21.05.2012 12:50 Uhr
 
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Tschüss, Prof! – Professor im Ruhestand - das heißt: kein Verwaltungskram mehr, keine Lehrverpflichtungen, keine Prüfungen. Aber kann ein Wissenschaftler einfach so mit dem Forschen aufhören? Campus hat bei einigen nachgefragt. Physiker Wolfgang Oehme weiß schon jetzt, was er besonders vermissen wird: Die Arbeit mit künftigen Physiklehrern und Schülern - und seine Experimentierkästen.
 

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Lehre + Forschung

Nomaden auf der Spur

Ethnologie-Professorin Annegret Nippa beobachtet das Leben in der iranischen Moshee in Damaskus.   Foto: Peter Herbstreuth Ethnologie-Professorin Annegret Nippa beobachtet das Leben in der iranischen Moshee in Damaskus.
Reisen bildet, heißt es. Bei Ethnologen gehört es sogar zur Aus- und Fortbildung. Ohne Reisen keine neuen Erkenntnisse, bestätigt Annegret Nippa, Ethnologie-Professorin dert Leipziger Universität. Sie beobachtet und beschreibt seit elf Jahren das Leben von Nomaden. Die Forschung gibt ihr Anregungen für die eigene, westliche Gesellschaft.

17 Mal bereiste Annegret Nippa Syrien, Jemen, Nepal und den Iran. Wochenlang beobachtete sie jedes Detail, schaute sich Häuser, Bräuche, Verhalten der Menschen an. Aus ihren Beobachtungen entwickelte sie eine überraschende Erkenntnis: „Wir hier sind oft zu schlicht im Denken."

Sie wählt als Beispiel die Geschlechtertrennung, die sie bei Nomaden erlebt hat, aber auch von anderen ethnologischen Forschungen kennt. So sei es bei klarer Zuordnung der Frauen zum Haushalt und der Männer zum öffentlichen und politischen Leben jahrelang unerklärlich geblieben, warum Frauen in politischen Gremien dennoch mitentschieden. Das Problem war der typisch westliche Blick.

Im Gespräch mit einem Beduinen über den Horizont und die Vorstellungen, die Männer der Steppe damit verbinden.   Foto: Peter Herbstreuth Im Gespräch mit einem Beduinen über den Horizont und die Vorstellungen, die Männer der Steppe damit verbinden.
Ihm entsprechend hatten die Forscher die Menschen in zwei Gruppen eingeteilt: in Männer und Frauen. Doch in traditionell geprägten Gesellschaften Afrikas und Asiens sei das nur eine Unterteilung, eine zweite betrifft das Alter, erläutert Annegret Nippa.

In diesen Gesellschaften sind Frauen vor ihrer Menopause tatsächlich von politischen Entscheidungsfindungen ausgeschlossen. Doch ab dem Zeitpunkt, wenn sie keine Kinder mehr bekommen können, ändert sich ihre Funktion: „Wenn die Frauen wollen, können sie sich dann am politischen Leben beteiligen." Dann säßen sie mit den Männern beisammen und diskutierten auf Augenhöhe.

Warum aber nicht von Anfang an? „Vorher gelten Frauen als bedrohlich, weil sie schwanger werden könnten - auch von einem anderen als ihrem Partner ", erklärt die 60-jährige Professorin. Denn sexuelle Anziehung gebe es überall. Doch Unsicherheit über die Vaterschaft destabilisiere das soziale Gefüge in Stammesgesellschaften.

Unreine" Frauen ziehen sich zurück

„Ein Lied für die Kamera“ Eine Beduinen-Frau erzählt von früher und erinnert sich an ein Lied, das die jungen Mädchen im Zeltlager gesungen haben.   Foto: Peter Herbstreuth „Ein Lied für die Kamera“ Eine Beduinen-Frau erzählt von früher und erinnert sich an ein Lied, das die jungen Mädchen im Zeltlager gesungen haben.
Bis sie keine Kinder mehr bekommen können, sind die Lebensbereiche von Männern und Frauen deutlich getrennt. Ein bekanntes Beispiel ist die Zeit der Menstruation, in der Frauen in vielen Gesellschaften als „unrein" gelten und weder kochen noch säen dürfen. Annegret Nippa lacht, sie überführt das westliche Denken sofort. Ihrer Ansicht nach muss es heißen: Sie brauchen weder kochen noch säen - wenigstens vier Tage im Monat. Sie hält diese Zeit für eine „Befreiung", für die einzige Möglichkeit, dass Frauen sich eine Zeit lang zurückziehen können. Schließlich arbeiteten sie täglich von früh bis spät. Die vielbeschäftigte Professorin, die neben der Alltagsarbeit als Institutsleiterin und Wissenschaftlerin zurzeit eine Ausstellung über den Sonderforschungsbereich „Differenz und Integration" des Leipziger Instituts im Hamburger Museum für Völkerkunde fertig stellt, würde das System gern übernehmen: „Ich könnte so eine monatliche Auszeit gut gebrauchen."

zum Thema Nomaden - 5.000 Jahre brisante Begegnungen - Die Ausstellung
Ursprünglich hatte Annegret Nippa Archäologie studiert, doch lebende Gesellschaften faszinierten sie mehr als vergangene, und so wechselte sie nach dem Abschluss zur Ethnologie. Geforscht wird vor Ort, Reisen gehört also zum Alltag. Mit Fotoapparat und Notizblock bestückt, besuchen Nippa und ihre Kollegen entlegene Winkel und abgeschottete Stämme. Sie beobachten, zeichnen, fotografieren, notieren, was sie sehen und erleben. Jede Reise hat ihre Kladde, jeder Ort seine Bilder. Zu Hause wird das Material gesichtet, durchgearbeitet und eingeordnet - wie bei allen anderen Wissenschaften auch.

Indianerstämme treffen Entscheidungen nur einstimmig


Das Institut für Ethnologie ist mit dem Thema „Differenz und Integration - Begegnung nomadischer und sesshafter Gesellschaften" am profilbildenden Forschungsbereich „Riskante Ordnungen" der Universität Leipzig beteiligt. Gesellschaftliche Formationen werden immer wieder verhandelt, welche sich durchsetzt ist immer eine Frage der Anpassung, der Übernahme eventuell besserer Ideen.

Bei allen Forschungsreisen findet die Arbeit von Annegret Nippa zu großen Teilen auch am Schreibtisch statt.   Foto: Julia Reinard Bei allen Forschungsreisen findet die Arbeit von Annegret Nippa zu großen Teilen auch am Schreibtisch statt.
Annegret Nippa sagt, sie hole sich bei anderen Gesellschaften Anregungen für das eigene Umfeld. „Dass die Mehrheit sich durchsetzt, ist nur ein Weg, um Entscheidungen zu fällen, noch dazu ein phantasieloser", folgert sie aus der Forschung. In nordamerikanischen Indianerstämmen beispielsweise würden Entscheidungen immer Konsens getroffen. Dort träfen sich alle im Zelt, hielten ein sogenanntes „Palaver" ab und kämen erst wieder hinaus, wenn sie sich einig sind. Das könne dauern.

Dennoch hält Nippa diese Variante für nachahmenswert. Denn die Beteiligten versuchten nicht, mit Lobbyarbeit Mehrheiten herzustellen, sondern müssten die eigenen Argumente immer wieder anpassen und prüfen. Mehr Zeit beim Fällen von Entscheidungen hält sie ohnehin für angebracht: „Ich finde, in unserer Gesellschaft wird viel zu oft viel zu schnell entschieden." Auch dafür hat sie ein Beispiel: die Studienreform zum Bachelor-Master-Sytem.

Afghanistan: Richter als Vermittler

Ethnologie-Professorin Nippa erkundet Kultur und Alltag von Wandervölkern   Foto: Julia Reinard Ethnologie-Professorin Nippa erkundet Kultur und Alltag von Wandervölkern
Die Ethnologie helfe beim Verständnis fremder Kulturen, erklärt die Professorin. So muss das westliche Rechtswesen in Ländern wie Afghanistan scheitern, weil dort ein anderes Rechts-Verständnis herrscht. „Richter sind dort Vermittler", erklärt Nippa. Sie versuchen eine Streitsache zwischen zwei Menschen - mit den dahinter stehenden Familien - aus der Welt zu schaffen. Auch dabei ist oberstes Ziel die Einigkeit. Und das Urteil setzen die Familien durch, nicht die Staatsgewalt.

Den Versuch, Einigkeit zu erreichen, sieht sie neuerdings auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Sie zählt Heiner Geißler und den Stuttgart-21-Streit auf, verweist auf Ombudsmänner, die es schon jahrzehntelang gibt, und Mediatoren, die erst seit einer Dekade vermitteln. „Manche gute Idee gibt es auch bei uns", gibt die Ethnologin zu, „sie muss nur genutzt werden."

Die Autorin Julia Reinard ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
 
 
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