Lehre + Forschung
Im Auftrag der Lebenden - Medizinstudent stellt in seinem Nebenjob Plastinate her
Britta Veltzke
Foto: Britta Veltzke
Im Labor des Institus für Anatomie: Felix Schmidt bereitet die Plastination eines Gehirns vor.
Plastinate zeigen unverändert die Struktur menschlicher Körperteile. Zu handlichen Formen erstarrt, sind sie auch ein wichtiger Bestandteil der anatomischen Ausbildung. Felix Schmidt, Medizinstudent im sechsten Semester, stellt am Institut für Anatomie der Universität Plastinate von Gehirnen her. Ein Besuch an seinem Arbeitsplatz.
So lang erforscht und immer noch ein Mysterium: das Gehirn, das zentrale Steuerungssystem des menschlichen Organismus. Hier gelangen Informationen ins Bewusstsein, Verhalten wird koordiniert, Entscheidungen fallen, Gefühle entstehen – ein Leben lang. Felix Schmidt hält das Organ behutsam in den Händen, das einmal das Dasein eines Menschen bestimmte, der seinen Körper der Wissenschaft vermacht hat.
Felix gießt eine dickflüssige Masse aus einem Plastikfass in eine gläserne Glocke und mischt eine klare Flüssigkeit unter. „Das sind Silikon und ein Härtemittel“, sagt er. Das Mischungsverhältnis hat er im Kopf. Hinein legt er Schnitte des menschlichen Gehirns. Das Labor im Untergeschoss des Gebäudes in der Liebigstraße 13 ist nicht größer als 20 Quadratmeter. In der Mitte und an den Seiten ist der Raum mit Arbeitsflächen sowie allerlei Apparaturen ausgestattet, manche tragen Gefahrensymbole. Auf einem Gerät schwappt ein Präparat in einem Gefäß mit heller Lösung unermüdlich hin und her. Den Boden hat Felix mit Plastikplanen ausgelegt. „Das Silikon ist sehr hartnäckig. Das kriegt man nur schwer wieder ab“, erläutert er. Die Organe, die Felix plastinierten soll, liegen an seinem Arbeitsplatz in weißen Tüchern verpackt in einer Plastikbox mit Aceton. Das farblose Lösungsmittel befindet sich auch in den Zellen. Durch Gefrieraustausch wurde damit vorher das Gewebewasser ersetzt.
In der Öffentlichkeit wird Felix´ Arbeitsplatz häufig nicht wie jeder andere gesehen. Auch Kinofilme wie „Anatomie“ haben dazu beigetragen. „Von außen wird unser Institut oft nur als Ort betrachtet, an dem Menschen seziert werden“, erklärt Prof. Ingo Bechmann. Er ist der Leiter des Instituts für Anatomie der Universität Leipzig. In seinen Forschungsprojekten arbeitet er daran, Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Alzheimer oder Querschnittslähmung besser behandeln zu können. Das Interesse der Öffentlichkeit, zu sehen, was sich unter der Haut verberge, sei verständlicherweise groß, meint er. Dabei hätten die meisten Nicht-Mediziner nur die Ausstellung „Körperwelten“ von Gunther von Hagens vor Augen. „Das sind keine guten Präparate“, kritisiert der Anatom. Bei der Schau stünden die Sensation und die Inszenierung des toten Menschen im Mittelpunkt. Der Anspruch, die Plastinate so herzustellen, dass die biologische Funktion des Körpers deutlich würde, sei eher zweitrangig.
Bei dem Plastinat, das Felix Schmidt gerade anfertigt, ist das aber ein Muss. Daran sollen im kommenden Semester Studierende im Neuroanatomiekurs den Aufbau des Gehirns lernen. Den oberen Rand der Glasglocke fettet Felix mit einer Art Vaseline, dem Silikonfett, ein und setzt den Deckel darauf. Am oberen Ende der Glocke ist ein schwarzer Schlauch befestigt. „Dabei muss ich aufpassen, dass sich keine kleinen Teile mehr dazwischen befinden - sonst besteht Implosionsgefahr“, erklärt Felix.
Seit drei Semestern arbeitet der 22-Jährige in der Anatomie. Den Job habe er eher zufällig durch einen Kommilitonen bekommen. Für ihn sei das eine Hilfskraftstelle wie jede andere. „Ein Plastinat zu machen, ist recht simpel. Das kann eigentlich jeder“, meint er. Für Felix sei es aber eine besonders spannende Tätigkeit „mit großem Erkenntnisgewinn“, weil Zusammenhänge, die er in Büchern gelesen oder in Vorlesungen gehört habe, am Präparat sofort sichtbar würden.
Die Aufregung, die er vor seiner ersten Präparierstunde gespürt hat, ist der Routine gewichen. Der Respekt vor den Toten bleibt. Im „Präpsaal“, wie die Studierenden sagen, herrscht eine spürbare Faszination von der Anatomie des Menschen. Dabei lernen zehn bis 15 Studenten an einem toten Körper die anatomischen Strukturen.
Im Raum neben dem Labor sind Pumpen an der Wand befestigt. Felix erklärt den nächsten Arbeitsschritt: „Durch hohen Druck entsteht in der verschlossenen Glasglocke mit dem Präparat ein Vakuum. Das Aceton in den Zellen beginnt zu kochen und entweicht. Anstelle dessen dringt Silikon in das Gewebe.“ Der Druck müsse ständig erhöht werden. Wann und wie hoch, erkenne er an den Blasen, die aus dem Präparat nach oben steigen. Zwei bis drei Tage muss das Gewebe in der Vakuumpumpe bleiben. „Wenn ich das jetzt anstellen würde, müsste ich hier einziehen“, sagt Felix. Es ist Samstagvormittag, ein verlängertes Wochenende steht bevor. Daher verschiebt er diesen Arbeitsschritt auf nächste Woche.
Zurück im Labor deutet er auf quadratische Gitter, die waagerecht an der Wand befestigt sind. Dazwischen liegen die Präparate - eingewickelt in Papiertüchern mit Härtemittel. „Hier härten die Schnitte aus“, erklärt Felix. Durch die chemische Reaktion, die Polymerisation, entstehen lange Molekülketten. Nach dem Vorgang fühlt sich das fertige Plastinat an, wie ein glatter Gegenstand aus Kunststoff. Robust und geruchsneutral. „Das baumförmige hier ist das Kleinhirn.“ Felix hält eines seiner Plastinate in der Hand. „Das ist primär für die Feinmotorik zuständig.“ An einer Stelle steht noch etwas über. „Das muss ich nachpräparieren“, erklärt er selbstkritisch. Dem Kleinhirn sei Dank.
Die Autorin Britta Veltzke ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 06.07.2011, 09:26 Uhr