuviel an Unterhaltung wollte sich auch niemand im Publikum beklagen. „Es waren interessante Sachen dabei, aber ich gebe zu, dass ich nicht immer alles verstanden habe“, resümierte Martin Zwirner. „Aber es hat Spaß gemacht, hier zu sein.“ Auch Jessica Hübner war nicht enttäuscht: „Ich habe einige Dinge dazugelernt. Beim nächsten Mal bin ich wohl wieder dabei.“
„Das war super unterhaltsam“, freute sich Doktorand Björn Höhlig. „Es waren schwierig zu vermittelnde Themen dabei, die aber gut rübergebracht wurden. Da sieht man wieder, wie wichtig es ist, sein Thema anschaulich zu vermitteln. Ich überlege mir, ob ich auch mal mitmache.“ Der nächste Science-Slam soll am 16. April 2012 stattfinden.
Der Autor Matthias Schätte ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 08.12.2011, 10:02 Uhr