Perspektiven
Der leise Protest der Musikwissenschaftler der Universität Leipzig
Martin Rank
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Die Musikstadt Leipzig ohne Institut für Musikwissenschaft? Die Studenten und Dozenten des Fachs glauben nicht daran.
Die Musikwissenschaftler der Universität Leipzig bangen um ihre Zukunft. Könnte das Institut der nächste Kandidat im Streichkonzert von Uni-Rektorin Beate Schücking sein? Dekan Frank Zöllner brachte das kleine Institut zumindest ins Spiel. Und obwohl Studenten wie Dozenten diesen Vorschlag als nicht ganz ernst erachten, haben sie gemeinsam über mögliche Strategien beraten.
Viele halten den Vorstoß des Dekans der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften für reine Polemik. Wollte er nur die Absurdität des Hochschulentwicklungsplans deutlich machen und nannte deshalb eine angesehene Institution der Musikstadt Leipzig? Schließlich ist die Universität aufgefordert, bis 2020 rund 170 Stellen zu kürzen. Auf Nachfrage des Fachschaftsrats, wie der Vorschlag, das Institut zu streichen, gemeint war, soll er zurückgeraunzt haben: "Warum geht ihr nicht auf die Straße; warum protestiert ihr nicht schon längst vor dem Landtag in Dresden? Wo bleibt der Hungerstreik?"
Verunsicherung beherrscht die Vollversammlung an diesem Abend im Mendelssohn-Haus, dem Sitz des Instituts für Musikwissenschaft. Fachschaftsrat Thierry Gelloz wirft mit dem Beamer den Campus-Artikel an die Wand, in dem Zöllner perspektivisch eine Kürzung der Musikwissenschaft ins Spiel bringt. "Damit hätte die Universität der Musikstadt kein Institut für Musikwissenschaft mehr", sagte Zöllner im Dezember 2011 im Campus-Interview. Einige der anwesenden rund 100 Studierenden und Lehrenden können sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Dann sagt Gelloz: "Fest steht, dass weitere Kürzungswellen kommen werden." Die Musikwissenschaft sei in der Musikstadt Leipzig keine heilige Kuh mehr. Wenn die Musikwissenschaft einmal in die Diskussion geraten ist, fürchtet der Fachschaftsrat, könnte sie tatsächlich bald von Kürzungen betroffen sein.
Dann tritt Sebastian Klotz, Professor für Systematische Musikwissenschaft, vor das Plenum. Er will Zuversicht unter Kollegen und Studenten vermitteln und einen Appell an das Rektorat verfassen. Der mögliche Widerstand gegen die Kürzungen werde von der Uni-Leitung unterschätzt, sagt Klotz. Er verurteilt den Hochschulentwicklungsplan in Gänze und befürchtet „einen Verteilungskampf innerhalb der Uni“. In den folgenden Minuten präsentiert er jede Menge Vorschläge, wie man sich zur Wehr setzen könnte. Eine Petition an das Wissenschaftsministerium soll geschrieben werden, in der ein Überdenken der Hochschulpolitik angemahnt werde. Aber auch das Institut für Musikwissenschaft müsse etwas an seiner Außendarstellung tun und beispielweise die Homepage aufpolieren, um die Öffentlichkeit besser über die eigene Arbeit zu informieren. Doch ob Forschungsergebnisse und kleine Videos auf der Internetseite des Instituts wirklich etwas bringen, bleibt fraglich.
Die Bewertungsgrundlagen des Hochschulentwicklungsplans spielen an diesem Abend keine Rolle. Niemand spricht von den Indikatoren wie Lehrauslastung und Forschungsleistung, die Uni-Rektorin Beate Schücking ihrer Bewertung – und damit der drohenden Schließung des Instituts für Pharmazie – zugrunde gelegt hat.
Einen Cent für das Wissenschaftsministerium
Stattdessen überwiegt im Mendelssohn-Haus Kämpfergeist gepaart mit Kreativität. Der Fachschaftrat verteilt Überweisungsaufträge mit der Aufschrift "Spende gegen Stellenabbau an sächsischen Universitäten: 0,01 Euro". Empfänger: Sächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Dresden. Die Verwaltung des Ministeriums soll von den massenhaften Überweisungen genervt und an die Stellenstreichungen erinnert werden. Wieder macht sich Schmunzeln im Saal breit.
Und wieder kommen Studenten, Mitarbeiter und Dozenten auf den Ausgangspunkt des Abends zurück: Wie ernsthaft ist der Vorschlag von Professor Zöllner? "Wenn es nur Provokation gewesen wäre, dann hätte Zöllner nicht die Hochschule für Musik und Theater erwähnt. Ich schlage vor, dass wir uns mit der HMT abstimmen", sagt ein Student. Auch an der Kunsthochschule wird ein wenig Musikwissenschaft doziert. Könnte dies eine Konkurrenz darstellen? Doppelbesetzungen sind tatsächlich ein Punkt im Indikatorenmodell der Uni-Rektorin. Bei der so genannten Doppeldenomination wird geprüft, ob bestimmte Fachbereiche durch mehrere Professuren doppelt abgedeckt werden. Kunsthochschulen wie die HMT nimmt das Staatsministerium jedoch ausdrücklich von den Kürzungen aus. Und Dekan Zöllner argumentierte jüngst, dass die HMT wesentlich größere Personalkapazitäten als das univesitäre Institut für Musikwissenschaft habe. Die HMT, so der Tenor bei der Vollversammlung habe jedoch eine ganz andere Ausrichtung als das Institut.
Am Ende des Abends bleiben mehr Fragen offen als beantwortet. „Aber es hat die Musikwissenschaft politisiert. Sonst würden wir ja nicht alle hier sitzen“, meint ein Student. Die große Protestbewegung, die sich Dekan Zöllner anscheinend erhofft hatte, bleibt aus. Stattdessen: ein Protest in pianissimo.
Der Autor Martin Rank ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 31.01.2012, 16:08 Uhr