Lieblingsplatz
Sportphilosoph Arno Müller frühstückt jeden Tag in einem Café am Waldplatz
Stefan Lehmann
Foto: Stefan Lehmann
Arno Müllers Morgenritual: der Kaffee vor der Fahrt zur Arbeit.
Mit hohem Tempo braust der Krankenwagen von der Friedrich-Ebert-Straße auf die Kreuzung vor dem Waldplatz. Der morgendliche Berufsverkehr kommt einen Moment lang zum Stehen. Der Sportphilosoph Arno Müller sitzt wie jeden Tag im Café einer Bäckereikette am Waldplatz und blickt dem Rettungswagen nach, der in Richtung Sportforum abbiegt.
„Das ist wie in der TV-Serie ‚Die Straßen von San Francisco‘", sagt er und lächelt, während das Martinshorn in der Ferne verhallt. Das kleine Café bietet einen Ausblick auf das alltägliche Stadtleben, der den Juniorprofessor für Sportphilosophie und Sportgeschichte fasziniert. So sehr, dass Müller jeden Morgen dort frühstückt, ehe er zum Universitäts-Campus am Sportforum weiterfährt. „Man sitzt hier wie im Wohnzimmer, und es gibt sogar zwei Kanäle, die gleichzeitig laufen", amüsiert sich der 39-Jährige.
Sein Lieblings-Café liegt genau an der Straßenecke. Auf der einen Seite des hellen, schmalen Raumes geben die großen Fenster die Sicht auf den Waldplatz frei, durch ein weiteres Fenster hat Müller die Friedrich-Ebert-Straße im Blick. Auf einem kleinen, runden Tisch steht Arno Müllers Frühstück: eine Tasse Kaffee, ein Brötchen und eine Flasche Apfelsaftschorle. Er
frühstückt wenig, doch nimmt sich dafür Zeit. Meist kommt er erst nach 9 Uhr am Waldplatz an. „Ich bin eine Nachteule, darum wird es morgens meist etwas später", sagt er und nippt an seinem Kaffee. Vor ein Uhr nachts gehe er selten aus der Uni. „Das habe ich mir wohl noch aus Studienzeiten bewahrt." Während er isst, widmet sich Müller der Tageszeitung oder arbeitet an eigenen Artikeln für Fachzeitschriften. Und natürlich schaut er immer wieder nach draußen, beobachtet zum Beispiel Studenten auf ihrem Weg in die Universität.
Seit Oktober vorigen Jahres arbeitet Arno Müller an der Universität. Vier Tage in der Woche verbringt er in Leipzig, die restlichen drei bei seiner Familie im nordrhein-westfälischen Bielefeld. Mit Leipzig ist der gebürtige Saarländer, wie er sagt, schnell warm geworden. „Als erste Amtshandlung habe ich mir ein Fahrrad ersteigert." Damit erkunde er täglich ein neues Stück Leipzig. Eine gute halbe Stunde später stürzt er sich ins Verkehrsgetümmel, das er kurz zuvor durch die großen Fensterscheiben seines Lieblings-Cafés beobachtet hat. Er schwingt sich aufs Rad und fährt die wenigen hundert Meter die Jahnallee entlang zu seinem Arbeitsplatz.
Der Autor Stefan Lehmann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus,
einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 14.06.2011, 20:02 Uhr