Perspektiven
„Sächsische Politik ist wissenschaftsfeindlich“ - Dekan fürchtet Aus für weitere Studiengänge
Sebastian Münster
Foto: Wolfgang Zeyen
Dekan Prof. Frank Zöllner fordert politisches Umdenken: Bildungsinvestitionen statt Kürzungen
Die
am Dienstag vorgestellten Kürzungen sind für Professor Frank
Zöllner erst der Anfang. Der Dekan der Fakultät
für Geschichte, Kunst- und Orientgeschichte hält es für möglich, dass bis Ende 2014 die Ethnologie als
eigenständiger Studiengang abgeschafft werden muss. Ein Jahr später könnte
es sogar die Musikwissenschaft treffen. Gegenwärtig steht davon in
dem am Dienstag vorgestellten Konzept nichts. Darin heißt es
lediglich, dass Zöllners Fakultät in den nächsten drei Jahren
mindestens zwei Stellen streichen müsse.
Herr
Prof. Zöllner, in der heutigen Senatssitzung wurden zum ersten Mal
konkrete Kürzungsvorschläge vorgestellt. Wie gut hat das Rektorat
die Vorgaben des Ministeriums ihrer Meinung nach umgesetzt?
In
Anbetracht der Umstände sehr gut. Kürzung geht nun mal nicht ohne
Kürzung. Die Konsequenzen sind natürlich dramatisch. Ich muss nun
zunächst einmal eruieren, wie die Kürzungen an unserer Fakultät
überhaupt umgesetzt werden können. Möglich ist aber, dass es die
Ethnologie als eigenständigen Studiengang ab Ende 2014 nicht mehr
geben wird. Der eigentliche Brocken wird allerdings erst kommen, denn
die heute besprochenen Kürzungen sind erst rund ein Viertel der
insgesamt vom Ministerium geforderten Einsparungen. So ist es
möglich, dass wir nach 2014 die Musikwissenschaft streichen müssen.
Zumindest wäre das eine Möglichkeit, denn die Hochschule für Musik
und Theater hat in dem Bereich wesentlich größere
Personalkapazitäten. Damit hätte die Universität der Musikstadt
kein Institut für Musikwissenschaft mehr.
Sie
sind dafür bekannt, aus ihrer politischen Sicht keinen Hehl zu
machen. Was halten Sie von den Kürzungsplänen des Freistaates?
Eines
zeigt sich hier ganz klar: Die sächsische Politik, die man ja eher
als eine Art Massaker bezeichnen müsste, ist wissenschaftsfeindlich.
Die Landesregierung in Dresden nimmt ihre eigenen Absichtsbekundungen
aus der Vergangenheit gar nicht ernst und manövriert sich immer
wieder selbst in Widersprüche. Die Behauptung der Landesregierung
und auch der Bundes-CDU, eine exzellente Forschungs- und
Bildungslandschaft schaffen zu wollen, während man gleichzeitig
bereits jetzt zehn Prozent der Stellen kürzen will, ist einigermaßen
grotesk. Darüber hinaus ist es genau das falsche Mittel, um dem
demografischen Wandel zu begegnen, denn damit nimmt man den jungen
Menschen weiter Anreize, um in Sachsen zu bleiben. Man sollte daher
die Bildungsausgaben stärken.
Irgendwo
wird aber wohl gekürzt werden müssen. Was wären Ihrer Meinung nach
denn die Alternativen?
Man
könnte über den Vorschlag der Grünen-Landtagsfraktion nachdenken,
beim sächsischen Verfassungsschutz zu kürzen. Denn der ist im
Vergleich zu anderen Bundesländern vergleichsweise gut aufgestellt.
Versagt hat er trotzdem auf ganzer Linie, das haben die Ereignisse um
die Zwickauer Terrorzelle klar gezeigt. Bildungspolitik ist
Gesellschaftspolitik. Ich bin nicht bereit, diese beiden Bereiche zu
trennen. Wenn man nun genau in dem Bereich kürzt, der das kritische,
intellektuelle und auch kreative Potential des Staates ausmacht, eine
zentrale Facette der Zivilgesellschaft also, dann setzt man nicht nur
das falsche Signal, sondern dann begeht man auch eine ungeheure
Dummheit.
Der
Autor Sebastian Münster ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 14.12.2011, 13:29 Uhr