Perspektiven
„Es gibt viel zu wenige Möglichkeiten für hochqualifizierte Studierende"
Stefan Hantzschmann
Foto: Stefan Hantzschmann
Anglistik-Professor Joachim Schwend betreut zur Zeit 14 Doktoranden.
Schlechte Finanzierungen, Überlastung und Zeitdruck: In Leipzig schreiben viele angehende Wissenschaftler ihre Doktorarbeit unter schwierigen Bedingungen. Campus Online fragte Anglistik-Professor Joachim Schwend, wie er als Doktorvater die Sorgen und Nöte seiner Promovenden wahrnimmt und wie der Königsweg beim Promovieren aussieht.
Campus: Sie betreuen momentan 14 Doktorarbeiten. Wie halten sich Ihre Promovenden über Wasser?
Joachim Schwend: Von meinen 14 Doktoranden sind elf Frauen und drei Männer. Leider haben die wenigsten ein Stipendium. Am Lehrstuhl können wir eine Qualifizierungsstelle vergeben, befristet auf insgesamt sechs Jahre. Die teilen wir in zwei halbe Stellen auf. Mit einer halben Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter kommt man finanziell über die Runden. Die anderen zehn müssen leider gucken, wo sie bleiben. Es gibt viel zu wenige Möglichkeiten für hochqualifizierte Studierende. Es fehlt ganz klar an Stellen und Stipendien. Die Mehrzahl der Doktoranden ist an der Uni nicht durch eine Stelle angebunden.
Welche Probleme ergeben sich daraus?
Diese Doktoranden brauchen meistens deutlich länger für Ihre Dissertation. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter mit einer halben Qualifizierungsstelle muss zwei Stunden pro Woche unterrichten. Das ist schon eine Belastung, aber die Lehrveranstaltungen haben ja auch etwas mit dem Thema der Doktorarbeit zu tun. So wird die Lehre mit der Dissertation verbunden. Wenn ein Doktorand aber Pizza ausfahren muss, um sich über Wasser zu halten, muss er sich nach seinem Job immer wieder neu in das Thema einlesen. Das kostet viel Zeit.
Wie sieht der Königsweg aus, seine Doktorarbeit zu schreiben?
Das beste Modell ist ein Stipendium. Damit ist der Doktorand unabhängig und kann sich voll und ganz auf die Dissertation konzentrieren.
Vierzehn Doktoranden klingt auch nach viel Arbeit für Sie als Betreuer. Haben Sie genügend Zeit für Ihre Doktoranden?
Die Zeit nehme ich mir. Erst kürzlich habe ich 79 Seiten von einem Promovenden zur Probe gelesen und ausführlich kommentiert. Es ist ja nicht so, dass jede Woche jeder Doktorand eine Nachfrage hat. Die Arbeit verteilt sich meistens ganz gut. Leider wird uns Professoren durch Verwaltungsaufgaben sehr viel Zeit gestohlen.
Wie viele Doktorarbeiten schafft ein Professor zu betreuen?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Für mich sind 20 Doktoranden das absolute Maximum. Dann bekommt man wirklich Probleme.
Professoren werden in Rankings auch an der Zahl ihrer Doktoranden gemessen. Fühlen Sie sich dadurch unter Druck gesetzt, möglichst viele Promotionen zu betreuen?
Nein, auf keinen Fall. Diese Rankings sind mir ohnehin sehr suspekt und ich lass mich davon auch nicht beeinflussen. Wir fragen uns manchmal, woher die Autoren dieser Rankings die ganzen Informationen haben.
Der Autor Stefan Hantzschmann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 27.10.2011, 18:52 Uhr