Lehre + Forschung
Ein preußisches Geschenk an die Universität aus besseren Zeiten
Stefan Hantzschmann
Foto: Sebastian Münster
Die preußischen Hochschulen schenkten der Uni Leipzig 1909 diese Silberkette.
Leipzig. Eine versilberte Kette zeugt vom akademischen Ansehen der Universität Leipzig vor mehr als 100 Jahren. Das Schmuckstück erzählt eine Erfolgsgeschichte. Mittlerweile ist die Kette in Vergessenheit geraten und lagert im Uniarchiv. Dabei war sie einst ein herzliches Geburtstagsgeschenk von preußischen Professoren, die vor ihrer Berufung in Leipzig studiert hatten.
Es war das Jahr 1909. Die Universität Leipzig beging ihr 500-jähriges Bestehen, die ganze Stadt feierte mit. Es ist das größte Fest in der Geschichte der Alma mater. „Das wird deutlich, wenn man die Geschenklisten von 1909 und 2009 vergleicht", sagt Cornelia Junge von der Kustodie der Uni Leipzig. In der Kustodie lagern zahlreiche Kunstwerke, die die Universität in ihrer mehr als 600-jährigen Geschichte angehäuft hat – unter anderem Gemälde, Skulpturen und Schmuck. Diese Kunstsammlung beherbergt auch zahlreiche Jubiläumsgeschenke. „Während der Uni zur 600-Jahr-Feier vor allem Buchgeschenke und Grußkarten überreicht wurden, waren es 1909 deutlich mehr repräsentative und aufwendige Geschenke“, erzählt Sammlungskonservatorin Junge. Mehr als 200 Geschenke erhielt die Uni zum Jubiläum vor mehr als 100 Jahren. Neben dem silbernen Schrein der Karls-Universität Prag stach ein weiteres Präsent dabei heraus: Eine versilberte Kette mit den Universitätsmedaillen aller preußischen Unis. Das funkelnde Stück sagt viel über die Bedeutung der Alma mater um die Jahrhundertwende aus.
„Unsere Hochschule war mal eine Art Exzellenz-Uni. Um 1910 war Leipzig in vielen Wissenschaftsgebieten führend im Deutschen Reich“, sagt der Leiter des Uni-Archivs, Jens Blecher. Ein Leipziger Studium mit sehr gutem Abschluss öffnete die Türen für eine akademische Karriere. „Viele Leipziger Absolventen sind damals Professoren in Preußen geworden. Mit diesem Geschenk wollten sie ihrer Alma mater zum Jubiläum etwas Gutes tun“, erklärt Blecher. Die schwere, versilberte Kette sei sicher nicht billig gewesen und drücke die enorme Wertschätzung gegenüber der Uni aus. Zwischen aufwendigen Verzierungen hängen insgesamt 22 Medaillen – darunter auch die aller preußischen Universitäten.
Foto: Sebastian Münster
Ein Zeichen der Anerkennung: Die preußische Silberkette wurde der Uni zum 500-jährigen Bestehen geschenkt.
Als Geschenk war die Kette vor mehr als 100 Jahren ein Symbol für die Verbundenheit der preußischen Professoren zu ihrer Alma mater. Doch welche Bedeutung hat die Kette heute? Von künstlerischem Wert ist die Kette kaum, weiß Jens Blecher. „Aber interessant ist ja nicht das Stück Metall, sondern der historische Kontext“, erklärt der Archivar. Damit ist das
Schmuckstück zumindest für Historiker interessant. Die Kette zeige auch, dass repräsentative Geschenke früher einen höheren Stellenwert hatten. Auch Jubiläen wurden viel aufwendiger begangen als heute. Mittlerweile hat Blecher auch Uni-Rektorin Beate Schücking auf die preußische Kette aufmerksam gemacht. Blecher vermutet, dass bisher kein einziger Rektor diese kantige und schwere Kette je getragen hat.
Stattdessen kommt bei offiziellen Anlässen ein Duplikat der goldenen Rektorkette von 1855 zum Einsatz. „Im Unterschied zur originalen Rektorkette von 1855 handelt es sich bei der preußischen Kette nicht um eine Insignie“, erklärt Kustos Rudolf Hiller von Gaertringen. Insignien sind Symbole der Macht. Das Tragen dieser Symbole ist allein dem Rektor der Universität vorbehalten. Die echte Rektorkette wird in der Kustodie aufbewahrt. Die preußische Kette aus dem Uni-Archiv ist Hiller von Gaertringen nach eigenen Worten dagegen völlig unbekannt.
Eine Frage bleibt: Wenn die preußische Kette vom Ansehen der Uni Leipzig um 1909 zeugt, wie werden künftige Historiker das Renommee der Alma mater um 2009 beurteilen? Ein so prunkvolles Geschenk erhielt die Uni zu ihrem 600-jährigen Bestehen jedenfalls nicht.
Der Autor Stefan Hantzschmann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 03.01.2012, 19:10 Uhr