21.05.2012 12:56 Uhr
 
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Sarkophag im Schaufenster und Ausstellung mit 7000 Exponaten – Ägyptisches Museum baut um

Geschafft: Karl Heinrich von Stülpnagel, Restaurator des Ägyptischen Museums, ist sichtlich erleichtert. Bis auf einen Riss im Deckel hat der eineinhalb Tonnen schwere Steinsarg den Transport unbeschadet überstanden.   Foto: Jakob Richter Geschafft: Karl Heinrich von Stülpnagel, Restaurator des Ägyptischen Museums, ist sichtlich erleichtert. Bis auf einen Riss im Deckel hat der eineinhalb Tonnen schwere Steinsarg den Transport unbeschadet überstanden.
Das Ägyptische Museum der Universität Leipzig putzt sich heraus. Die Ausstellung soll rund 1000 neue Stücke hinzubekommen. Darunter ist ein 4500 Jahre alter Sarkophag, der im Schaufenster zu sehen sein wird. Kustos Dietrich Raue bereitet mit seinem Team den Umbau vor.

Es stehen arbeitsreiche Monate bevor, doch Dietrich Raue wirkt gelassen, ja sogar entspannt. Schließlich kann sich der Kustos des Ägyptischen Museums „Georg Steindorff“ auf jede Menge hoch motivierte Kollegen verlassen. Außerdem ist Raue aus freudigem Anlass gestresst. Das Ägyptische Museum wird umbauen, denn es will zeigen, was es hat. Endlich hat man dafür genügend Platz.

Das Prunkstück der neuen Ausstellung, die spätestens Ende dieses Jahres zu sehen sein soll, wurde am Freitag an seinen Bestimmungsort gebracht: Ein rund eineinhalb Tonnen schwerer Sarkophag aus einer der zahlreichen Grabkammern nahe den berühmten Pyramiden von Gizeh bei Kairo, gefunden im Jahre 1927 bei einer Grabung auf der Ostseite der Nekropole.

Der in der Ägyptologie übliche Begriff bedeutet „Stadt der Toten“. Und in der Tat bilden die zahlreichen Grabanlagen rund um eine Pyramide regelrechte Städte, so Raue. Der rund 4 500 Jahre alte Sarkophag aus Zeit der vierten Dynastie (etwa 2600 bis 2500 v. Chr.), der Teil einer originalgetreuen Nachbildung einer authentischen Grabkammer werden soll, gehörte einem Beamten des Pharao.

„In einer Nekropole liegt die absolute Elite, also Verwandte des Pharaos und Adlige, normalerweise westlich von der Pyramide. Im Osten dagegen liegt der Hofstaat, daher wissen wir, dass der Sarkophag zum Grab eines Bediensteten gehört haben muss.“ Die Mumie von Seneb, so der Name des Toten, war dem Zahn der Zeit jedoch längst zum Opfer gefallen. Denn entgegen dem allgemeinen Glauben konserviert ein echter Sarkophag, also ein Sarg aus Kalkstein, eine Mumie nicht, sondern im Gegenteil - er fördert ihre Zersetzung. Seneb, Hofdiener des Pharaos, war wahrscheinlich kleinwüchsig. Das zeigen die Nachbildungen der originalen Grabstatuen von ihm und seiner Ehefrau, die ebenfalls im Schaufenster des Ägyptischen Museums ausgestellt werden sollen.

Kleinwüchsig und stolz darauf: Der Hofbeamte des Pharaos ließ sich neben seiner Frau auf einem Podest sitzend verewigen. Der Name Seneb bedeutet übersetzt soviel wie „ist gesund“.   Foto: www.egyptarchive.co.uk Jon Bodsworth Kleinwüchsig und stolz darauf: Der Hofbeamte des Pharaos ließ sich neben seiner Frau auf einem Podest sitzend verewigen. Der Name Seneb bedeutet übersetzt soviel wie „ist gesund“.
Der ägyptische Beamte muss erhöht auf einem Steinhocker sitzen, um „auf Augenhöhe“ mit seiner Frau zu bleiben. Dies wurde ihm im alten Ägypten jedoch nicht als Nachteil ausgelegt. Im Gegenteil, die Pharaonen hatten ein differenziertes Bild von der Andersartigkeit. Sie liebten es, sich mit so vielen verschiedenen Typen Mensch wie möglich zu umgeben.

 

Die Grabkammer im Schaufenster


Wenn alles fertig ist, soll das Schaufenster des Museums in der Leipziger Goethestraße den Schnitt durch eine Grabkammer zeigen. Im Zentrum soll der Sarkophag stehen. Auf die Frage, wie er da hinkommen soll antwortet der federführende Restaurator des Museums Karl Heinrich von Stülpnagel smart:Das ist einfach. Gaaaanz vorsichtig!“ Und so geschieht es. Ein Gabelstapler bewegt das gute Stück behutsam in das Schaufenster, dessen Scheibe vorher entfernt werden musste. Besonders heikel: Der Sarkophag ist breiter als das Fenster. Es muss also ein wenig rangiert werden.


Rund 8 Jahre hat es gedauert, das etwa 1,8 Meter lange, quaderförmige Ungetüm aus hunderten Splittern Kalkstein wieder zusammenzusetzen. Kalkstein seiextrem empfindlich, gibt Kustos Raue zu verstehen, jede kleine Temperaturschwankung könne zu Rissen und Brüchen in dem Jahrtausende alten Material führen. Zudem müsse der Kalkstein vorm eigentlichenPuzzelnund Kleben meist noch gereinigt werden. Diese Sisyphosarbeit braucht ihre Zeit, sei aber zugleich eine hervorragende Möglichkeit für angehende Restaurateure, ihre Fähigkeiten zu schulen. So geschehen im Rahmen der Ausbildung vonacht Generationenvon Studenten an der Fachhochschule Hildesheim, wo das Stück wieder zusammengesetzt wurde.Wir sind eine Forschungs- und Lehrsammlung. Bei uns und von uns soll man lernen können.Das trifft natürlich auch auf die Restauration zu, diein deutschen Handwerkerstundenunbezahlbar gewesen wäre, so Raue.


Kunstschätze in der ganzen Welt verstreut


Über dem Sarkophag soll, abgetrennt durch eine Schicht Erdreich, die Kultstätte mit den Statuen Senebs und seiner Frau nachgebildet werden. „Der Totenkult in Ägypten sah eine strenge Trennung vom eigentlichen Grab und dem Ort der Verehrung vor“, so Raue. Bis zu sechs Meter Erdreich liegen normalerweise zwischen einem Sarkophag und den Kultobjekten über der Erde. Die Originalstatuen des Paares stehen heute in Kairo.


Nur die wenigsten Bergungen aus dieser Zeit sind vollständig versammelt an ein und demselben Ort zu sehen. Das sei damals leider so gehandhabt worden, erklärt Raue. Anders sei eine Finanzierung nicht möglich gewesen. Gebeutelt durch Kriegsschulden, Reparationszahlungen und Inflation hatte die damalige Weimarer Republik kein besonders großes Interesse, Unsummen für Grabungen auszugeben. Die meisten Stücke wurden von Stiftungen wie der Deutschen Orientgesellschaft bezahlt. Die Funde wurden geteilt und in alle Welt gestreut, je nachdem, wer zahlen konnte. Die heutige Politik Ägyptens betreibt zudem Kulturprotektionismus. Alles, was heute noch dort steht oder entdeckt wird, muss in der Regel im Land bleiben, erklärt Raue.


Dr. Dietrich Raue, Kustos des Ägyptischen Museums, freut sich auf die Aufgaben der kommenden Monate.   Foto: Sebastian Münster Dr. Dietrich Raue, Kustos des Ägyptischen Museums, freut sich auf die Aufgaben der kommenden Monate.

Das stört den Kustos aber nicht. Er plane für die nahe Zukunft ohnehin keine Neuanschaffungen, denn Museum und Ägyptologisches Institut hätten mehr als genug Sehenswertes im Bestand, um die großzügigen Räumlichkeiten im Krochhochhaus zu füllen.


1000 neue Exponate ab Ende des Jahres


Neben dem Sarkophag soll es etwa 1000 neue Exponate zu sehen geben, denen während der vergangenen zehn Jahre teils direkt in den Restaurationswerkstätten des Museums und teils in Restaurations-Fachschulen in Erfurt, Stuttgart und Hildesheim wieder zu alter Schönheit verholfen wurde.


Einige der Kunstschätze des Ägyptologischen Institutes wurden während des Krieges aus der Stadt gebracht, etwa nach Schloss Mutzschen und nach Döbeln. Vieles wurde jedoch in den Kellern Leipzigs gelagert. Die Folge: Unzählige Stücke trugen schwere Brandschäden davon, rund 2000 wurden ganz zerstört. Seit 1951 wird kontinuierlich restauriert. Wenn alles nach Plan läuft, werden im Ägyptischen Museum ab Ende des Jahres etwa 7000 Objekte zu sehen sein. Das ist ein beträchtlicher Teil der gesamten Sammlung, die etwa 9700 Stücke umfasst.


Damit können wir endlich zeigen, was wir haben. Die meisten unserer Exponate sind mit Steuergeldern restauriert worden, also müssen sie auch allen zugänglich sein, sagt Raue stolz. Seit Juni 2010 haben er und sein Museum ein neues Zuhause im Krochhochhaus am Augustusplatz gefunden. Am vorherigen Standort in der Burgstraße konnten lediglich 300 Exponate gezeigt werden.


Dirk Blaschta, Ägyptologe, demonstriert anhand eines Tongefäßes, wie schwierig die Restaurationsarbeit ist. Die einzelnen Splitter werden mittels eines Spezialklebers zusammengefügt, der sich auch wieder lösen lässt.   Foto: Sebastian Münster Dirk Blaschta, Ägyptologe, demonstriert anhand eines Tongefäßes, wie schwierig die Restaurationsarbeit ist. Die einzelnen Splitter werden mittels eines Spezialklebers zusammengefügt.

Doch bis zum fertigen neugestalteten Museum muss noch einiges getan werden. In den hauseigenen Restaurationswerkstätten kleben, puzzeln und zeichnen Raues Kollegen noch eifrig, denn längst sind noch nicht alle Stücke der neuen Ausstellung vollständig wiederhergestellt. Ab 15. September wird das Museum zudem einige seiner Schauräume schließen müssen, um mit dem Umbau zu beginnen.


Mehr Ehre für den Namensgeber


Mehrere große Vitrinen sollen hinzukommen. Dem Namensgeber des Museums, Georg Steindorff, soll zudem ein prominenterer Platz in der neuen Ausstellung zukommen. Kustos Raue und die Jewish Claims Conference hatten sich erst im Juli friedlich darauf geeinigt, dass die Sammlung des berühmten Leipziger Ägyptologen im Museum verbleiben darf. Die Hinterbliebenen Steindorffs forderten jedoch, dass das Erbe des Wissenschaftlers und Archäologen die entsprechende Aufmerksamkeit erhalte.


Eine Bitte, der Raue gerne nachkommt. Am Eingang soll nun eine Bronzeplatte mit dem Profil Georg Steindorffs angebracht werden, die an den Namensgeber des Museums erinnert.
Auch in der Forschung der Leipziger Ägyptologie werde der gebürtige Hildesheimer, der im Dritten Reich ins amerikanische Exil gezwungen wurde, nun eine größere Rolle spielen. Raue freut sich, dass das Institut mittlerweile über den gesamten Briefwechsel verfügt. Dieser werde sukzessive aufgearbeitet, katalogisiert und soll schließlich erforscht und publiziert werden.

„Es soll ja nicht aussehen, wie Basteln für Mutti“


Die Mumien, die Haupthalle und das Sargensemble bleiben während der gesamten Umbauarbeiten allesamt durchgehend zugänglich, versichert Raue. Der Eintritt wird während dieser Zeit stark reduziert (Familienticket 5 Euro statt 10 Euro; Erwachsene 3 Euro statt 5 Euro, Ermäßigte frei statt 3 Euro; Schulklassen 1 Euro pro Kind).

Über den aktuellen Stand der Arbeiten und das Programm des Museums können sich potentielle Besucher zukünftig über die gemeinsame Website von Ägyptologischem Institut und Museum informieren, die seit Ende Juli in neuer Optik verfügbar ist. Studierende der Buch- und Medienproduktion sowie der Medientechnik an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur  haben die Website in Zusammenarbeit mit dem Ägyptologischen Institut programmiert und gestaltet.

Auch darüber freut sich Raue besonders, denn nun sei es möglich, immer aktuell zu informieren, welche Stücke genau im Museum zu sehen sind. Einiges ist immer als Leihgabe außerhalb ausgestellt, genauso wie es immer interessante Stücke aus der ganzen Welt in Leipzig zu sehen gibt. Durch die leichte Handhabung können nun alle Mitarbeiter von Museum und Institut selbst Aktualisierungen am Internetauftritt vornehmen. Und natürlich sei die Optik wesentlich ansprechender, stellt Raue fest. „Wir haben endlich eine schöne und übersichtlich gestaltete Website, so wie sie ein Museum heutzutage haben sollte. Schließlich soll es ja nicht aussehen wie Basteln für Mutti.“

Der Autor Sebastian Münster ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung. 
 
 
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