Die Umstellung vom Diplom- auf das Bachelor- und Master-System wurde von Anfang an kritisch begleitet, Vor- und Nachteile wurden heftig debattiert und Mängel bei der Umstellung angeprangert. Auch die katastrophalen Folgen des Personalabbaus, die Konzeptionslosigkeit bei der Lehrerausbildung oder das Verschwindenlassen einzelner Studienangebote unter dem Stichwort der Profilbildung waren Campus-Themen. Wie ein roter Faden ziehen sich Berichte über „müde Urnengänge" der Studenten bei Hochschulwahlen durch die insgesamt 232 Seiten in 15 Jahren - bis heute.
Die ersten Pioniere in der Lehrredaktion mussten bei ihren Recherchen häufig noch erklären, was "LVZ Campus" denn eigentlich ist und dass es sich dabei nicht um ein PR-Instrument der Hochschulen handelt. Mittlerweile hat sich bei vielen herumgesprochen, dass die Hochschulen Gegenstand und nicht etwa Auftraggeber der studentischen Berichterstattung sind.
Tischtennis im Büro
Abseits brisanter Themen fanden auch immer wieder Ex-Leipziger mit ihren ganz individuellen Erinnerungen an die Pleißenmetropole den Weg ins Blatt. In der Rubrik „Ach ja, Leipzig ..." verriet der Physiker und Philosoph Carl-Friedrich von Weizsäcker, dass Nobelpreisträger Werner Heisenberg in seinem Leipziger Büro gerne Tischtennis gespielt hat. Der ehemalige italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi, einst Austauschstudent in Leipzig, lobte das hervorragende Ordnungssystem der Leipziger Universitätsbibliothek, wie er es 1941 kennengelernt hatte.
Auch Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und der Schauspieler Peter Sodann kamen zu Wort. Juli Zeh, ehemalige Studentin am Deutschen Literaturinstitut, beklagte, dass Leipzig mittlerweile von „Sicherheitsparanoia und Spießertum" beherrscht werde. Aber auch die in jedem Semester wechselnden Campus-Redakteure hielten mit ihrer Meinung in Form von Kommentaren und Glossen nicht hinter dem Berg.
Themen in Ruhe bearbeitenHoher Zeitaufwand, der neben dem Uni-Alltag nicht immer leicht zu bewältigen ist, und ausgiebige Korrekturen kennzeichneten die Redaktionsarbeit von Anfang an. „Manchmal ging das schon am normalen Zeitungsalltag vorbei, wenn Texte wieder und wieder überarbeitet werden mussten. Die Dozenten waren da sehr streng. Einmal habe ich mich an einer Glosse versucht, die ist mindestens zehnmal hin- und hergeschickt worden", blickt Jan Woitas auf seine Lehrredaktionssemester zurück. Das ehemalige Campus-Redaktionsmitglied ist inzwischen Bildreporter bei der Deutschen Presseagentur (dpa). Die intensive Arbeit habe aber auch Vorteile gehabt, so Woitas: „Man hatte eben auch Zeit, Themen in Ruhe zu bearbeiten".
Fahrräder als DauerbrennerVon Anfang an hat sich Campus zum Ziel gesetzt, den Lesern der Leipziger Volkszeitung - seit 2009 auch den Online-Usern - einen Blick auf verschiedene Aspekte des Hochschullebens zu geben. Die Leser erfuhren von kuriosen studentischen Nebenjobs wie Weihnachtsbaumverkäufer, Aktmodell oder Kaufhausdetektiv.
Auch das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel vieler Studenten stand allzu gern im Fokus der Betrachtung. Wie kann man dem Ärger über geklaute Drahtesel begegnen? Dazu äußerten Campusredakteure eine - wenn auch nicht ganz ernst gemeinte - Meinung: Der Gesetzgeber möge Fahrradschlösser abschaffen und den Diebstahl legalisieren, dann könnte die Polizei endlich richtige Verbrecher jagen.
Kreative Bilder gefragt
Nicht selten wurde das Studentenfutter in der Mensa thematisiert und erhielt mitunter mangelhafte Noten. „Davor, direkt vom Tablett zu speisen, ekeln sich einige Studenten", war 1999 zu lesen. Immerhin das bleibt heutigen hungrigen Studenten erspart, denn die einzelnen Portionsfächer auf den Tabletts von damals sind inzwischen Porzellan-Tellern gewichen. Ein Tipp von einst hat seine Gültigkeit allerdings behalten: Man solle das Mensa-Essen probieren, „aber nicht zur Stoßzeit um halb eins."
Von der Themenidee über die Recherche bis hin zum Layouten war und ist Campus für Journalistik-Studenten eine Gelegenheit, theoretisch Erlerntes anzuwenden. Die Teilzeit-Redakteure haben dabei unterschiedliche Interessen. Jan Woitas zum Beispiel wollte schon während seiner Campus-Mitarbeit Fotograf werden - und hat in der Lehrredaktion lohnende Erfahrungen gemacht: „Schön war im Rückblick, dass man viele Themen hatte, die sich schlecht fotografieren ließen, da musste man dann kreativ sein. Der gestalterische Anteil war schon recht groß", sagt Woitas.
Über Burnout und Plagiate
Vieles, was in vergangenen Jahren auf der "Campusseite" oder seit 2009 bei CAMPUS ONLINE zu lesen war, scheint heute überholt. Aber oftmals haben die studentischen Schreiber ein Gespür für Kommendes bewiesen.
Burnout als neues Thema? Bei Campus keineswegs. Hier war schon 2007 zu lesen, dass das Studium für viele angehende Akademiker keineswegs eine unbeschwerte Zeit sei, im Gegenteil: „Prüfungsangst, Leistungsdruck, Sorge vor der Zukunft: Immer mehr Studenten leiden unter akutem Stress", titelte Campus damals.
Freilich galt und gilt das nicht für alle. Zum Beispiel nicht für jene, die von wissenschaftlichen Arbeiten anderer abschreiben - eine weiteres Campus-Thema. „Peinlich, wenn sich am Arbeitsplatz herausstellt, dass der angeblich kluge Akademiker doch nur ein Bluffer ist", schrieb Kommilitonin Christine Göcke 2007 in einem Standpunkt zum Thema Plagiate und schloss - mit anscheinend hellseherischer Vorahnung: „Die Quittung kommt später im Berufsleben direkt ins Haus."
Der Autor Jonas Wissner ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.