Foto: Volkmar Heinz
Bis zum 20. Februar bleibt Rektorin Beate Schücking noch Zeit, ihren Entwicklungsplan für die Zukunft der Universität Leipzig beim Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) einzureichen. LVZ Campus liegt die aktuelle Version des Plans vor und zeigt, wer die Gewinner und wer die Verlierer sein könnten.
Die Gewinner
Die Lehramtsausbildung: Auf die Fahnen geschrieben hat sich das Rektorat, „das Kompetenzzentrum für Lehrerbildung“ in Sachsen werden zu wollen. Überall im aktuellen Plan findet sich die Forderung, die Lehramtsausbildung in Leipzig zu stärken. Die Zahl der Studienanfänger im Bereich Lehramt soll sich bis zum Wintersemester 2014/15 fast verdreifachen. Sebastian Stieler, studentischer Vertreter im Senat, sieht darin zwar einen guten Ansatz. Der überfüllte Campus und die maroden Unterrichtsgebäude der Lehramtsstudenten seien aber für einen solchen Ansturm nicht vorbereitet. Ebenfalls kritisch sieht Stieler, dass die TU Chemnitz die Grundschullehrausbildung übernehmen soll. „In Chemnitz müssen die Strukturen von Grund auf neu aufgebaut werden. In 20 Monaten ist das kaum schaffbar.“ Stieler fordert dagegen, in Leipzig die Grundschullehrausbildung, in Chemnitz die Lehrerausbildung in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) zu entwickeln.
Drittmittelstarke Institute: Von den Sparplänen weitgehend unberührt bleiben Institute, die sich besonders erfolgreich um externe Gelder bemühen. Traditionell betrifft dies Fachgebiete wie Informatik oder Medizin. Auch die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät wird im Entwicklungsplan des Rektorats lobend erwähnt: „Kooperationen und Drittmitteleinwerbungen zeigen, dass bspw. die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Energie- und Nachhaltigkeitsforschung internationale Reputation erreicht hat.“
Medizin: Großer Gewinner des aktuellen Entwicklungsplans ist die Fakultät für Medizin bzw. das Uniklinikum. Sie werden aller Voraussicht nach nicht nur von den Sparplänen verschont, sondern gelten auch als Vorbild für andere Bereiche der Universität. Konkret heißt es dazu: „Eine sehr differenzierte leistungsorientierte Mittelvergabe wird an der Medizinischen Fakultät seit kurzem erfolgreich exekutiert. Die Universität Leipzig wird sich an dieser leistungsorientierten bei weiteren Fakultäten fachspezifisch orientieren und ggf. in den künftigen Zielvereinbarungen mit den Fakultäten aufnehmen.“
Politikwissenschaft und Sorabistik: Glimpflich davon kommen voraussichtlich die Politikwissenschaft und die Sorabistik. Laut Entwicklungsplan soll sich „die Lehreinheit Politikwissenschaft mit stärkerem Fokus auf die Lehrerbildung“ profilieren. Eine Institutsschließung, wie noch im vergangenen Jahr befürchtet, scheint damit vom Tisch. Auch das einzige Sorabistik-Institut Deutschlands bleibt unangetastet. In der fünften und letzten Auswahlstufe der zu kürzenden Stellen musste das Rektorat bestehende Verträge und Vorgaben der Landesregierung berücksichtigen (Sächsisches Sorbengesetz).
Neue Kita: „Darüber hinaus hat das Rektorat die Einrichtung einer betriebsnahen Kindertagesstätte beschlossen“, ist ebenfalls im Papier zu lesen. Gemeinsam mit der Stadt Leipzig soll bis 2013 ein Kindergarten mit bis zu 80 Plätzen entstehen, vorrangig für Mitarbeiter der Universität. Außerdem werde in Kooperation mit dem Studentenwerk Leipzig die Einrichtung einer weiteren Kita, vorwiegend für Studierende angestrebt.
Die Verlierer
Pharmazie, Komparatistik und Onomastik: Bereits im Dezember wurde über die Schließung des Instituts für Pharmazie ebenso diskutiert, wie über die Abschaffung der Komparatistik (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft) sowie der Professur für Historische Sprachwissenschaft Onomastik. Alle drei Bereiche finden sich nun auch im Entwicklungsplan des Rektorats wieder. Ob die Landesregierung jedoch der Schließung der Pharmazie zustimmen wird, bleibt offen. Senator und Professor der Medizinischen Fakultät Wieland Kiess: „Ich könnte mir vorstellen, dass das Ministerium das nicht akzeptiert.“ Zu gut seien die Berufsaussichten und die Absolventenquote der Pharmazeuten. Auch der studentische Senator Sebastian Stieler sieht hier „ein falsches Signal“. Das Rektorat widerspreche sich selbst, wenn es einerseits die Arbeitsmarktchancen und die Förderung von Frauen an der Universität betone, und andererseits die Pharmazie abschaffen wolle, wo sich beides wiederfinde.
Drittmittelschwache Institute: „Es gibt Fächer, die aufgrund ihrer Ausstattung eher Drittmittel erhalten als andere“, sagt Stieler und meint damit vor allem Naturwissenschaften und Medizin. Was die Medizin in einer Woche an Drittmitteln erhalte, würden Fachbereiche wie die Theologie im ganzen Jahr nicht schaffen. „Man vergleicht hier Äpfel mit Birnen“, findet der Senator. Der Plan des Rektorats fordert aber: „Das Entwicklungskonzept kann seine volle Wirkung jedoch nur dann entfalten, wenn in Wirtschaft und Politik die Bereitschaft wächst, an der Stärkung der gesellschaftlichen und ökonomischen Bedeutung der Geistes- und Sozialwissenschaften mitzuwirken. Hier ist ein klares Bekenntnis über die bloße Akzentuierung der betroffenen Fächer als begleitende Wissenschaften hinaus wünschenswert.“
Institute mit älteren Professoren: Scheiden Hochschullehrer in Zukunft aus ihrem Amt, werden die Stellen nicht automatisch neu besetzt, sondern wandern in einen Stellenpool. Die jeweilige Fakultät muss sich dann beim Rektorat um eine Neubesetzung bewerben. Dies stärkt die Gestaltungsmacht der Universitätsführung, lässt aber auch die Frage offen, nach welchen Kriterien über die Stellen entschieden wird.
Career Center und Kompetenzschule ELSYS: Beide Projekte werden noch durch Gelder des Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert. Danach können sie nur weitergeführt werden, wenn sie in Zukunft aus dem Landeshaushalt bezahlt werden. Im Entwicklungsplan heißt es dazu: „Sollte sich die Landesregierung auf Grund der gegebenen finanzpolitischen Zwänge nicht in der Lage sehen, den Haushalt entsprechend zu erhöhen, werden die Einrichtungen in ihrer eigenständigen Form nach Auslaufen der ESF-Finanzierung aus Universitätshaushaltsmitteln kaum weitergeführt werden können.“ Ebenfalls auf der Kippe stehen so genannte „Maßnahmen zur Erschließung des Studierendenpotentials“, die laut Plan nicht zu den Kernaufgaben der Universität gehören. Kooperationen mit Volkshochschulen, berufsbildenden Schulen, Kammern und Verbänden könnten demnach gestrichen werden.
Verwaltung: In den Bereichen Bibliotheksdienste, Hochschulsport, Sprachenzentrum, Gründungen und Transfer, Großgeräteinvestition und -nutzung sowie IT soll in Zukunft mehr mit anderen Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammengearbeitet werden. „Die Nutzung gemeinsamer Verwaltungs- und Infrastruktur“, wie sie im Plan beschrieben wird, könnte sich bereits in den nächsten Jahren bei den Universitätsbibliotheken deutlich zeigen. Bis zum Jahr 2020 sollen die Bibliotheksstandorte in Leipzig reduziert und zusammengelegt werden. Das Konzept UBL 2020 wurde von den Universitätsbibliotheken selber eingebracht. Charlotte Bauer, Fachreferentin der Universitätsbibliotheken und Mitglied des Senats: „Wir haben dem Rektorat drei Szenarien vorgeschlagen. Nun muss sich die Universität dazu positionieren.“ Ob und wie viele Stellen bei den Bibliotheken betroffen wären, ist noch unklar.
Fazit:
Das Rektorat muss dem SMWK insgesamt 48 Vollzeitstellen für die Jahre 2013/14 zur Streichung vorschlagen. Bis zum Jahr 2020 müssen 170 Stellen gestrichen werden. Der aktuelle Entwicklungsplan soll dem Ministerium in Dresden einen Fahrplan für die Entwicklung der Universität Leipzig aufzeigen. Auch wenn das Dokument in weiten Teilen sehr vage formuliert ist, lässt sich folgendes Konzept erkennen: Von den Sparplänen kaum betroffen sein werden die drittmittelstarken Fachbereiche der Universität, wie etwa die Medizin oder die Informatik.
Im Umkehrschluss müssen sich drittmittelschwache, kleinere Institute Sorgen um ihre Zukunft machen. Auf welche Weise die Universität den eigenen Anspruch einer „integrierten Volluniversität in Sachsen“ erfüllen will, dazu lässt der Entwicklungsplan des Rektorats momentan noch Fragen offen. „Wie die Universität Leipzig die ihr neu zuwachsenden Aufgaben bei empfindlich verringertem Personalbestand bewältigen soll, ohne dass dadurch die Qualität und Quantität ihrer Kernaufgaben in Forschung und Lehre beeinträchtigt wird, ist derzeit nicht absehbar.“
Am Dienstag billigte der Senat den Entwicklungsplan, nachdem ein 13 Seiten umfassendes Dokument mit Änderungswünschen der Senatoren eingearbeitete wurde. Der Plan wird nun redaktionell überarbeitet und am Freitag (3.2.) dem Hochschulrat zur Abstimmung vorgelegt. Spätestens am 20. Februar muss der Entwicklungsplan dann beim Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst in Dresden liegen.
LVZ-Campus wird Sie über die weiteren Entwicklungen der Hochschulreform informieren.
Der Autor Conrad Ziesch ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.