21.05.2012 12:55 Uhr
 
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Islam, Christentum und Atheismus: Religion im wiedervereinten Deutschland

Gert Pickel und Kornelia Sammet haben sich mit Religion im vereinten Deutschland beschäftigt.   Foto: Sebastian Münster Gert Pickel und Kornelia Sammet haben sich mit Religion im vereinten Deutschland beschäftigt.
Einem Drittel der Deutschen wäre es lieber, der Islam wäre kein Teil Deutschlands. Empirische Studien belegen, dass Ost- und Westdeutschland zwar in ihrer Religionszugehörigkeit gespalten sind. In ihrer Skepsis gegenüber Muslimen sind sie jedoch längst zusammengewachsen. Das ist eine These des Buches „Religion und Religiosität im vereinigten Deutschland“, herausgegeben von zwei Wissenschaftlern der Uni Leipzig.

Deutschland tut sich schwer mit dem Islam. Spätestens seit Thilo Sarrazins Thesen sorgt das Thema in regelmäßigen Abständen dafür, dass innenpolitisch die Fetzen fliegen. Führende Köpfe aus Politik, Kirche und Wirtschaft werden nicht müde, das Thema weiter zu debattieren. Zuletzt entfachten Äußerungen von Bundespräsident Christian Wulff und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich erneut einen Streit darüber, was er denn nun ist – der Islam. Ein Teil Deutschlands? Realität, aber nicht Identität? Integriert, aber nicht assimiliert?

Gert Pickel hat Soziologie und Politikwissenschaft studiert und ist seit 2009 Professor für Religionssoziologie. Kornelia Sammet ist promovierte Kulturwissenschaftlerin. Und so ist der von ihnen gemeinsam herausgegebene Band „Religion und Religiosität im vereinigten Deutschland“ (VS Verlag) zuallererst ein interdisziplinäres Buch, das sensible Themen anpackt und dabei vor allem soziologisch argumentiert.

Wie halten es die Deutschen mit dem Islam?

Der vielleicht überraschendste Aufsatz dieses Buches stammt von Levent Tezcan und trägt den komplexen Titel „Konzeptionelle Überlegungen zur Gegenwartsgeschichte des Verhältnisses zwischen Christentum und Islam in Deutschland.“

Tezcan stellt die Gretchenfrage im interkulturellen Vergleich: Wie halten es die Europäer, vor allem die Deutschen, mit dem Islam? Welche Vorurteile gibt es auf beiden Seiten, und woher kommen sie? Tezcan sagt, es seien tiefgreifende kulturelle Verständnisprobleme, die auf beiden Seiten über Generationen hinweg gewachsen sind. So sei in vielen muslimisch geprägten Staaten der arabischen Welt eine Verbindung zwischen Gesetzgebung und religiöser Ethik ganz normal. Eine Sache, die den Deutschen eher vormodern vorkommen muss. Denn in der westlichen Welt sind die Aufgaben von Staat und Kirche seit gut 200 Jahren per Gesetz getrennt.  Es sei also kein Wunder, dass viele Mitteleuropäer den Verdacht hegen, Muslime hätten Probleme mit einer nicht-muslimischen Autorität.

Zudem seien es weniger die Religionen selbst und ihre Vertreter, die sich „mehr oder weniger feindlich gegenüber stehen“, auch nicht das offensichtliche Nebeneinander von Moscheen und Kirchen, sondern die Kulturkreise des christlich geprägten Westens auf der einen und der arabischen Welt auf der anderen Seite. Es sind die Dinge, die jeder Deutsche selbstverständlich sagt und tut, die bei Muslimen Unverständnis erzeugen können. In Deutschland ist es zum Beispiel selbstverständlich, dass Frauen Auto fahren. In muslimisch geprägten Ländern hingegen ist es die krasse Ausnahme. Teilweise steht es sogar unter Strafe.

Die Forschung nennt es „public religion“, wenn die Religion Leitkultur wird und als „unsichtbarer“ Kontext immer vorhanden ist, ohne dabei wirklich noch als solche wahrgenommen zu werden. In dieser Form ist auch Deutschland religiös. Schließlich fußt das deutsche Grundgesetz auf christlicher Moralethik. Trotzdem beruft sich in öffentlichen Debatten in Deutschland niemand auf die Bibel. Für Muslime hingegen, die das religiöse Gesetz des Islam, die Scharia, ernst nehmen, ist eine Integration auf Basis des authentischen Glaubens in Europa unmöglich, sagt Tezcan. Denn dann müssten ihre in der Religion verankerten Gesetze auch für alle gelten.

Islam erfordert differenzierte Betrachtung

Tezcans Fazit: Ein traditionell arabischer Islam kann in Europa könne nicht funktionieren. Der „Euro-Islam“ als entschärfte Version sei stattdessen das politische Ziel, bei dem beide Seiten Kompromisse eingehen müssten.

Doch da liege noch ein anderes wichtiges Problem: Die „Pauschalität der Adressierung“, sagt Tezcan. Immigranten mit arabischem Hintergrund würden viel zu oft pauschal als Muslime „gelabelt“. Die Nationalität spiele oft nur eine untergeordnete Rolle, doch Muslime seien alles andere als eine homogene Gruppe. Es werde eine so genannte Superethnie konstruiert, die es de facto nicht gebe. Grund genug für Tezcan, vor der Entstehung eines neuen Rassismus zu warnen, der dazu beitragen könne, „dass die Muslime zu den neuen Juden Europas werden, jedenfalls in dem Sinne, dass Glaube und Herkunft zusammenfallen.“ Eine Herkunft, die zuweilen zur Brandmarkung geworden sei.

Besonders lesenswert ist der Aufsatz vor allem deshalb, weil Tezcan, Dozent an der Uni Tilburg (Holland), selbst Migrationshintergrund besitzt und sich bereits seit vielen Jahren mit dem Islambild der westlichen Welt beschäftigt.

Studie: Ein Drittel der Deutschen befürchtet Überfremdung durch Muslime

Dass Levant Tezcans Befürchtungen durchaus nicht aus der Luft gegriffen sind, belegt die ebenfalls in diesem Buch aufbereitete Studie von Jürgen Leibold und Andrea Kummerer. Die beiden Soziologen der Universität Göttingen haben durch Befragungen herausgefunden, dass rund ein Drittel der Deutschen, im Osten wie im Westen, eine Überfremdung durch Muslime befürchten. Und das trotz der immens ungleichen Verteilung der in Deutschland lebenden Muslime: 98 Prozent von insgesamt etwa vier Millionen Muslimen leben in den alten Bundesländern. Betrachtet man die ethnische Herkunft, wird der Gegensatz noch deutlicher: 27 Prozent der westdeutschen Bürger haben einen Migrationshintergrund. Im Osten Deutschlands sind es lediglich fünf Prozent.

Ostdeutsche lehnen einen weiteren Zuzug von Muslimen trotzdem, oder gerade deswegen, noch deutlicher ab als Westdeutsche. Etwa ein Drittel von ihnen – zehn Prozent mehr als in den alten Bundesländern – sprach sich gegen die Zuwanderung von Muslimen aus. Ein Umstand, den die Autoren vor allem auf die fehlenden Berührungspunkte mit dem Islam zurückführen.

Kummerer und Leibold zufolge, sind der Anblick von Muslima mit Kopftuch und Moscheebauten für Westdeutsche Normalität. Allein in Hamburg seien 47 Moscheen gelistet, in den gesamten neuen Bundesländern dagegen nur 17.

Der Islam ist einer von drei Schwerpunkten des Bandes „Religion und Religiosität im vereinigten Deutschland“. Es ist unter diesem Titel der, der am meisten vom zehn Jahre zuvor veröffentlichten Vorgängerbuch „Religiöser und kirchlicher Wandel in Ostdeutschland“, ebenfalls herausgegeben von Prof. Gert Pickel, abweicht. Die meisten anderen Beiträge, wie beispielsweise die der Herausgeber, arbeiten vor allem jüngste Untersuchungen zum Einfluss der Kirchen und des christlichen Glaubens 20 Jahre nach der friedlichen Revolution in Ostdeutschland auf oder untersuchen, welche Rolle die Religion in verschiedenen Lebensphasen spielen kann.

Der Autor Sebastian Münster ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
 
 
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