Foto: Stefan Lehmann
Henry Alexander kennt die Perspektive der Missbrauchsopfer
Pädophile sind Verbrecher und gehören weggesperrt – so heißt es an so
manchem Stammtisch. Professor Henry Alexander hält im Interview dagegen: Mit der
richtigen Therapie könnten sie ihr sexuelles Verlangen ein Leben lang
unter Kontrolle halten. Alexander leitet die neue Ambulanz für Pädophile
am Leipziger Uni-Klinikum. Der Mediziner weiß auch um die Nöte von
Missbrauchsopfern.
Pädophilie ist ein gesellschaftliches
Tabu und kaum erforscht. Nun kommt ein weltweit einzigartiges Projekt der Charité Berlin nach Leipzig: Pädophile, die zum Dunkelfeld gehören, also nicht als Straftäter bekannt sind, können sich in der neuen Ambulanz zur Therapie anmelden. Es geht nicht darum, ihnen die sexuellen Neigungen „wegzutherapieren“. Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen sind sich heute einig, dass das gar nicht möglich ist.
Allerdings kann es mit Hilfe von Verhaltenstherapie und Medikamenten gelingen, den sexuellen Trieb „einzuhegen“, davon sind die Forscher des Präventionsprojekts Dunkelfeld überzeugt. Es wurde 2005 an der Charité ins Leben gerufen. Um die Anreise für die Patienten zu verkürzen, eröffnen immer mehr Ambulanzen in Deutschland, Leipzig ist mittlerweile die vierte. Dassächsische Sozialministerium finanziert das Projekt mit 100.000 Euro pro Jahr, zunächst bis Ende 2012. Seit Oktober haben sich 20 Männer zur Therapie bei Professor Henry Alexander am Leipziger Uni-Klinikum gemeldet.
Herr Professor
Alexander, Sie sind
Facharzt für Frauenheilkunde
und Geburtshilfe. Jetzt leiten Sie das
Präventionsprojekt "Dunkelfeld"
und wollen Pädophile
therapieren. Warum?
Henry Alexander: Bei unseren Kinderwunschpatienten habe
ich immer wieder mit Fällen von sexuellem Missbrauch zu tun. Die
Paare kommen zu uns, weil sie sich ein Kind wünschen, aber die
Sexualität nicht funktioniert. Manchmal kommt heraus, dass die Frau
als Kind vergewaltigt wurde. Ich sehe also immer wieder die
dramatischen Folgen und kenne auch die Perspektive der Opfer. Ich bin
überzeugt, dass das Präventionsprojekt dabei helfen kann, sexuelle
Übergriffe zu verhindern.
Hatten Sie bei
Paaren, die sich Kinder
wünschen, bereits mit
Pädophilen zu tun?
Ja, tatsächlich. Es liegt nicht immer
an der Frau, wenn es im Bett nicht funktioniert. Dann fragt man
weiter und weiter und kommt plötzlich zu einem Ergebnis, das die
ganze Beziehung auf den Kopf stellen kann: Der Mann ist schwul. Oder
er ist transsexuell. Oder eben pädophil – nicht seine Frau ist für
ihn sexuell anziehend, sondern Kinder sind es.
Die Leipziger
Ambulanz gehört zum
Netzwerk des “Präventionsprojekts Dunkelfeld“
der Charité in Berlin.
Warum fiel die Wahl
auf Leipzig?
Leipzig hat eine günstige Lage:
Hierher können auch Patienten aus Sachsen-Anhalt und Thüringen
relativ schnell anreisen, solange es dort noch keine Zentren gibt.
Bis jetzt war in Berlin die nächste Anlaufstelle. Dort kam fast
jeder zehnte Patient aus Sachsen. Einige hatten die Therapie
abgebrochen, weil ihnen die Entfernung zu groß war, um wöchentlich
zu den dreistündigen Therapiesitzungen anzureisen. Das wollen wir
verhindern.
Pädophile werden
häufig mit Missbrauchstätern
gleichgesetzt, bei denen es
nichts zu therapieren
gibt.
Das ist eine undifferenzierte Sicht. Es
ist richtig, dass Pädophile das sexuelle Schema ihr ganzes Leben
lang behalten werden. Aber es ist sehr wohl möglich, dass sie keine
Straftat begehen. Darum geht es uns. Es werden auch bei weitem nicht
alle Fälle von Kindesmissbrauch von Pädophilen begangen. Die
Forschung zeigt, dass etwa 60 Prozent der Übergriffe auf Kinder
nicht von Pädophilen ausgehen, sondern von gewalttätigen und
dissozialen Männern, die unfähig sind, sich an gesellschaftliche
Normen zu halten und Ersatzhandlungen begehen. Dabei spielen die
Täter ihre körperliche Überlegenheit aus, um ihre Triebe zu
befriedigen.
Wie viele
Menschen gelten als
pädophil?
Es wird geschätzt, dass bis zu einem
Prozent der männlichen Bevölkerung betroffen ist, in Deutschland
etwa 250.000. Das zieht sich durch alle sozialen
Schichten. Sie verfestigen in ihrer pubertären Entwicklung das
kindliche Körperschema als das sexuell stimulierende, dafür können
sie nichts. Pädophilie sucht sich niemand selbst aus. Niemand ist Schuld an seiner sexuellen Neigung. Aber jeder hat die Verantwortung für sein sexuelles Verhalten.
Was geschieht
bei der Therapie genau?
Die Therapie in Leipzig hat noch nicht
begonnen. Wir befinden uns gerade in der Diagnostik-Phase. Rund 20
Anfragen haben wir seit Oktober bekommen. Bei der Therapie erlernen die Patienten,ihre sexuellen Wünsche angemessen wahrzunehmen und zu bewerten. Sie lernen, gefährliche Entwicklungen zu identifizieren und darauf mit Strategien zur Verhinderung von sexuellen Übergriffen zu reagieren – dazu kann zum Beispiel gehören, Plätze zu meiden, an denen sich Kinder aufhalten. Es geht um eine verantwortungsvolle Kontrolle der pädophilen
Impulse.
Also müssen
die Patienten in dieser
Zeit womöglich ihr Leben
umkrempeln?
Das kann passieren. Die Betroffenen,
die bei uns Hilfe suchen, wollen ja etwas ändern. Unter Umständen
kann es sein, dass es besser ist, den Beruf zu wechseln. Pädophile
ergreifen ja oft Berufe, bei denen sie Kindern nahe sind, zum
Beispiel im pädagogischen Bereich. Deshalb ist es umso wichtiger,
pädophile Männer präventiv zu erreichen, bevor sie ihre Berufswahl
treffen. Verbreitet bei Patienten, die ins
Projekt kommen, sind übrigens auch kognitive Verzerrungen, auf die
wir als Therapeuten reagieren müssen.
Was meinen
Sie damit?
Wenn ein Kind auf Pädophile zukommt,
deuten sie in das Verhalten oftmals sexuelle Botschaften hinein. Sie
müssen verstehen lernen, dass das ihre Wahrnehmungen sind und nicht
im geringsten der Intention des Kindes entsprechen. Oft ist ihnen
nicht klar, was sie einem Kind mit einem sexuellen Übergriff antun
können. Hier spielt auch mit hinein, dass Pädophile meist jahrelang
versuchen, ihre Neigung zu verdrängen. Sie glauben, dass sie ein
ganz normales Familienleben führen. Und dann kommen sie plötzlich
in Situationen, in denen sie die Kontrolle verlieren.
Ist Kindern
bewusst, dass sie
missbraucht werden?
Natürlich ist ihnen klar, dass etwas
nicht stimmt. Aber sie können es nicht immer als Missbrauch
benennen, oftmals wird es ihnen erst Jahre später bewusst. Kinder
können einen Missbrauch auch nicht kommen sehen. Der Täter hat
einen Wissens- und Machtvorsprung. Er weiß, wie er die Situation
manipulieren kann. Es ist ein Trugschluss der Pädophilen, dass
Kinder bewusst sexuelle Kontakte mit ihnen eingehen – Kinder wissen
nicht, was Sexualität ist. Das blenden Pädophile aus – sie fühlen
sich ja sexuell zu ihnen hingezogen. Doch das beruht nicht auf
Gegenseitigkeit.
Foto: Stefan Lehmann
20 Betroffene haben sich bislang gemeldet.
Kann man
überhaupt ein halbwegs
normales Leben führen,
wenn man nie seine
Sexualität auslebt?Das ist die problematische Frage. Jeder
wird mit diesem Konflikt anders umgehen. Jeder Patient muss seine
Bewältigungsstrategie dafür entwickeln, dass er seine
sehnsüchtigsten Wünsche nicht erfüllen kann. Die Erfahrungen des
Projektes zeigen jedoch, dass es möglich ist, Fantasien nicht in
Taten umzusetzen.
Und wenn die
Verhaltenstherapie nichts bringt?Dann können auch Medikamente zum
Einsatz kommen. Wir verabreichen unter anderem Antihormone, welche
die sexuellen Triebe dämmen. Aber diese können jegliche Zweisamkeit
zerstören. Es gibt nämlich auch Betroffene mit Frau und Kind, die
in der Nebenströmung pädophil sind.
Wer kann sich
bei Ihnen therapieren
lassen?Wir befassen
uns ausschließlich mit dem so genannten Dunkelfeld. Wer wegen
Kindesmissbrauch verurteilt wurde und Strafauflagen hat, kann nicht in das Programm aufgenommen
werden. Es sei denn, derjenige hat die Strafe abgesessen und
befürchtet, rückfällig zu werden.Vordergründig
richtet sich das Projekt an
Personen, die bislang keine Straftaten begangen haben, aber befürchten, diese in der Zukunft zu begehen. Auch Männer, die bereits Straftaten begangen haben, aber den Strafverfolgungsbehörden (noch) nicht bekannt sind, können zu uns kommen. Wir gewährleisten volle Anonymität.
Auch die medikamentöse Therapie erfolgt anonym und nicht per Rezept.
Dies ermöglicht die ärztliche Schweigepflicht.
Kann es
passieren, dass Sie die
Schweigepflicht brechen müssen?Grundsätzlich gilt: Wir müssen die
Schweigepflicht nicht brechen. Der Gesetzgeber sieht vor, dass
Therapeuten alle ihm zur Verfügung stehenden therapeutischen Mittel
nutzen, bevor es zu einer Aufhebung der Schweigepflicht kommt. Diese
darf allerdings aufgehoben werden, wenn Gefahr im Verzug ist. Eine
Entbindung von der Schweigepflicht kann allerdings auch zunächst
bedeuten, die Angehörigen zu informieren.
Fürchten Sie
nicht, dass jemand, den
Sie therapieren, Übergriffe
begeht?Natürlich tun wir alles, damit das
nicht passiert. Aber was wäre die Alternative? Dass er es ohne
Behandlung auch getan hätte?
Ich stelle es
mir schwierig vor, wie
Sie den Erfolg der
Therapie feststellen wollen.Sie haben Recht, die Erfolgskontrolle
ist schwierig. So schnell wird sich das nicht in abnehmenden
Missbrauchsstatistiken äußern. Es gibt ja mit Leipzig erst vier
Anlaufstellen in Deutschland. Doch weitere sind geplant. Ich bin
überzeugt, dass wir Missbrauch verhindern werden. Und die
Erfahrungen der Anlaufstellen des Projektes belegen dies durchaus.
Der
Autor Martin Rank ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.Betroffene können sich unter der Telefonnummer (0341) 9723958 oder per E-Mail (dunkelfeld@medizin.uni-leipzig.de) an die Ambulanz in Leipzig wenden. Weitere Informationen zum Projekt gibt es unter
www.kein-taeter-werden.de
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