Perspektiven
Keine Zeit für die Dissertation - Nachwuchsforscher unter Druck
Gina Apitz und Stefan Hantzschmann
Foto: Andreas Dymke
Keine Zeit für die eigene Dissertation - für viele Leipziger Doktoranden ist das ein großes Problem.
Sie könnten künftig zur Elite dieses Landes gehören und einige von ihnen könnten die Wissenschaftler von morgen sein: 5828 Doktoranden zählt das Prorektorat für Forschung und Nachwuchsförderung der Universität Leipzig, Tendenz steigend. Mit der Zahl der Promovenden steigt der Druck auf die Nachwuchswissenschaftler: Jobs an den Hochschulen sind rar. Ein soziales Auffangnetz gibt es nicht. Einige Professoren nutzen diese Situation als Druckmittel. Ein Stimmungsbild.
Einmal im Jahr landet der Brief auf Sebastian Herrmanns Schreibtisch. Er soll jetzt bitte seinen Urlaub nehmen, steht in dem Schreiben der Universität Leipzig. Jedes Jahr aufs Neue ignoriert Herrmann diesen Brief. Denn wenn er sich frei nehmen würde, dann „würde der Uni-Betrieb viel zu sehr leiden." Sebastian Herrmann ist kein selbstloser Mensch, sondern Doktorand am Institut für Amerikanistik. Offiziell promoviert der 33-jährige über fiktionale Darstellungen des amerikanischen Präsidenten. Die meiste Zeit aber hat er anderes zu tun. Er bereitet Seminare vor, korrigiert Klausuren, hält Sprechstunden ab. Herrmann sagt, seine Zeit werde einfach „aufgefressen."
Keine Zeit für die eigene Dissertation - ein Problem von vielen der knapp 6000 Doktoranden an der Uni Leipzig. Doch während die Zahl der Promovenden steigt, nimmt die der abgeschlossenen Promotionen ab - laut aktuellem Jahresbericht der Universität von 620 im Jahr 2009 auf 510 im vergangenen Jahr. Eine Erklärung dafür hat Benjamin Bigl, 31, Sprecher des im vergangenen Jahr gegründeten Promovierendenrats der Uni Leipzig: „Doktoranden können leider immer weniger Zeit für ihre eigene Promotion aufbringen." Sie würden als günstige Arbeitskräfte eingesetzt, die für die Lehre zuständig sind. Die Dissertation werde dabei oft als Privatangelegenheit betrachtet.
„Manche Professoren haben völlig den Realitätsbezug verloren"
Prekär wird es für die Nachwuchsforscher, wenn die „Privatangelegenheit" Dissertation finanziell kaum noch gestemmt werden kann. Die Doktorandin Sabine Ott* hatte während ihrer Promotionszeit häufig Existenzängste. Mal eine halbe Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin, mal ein paar Monate als wissenschaftliche Hilfskraft, später ein halbes Jahr Stipendium. „Und dann wurde es richtig chaotisch", so Ott. „Mein Professor hat aus Geldern für zwei oder drei Monate halbe Stellen zusammengestrickt und irgendwann gab es nichts mehr", sagt sie und lächelt, weil ihr das im Nachhinein so absurd vorkommt. Finanzierung über die Uni bekamen nun andere Doktoranden. Im Januar beantragte sie schließlich Arbeitslosengeld. Otts Dissertation war zu diesem Zeitpunkt längst noch nicht fertig. Dass sie inzwischen Mutter geworden war und mit den knapp 500 Euro vom Staat kaum über die Runden kam, habe ihren Professor wenig interessiert. „Er wollte, dass ich noch ein Projekt nebenbei realisiere. Er hat es nicht so gesagt, aber das war die Bedingung dafür, dass ich weiter finanziert werde", erzählt Ott. Sie entschied sich, lieber ihre Dissertation fertig zu schreiben. „Manche Professoren haben völlig den Realitätsbezug verloren, wie man sich als Doktorand finanziert", klagt die 29-Jährige.
Laut Vertrag müssen Doktoranden mit einer halben Stelle zwei Semesterwochenstunden lehren. „Das ist bei den wenigsten der Fall, sie unterrichten meist viel mehr", sagt Benjamin Bigl vom Promovierendenrat. Er schätzt, dass etwa 900 Promovenden eine solche halbe Stelle an der Uni innehaben.
Oft seien Doktoranden noch in andere Projekte am Institut eingebunden. Sebastian Herrmann zum Beispiel konzipiert mit Masterstudenten jedes Wintersemester eine Fachzeitschrift, die viel Arbeit macht. Bis nachts um Drei hocken die Studenten und er zusammen, feilen an sprachlichen Formulierungen. Gezwungen wird der Doktorand dazu nicht. Aber: „Ein gewisses Maß an Selbstausbeutung gehört zu einer wissenschaftlichen Existenz", findet Herrmann. Abendessen im Büro? Keine Seltenheit. Die Mikrowelle wird öfter angeworfen. Einige seiner Kollegen übernachten auch schon mal in der Uni. „Wir arbeiten alle Überzeit", sagt Herrmann.
Besseren Bedingungen am Graduiertenkolleg
Anders sieht es bei Doktoranden aus, die ein Stipendium erhalten oder an der Research Academy Leipzig promovieren - 500 sind es derzeit an der Uni. Wer seine Dissertation an einem Graduiertenkolleg schreibt, findet vergleichsweise gute Bedingungen vor. Zwar müssen Doktoranden, wenn sie eine Stelle haben, auch dort lehren, doch dem eigenen Forschungsprojekt wird eine größere Bedeutung beigemessen. Peter-Georg Hoffmeister ist einer von 27 Doktoranden am Graduiertenkolleg „Matrixengineering", das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird. Seit zwei Jahren forscht der 28-jährige Pharmazeut dort zur Wundheilung von Haut und Knochen. Der große Vorteil des Kollegs: Der Austausch zwischen den Fachgebieten. Während freie Doktoranden die meiste Zeit allein an ihrer Arbeit feilen, treffen sich in den Laboren Nachwuchswissenschaftler verschiedener Fächer. Ein weiterer Unterschied zum klassischen Promovieren: Die Strukturierung. „Es ist ein bisschen wie in der Schule", so Hoffmeister. Feste Zeitpläne sorgen dafür, dass niemand jahrelang ergebnislos vor sich hin forscht. Im Sommer besuchen die Promovenden Kurse für wissenschaftliches Schreiben, Statistik und andere Grundlagen. Wie im Studium wird dieses Wissen abgeprüft. Mit den Klausurnoten können die Doktoranden ihr Rigorosum, die mündliche Schlussprüfung, ersetzen.
* Name geändert
Die Autoren Gina Apitz und Stefan Hantzschmann sind Mitglieder der Lehrredaktion Campus,
einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 27.10.2011, 17:30 Uhr