21.05.2012 12:55 Uhr
 
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"Pädophilie sucht sich niemand aus" - Leipziger Ambulanz-Leiter im Interview

Henry Alexander kennt die Perspektive der Missbrauchsopfer   Foto: Stefan Lehmann Henry Alexander kennt die Perspektive der Missbrauchsopfer
Pädophile sind Verbrecher und gehören weggesperrt – so heißt es an so manchem Stammtisch. Professor Henry Alexander hält im Interview dagegen: Mit der richtigen Therapie könnten sie ihr sexuelles Verlangen ein Leben lang unter Kontrolle halten. Alexander leitet die neue Ambulanz für Pädophile am Leipziger Uni-Klinikum. Der Mediziner weiß auch um die Nöte von Missbrauchsopfern.

Pädophilie ist ein gesellschaftliches Tabu und kaum erforscht. Nun kommt ein weltweit einzigartiges Projekt der Charité Berlin nach Leipzig: Pädophile, die zum Dunkelfeld gehören, also nicht als Straftäter bekannt sind, können sich in der neuen Ambulanz zur Therapie anmelden. Es geht nicht darum, ihnen die sexuellen Neigungen „wegzutherapieren“. Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen sind sich heute einig, dass das gar nicht möglich ist.

Allerdings kann es mit Hilfe von Verhaltenstherapie und Medikamenten gelingen, den sexuellen Trieb „einzuhegen“, davon sind die Forscher des Präventionsprojekts Dunkelfeld überzeugt. Es wurde 2005 an der Charité ins Leben gerufen. Um die Anreise für die Patienten zu verkürzen, eröffnen immer mehr Ambulanzen in Deutschland, Leipzig ist mittlerweile die vierte. Dassächsische Sozialministerium finanziert das Projekt mit 100.000 Euro pro Jahr, zunächst bis Ende 2012. Seit Oktober haben sich 20 Männer zur Therapie bei Professor Henry Alexander am Leipziger Uni-Klinikum gemeldet.

Herr Professor Alexander, Sie sind Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Jetzt leiten Sie das Präventionsprojekt "Dunkelfeld" und wollen Pädophile therapieren. Warum?


Henry Alexander: Bei unseren Kinderwunschpatienten habe ich immer wieder mit Fällen von sexuellem Missbrauch zu tun. Die Paare kommen zu uns, weil sie sich ein Kind wünschen, aber die Sexualität nicht funktioniert. Manchmal kommt heraus, dass die Frau als Kind vergewaltigt wurde. Ich sehe also immer wieder die dramatischen Folgen und kenne auch die Perspektive der Opfer. Ich bin überzeugt, dass das Präventionsprojekt dabei helfen kann, sexuelle Übergriffe zu verhindern.

Hatten Sie bei Paaren, die sich Kinder wünschen, bereits mit Pädophilen zu tun?


Ja, tatsächlich. Es liegt nicht immer an der Frau, wenn es im Bett nicht funktioniert. Dann fragt man weiter und weiter und kommt plötzlich zu einem Ergebnis, das die ganze Beziehung auf den Kopf stellen kann: Der Mann ist schwul. Oder er ist transsexuell. Oder eben pädophil – nicht seine Frau ist für ihn sexuell anziehend, sondern Kinder sind es.

Die Leipziger Ambulanz gehört zum Netzwerk des “Präventionsprojekts Dunkelfeld“ der Charité in Berlin. Warum fiel die Wahl auf Leipzig?


Leipzig hat eine günstige Lage: Hierher können auch Patienten aus Sachsen-Anhalt und Thüringen relativ schnell anreisen, solange es dort noch keine Zentren gibt. Bis jetzt war in Berlin die nächste Anlaufstelle. Dort kam fast jeder zehnte Patient aus Sachsen. Einige hatten die Therapie abgebrochen, weil ihnen die Entfernung zu groß war, um wöchentlich zu den dreistündigen Therapiesitzungen anzureisen. Das wollen wir verhindern.

Pädophile werden häufig mit Missbrauchstätern gleichgesetzt, bei denen es nichts zu therapieren gibt.­


zum Thema Fotos: Uni-Klinik Leipzig eröffnet Ambulanz für Pädophile Uni-Klinik Leipzig eröffnet Ambulanz für Pädophile – Therapie soll Missbrauchstaten verhindern Mehr Informationen zum Projekt im Internet
Das ist eine undifferenzierte Sicht. Es ist richtig, dass Pädophile das sexuelle Schema ihr ganzes Leben lang behalten werden. Aber es ist sehr wohl möglich, dass sie keine Straftat begehen. Darum geht es uns. Es werden auch bei weitem nicht alle Fälle von Kindesmissbrauch von Pädophilen begangen. Die Forschung zeigt, dass etwa 60 Prozent der Übergriffe auf Kinder nicht von Pädophilen ausgehen, sondern von gewalttätigen und dissozialen Männern, die unfähig sind, sich an gesellschaftliche Normen zu halten und Ersatzhandlungen begehen. Dabei spielen die Täter ihre körperliche Überlegenheit aus, um ihre Triebe zu befriedigen.

Wie viele Menschen gelten als pädophil?


Es wird geschätzt, dass bis zu einem Prozent der männlichen Bevölkerung betroffen ist, in Deutschland etwa 250.000. Das zieht sich durch alle sozialen Schichten. Sie verfestigen in ihrer pubertären Entwicklung das kindliche Körperschema als das sexuell stimulierende, dafür können sie nichts. Pädophilie sucht sich niemand selbst aus. Niemand ist Schuld an seiner sexuellen Neigung. Aber jeder hat die Verantwortung für sein sexuelles Verhalten.

Was geschieht bei der Therapie genau?


Die Therapie in Leipzig hat noch nicht begonnen. Wir befinden uns gerade in der Diagnostik-Phase. Rund 20 Anfragen haben wir seit Oktober bekommen. Bei der Therapie erlernen die Patienten,ihre sexuellen Wünsche angemessen wahrzunehmen und zu bewerten. Sie lernen, gefährliche Entwicklungen zu identifizieren und darauf mit Strategien zur Verhinderung von sexuellen Übergriffen zu reagierendazu kann zum Beispiel gehören, Plätze zu meiden, an denen sich Kinder aufhalten. Es geht um eine verantwortungsvolle Kontrolle der pädophilen Impulse.

Also müssen die Patienten in dieser Zeit womöglich ihr Leben umkrempeln?


Das kann passieren. Die Betroffenen, die bei uns Hilfe suchen, wollen ja etwas ändern. Unter Umständen kann es sein, dass es besser ist, den Beruf zu wechseln. Pädophile ergreifen ja oft Berufe, bei denen sie Kindern nahe sind, zum Beispiel im pädagogischen Bereich. Deshalb ist es umso wichtiger, pädophile Männer präventiv zu erreichen, bevor sie ihre Berufswahl treffen. Verbreitet bei Patienten, die ins Projekt kommen, sind übrigens auch kognitive Verzerrungen, auf die wir als Therapeuten reagieren müssen.

Was meinen Sie damit?


Wenn ein Kind auf Pädophile zukommt, deuten sie in das Verhalten oftmals sexuelle Botschaften hinein. Sie müssen verstehen lernen, dass das ihre Wahrnehmungen sind und nicht im geringsten der Intention des Kindes entsprechen. Oft ist ihnen nicht klar, was sie einem Kind mit einem sexuellen Übergriff antun können. Hier spielt auch mit hinein, dass Pädophile meist jahrelang versuchen, ihre Neigung zu verdrängen. Sie glauben, dass sie ein ganz normales Familienleben führen. Und dann kommen sie plötzlich in Situationen, in denen sie die Kontrolle verlieren.

Ist Kindern bewusst, dass sie missbraucht werden?


Natürlich ist ihnen klar, dass etwas nicht stimmt. Aber sie können es nicht immer als Missbrauch benennen, oftmals wird es ihnen erst Jahre später bewusst. Kinder können einen Missbrauch auch nicht kommen sehen. Der Täter hat einen Wissens- und Machtvorsprung. Er weiß, wie er die Situation manipulieren kann. Es ist ein Trugschluss der Pädophilen, dass Kinder bewusst sexuelle Kontakte mit ihnen eingehen – Kinder wissen nicht, was Sexualität ist. Das blenden Pädophile aus – sie fühlen sich ja sexuell zu ihnen hingezogen. Doch das beruht nicht auf Gegenseitigkeit.

20 Betroffene haben sich bislang gemeldet.   Foto: Stefan Lehmann 20 Betroffene haben sich bislang gemeldet.
Kann man überhaupt ein halbwegs normales Leben führen, wenn man nie seine Sexualität auslebt?

Das ist die problematische Frage. Jeder wird mit diesem Konflikt anders umgehen. Jeder Patient muss seine Bewältigungsstrategie dafür entwickeln, dass er seine sehnsüchtigsten Wünsche nicht erfüllen kann. Die Erfahrungen des Projektes zeigen jedoch, dass es möglich ist, Fantasien nicht in Taten umzusetzen.

Und wenn die Verhaltenstherapie nichts bringt?


Dann können auch Medikamente zum Einsatz kommen. Wir verabreichen unter anderem Antihormone, welche die sexuellen Triebe dämmen. Aber diese können jegliche Zweisamkeit zerstören. Es gibt nämlich auch Betroffene mit Frau und Kind, die in der Nebenströmung pädophil sind.

Wer kann sich bei Ihnen therapieren lassen?


Wir befassen uns ausschließlich mit dem so genannten Dunkelfeld. Wer wegen Kindesmissbrauch verurteilt wurde und Strafauflagen hat, kann nicht in das Programm aufgenommen werden. Es sei denn, derjenige hat die Strafe abgesessen und befürchtet, rückfällig zu werden.Vordergründig richtet sich das Projekt an Personen, die bislang keine Straftaten begangen haben, aber befürchten, diese in der Zukunft zu begehen. Auch Männer, die bereits Straftaten begangen haben, aber den Strafverfolgungsbehörden (noch) nicht bekannt sind, können zu uns kommen. Wir gewährleisten volle Anonymität. Auch die medikamentöse Therapie erfolgt anonym und nicht per Rezept. Dies ermöglicht die ärztliche Schweigepflicht.

Kann es passieren, dass Sie die Schweigepflicht brechen müssen?


Grundsätzlich gilt: Wir müssen die Schweigepflicht nicht brechen. Der Gesetzgeber sieht vor, dass Therapeuten alle ihm zur Verfügung stehenden therapeutischen Mittel nutzen, bevor es zu einer Aufhebung der Schweigepflicht kommt. Diese darf allerdings aufgehoben werden, wenn Gefahr im Verzug ist. Eine Entbindung von der Schweigepflicht kann allerdings auch zunächst bedeuten, die Angehörigen zu informieren.

Fürchten Sie nicht, dass jemand, den Sie therapieren, Übergriffe begeht?


Natürlich tun wir alles, damit das nicht passiert. Aber was wäre die Alternative? Dass er es ohne Behandlung auch getan hätte?

Ich stelle es mir schwierig vor, wie Sie den Erfolg der Therapie feststellen wollen.


Sie haben Recht, die Erfolgskontrolle ist schwierig. So schnell wird sich das nicht in abnehmenden Missbrauchsstatistiken äußern. Es gibt ja mit Leipzig erst vier Anlaufstellen in Deutschland. Doch weitere sind geplant. Ich bin überzeugt, dass wir Missbrauch verhindern werden. Und die Erfahrungen der Anlaufstellen des Projektes belegen dies durchaus.

Der Autor Martin Rank ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.


Betroffene können sich unter der Telefonnummer (0341) 9723958 oder per E-Mail (dunkelfeld@medizin.uni-leipzig.de) an die Ambulanz in Leipzig wenden. Weitere Informationen zum Projekt gibt es unter www.kein-taeter-werden.de .
 
 
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