Foto: Matthias Schaette
Hat schwere Entscheidungen zu treffen: Beate Schücking, Rektorin der Uni Leipzig
Beate Schücking, Rektorin der Universität Leipzig, ist momentan um
ihren Job nicht zu beneiden: Bis Ende 2015 müssen nach Vorgaben des
sächsischen Wissenschaftsministeriums (SMWK) 72 Stellen gestrichen
werden, bis 2020 etwa 100 weitere. Im Interview spricht
sie über die konstante Zahl der Studienanfänger, die Politik des SMWK –
und warum sie selbst nicht auf die Straße gegangen ist, um dagegen zu
protestieren.
Frage: Sie sind selbst gegen die Kürzungen. Warum waren Sie nicht bei der Demonstration „Kürzer geht’s nicht“?
Beate Schücking: Demonstrationen sind das Vorrecht der Studierenden.
Aber auch für die Hochschulleitung offen …
Das muss man sich gut überlegen. Als Hochschulleitung kann man bei Demonstrationen nicht allzu oft mitgehen. Wir haben es vorgezogen, den Studierenden ein Statement zu geben, das verlesen wurde, um die Positionen der Hochschulleitung klarzumachen.
Warum haben Sie sich dagegen entschieden, selbst mitzugehen?
Man muss sich ja noch Möglichkeiten offen halten. Wir sind in diesem Prozess sehr darauf angewiesen, mit der Landesregierung Wege zu finden, wie die Zukunft gestaltet werden kann.
Sie haben also befürchtet, dass die Landesregierung Sie nicht mehr ernst nimmt, wenn Sie demonstrierend durch die Stadt gezogen wären?
Wir brauchen erst vernünftige Konzepte. Es ist meine Aufgabe, für diese Konzepte Respekt und Anerkennung einzuholen. Als Rektorin muss ich mir genau überlegen, an welchem Punkt ich wie protestiere. Auch wenn die eigenen Emotionen einen schnell dazu verleiten würden, zu sagen: Da gehe ich jetzt mit auf die Straße.
Ab einem bestimmten Punkt würden Sie es nicht ausschließen, selbst auf die Straße zu gehen?
Es gibt sicher Situationen, in denen auch eine Hochschulleitung sagen muss: Hier geht es nicht mehr weiter. Da gibt es prominente Beispiele wie meinen Kollegen Dieter Lenzen von der Uni Hamburg im vergangenen Jahr. Solche Aktionen müssen aber wohlüberlegt sein.
Wie wählen Sie die Stellen aus, die gestrichen werden sollen?
Wir schauen uns die Lehre unter verschiedenen Gesichtspunkten an, insbesondere die Lehrauslastung. Damit sehen wir, welche Bereiche überlastet, welche unausgelastet sind und wo ein stimmiges Verhältnis herrscht. Dabei muss man sich
besonders die beiden Enden des Spektrums ansehen. Als nächstes schauen wir uns die Forschungsleistungen an. Die versucht man zunächst zu ermitteln und dann mit anderen Standorten zu vergleichen. Anschließend kann man sagen, welche Bereiche beispielsweise komplett überlastet sind und wenig Forschungsleistungen erbringen.
Das Pharmazie-Institut wirft Ihnen schlechte Informationspolitik vor. Viele Mitarbeiter erfuhren erst aus der Presse von dem Schließplan, auch Einsicht in das Uni-Strategiepapier wurde nicht gewährt. Wie ist das mit dem Transparenzversprechen vereinbar?
Foto: Matthias Schaette
Wir haben die Informationen zuerst an die Dekane weitergeleitet, so dass die Möglichkeit bestand, auf Anfrage frühzeitig informiert zu werden. Und wir haben, noch bevor die Presse davon wusste, die Mitteilung ins Intranet gesetzt und – erstmals an dieser Universität – die Möglichkeit geboten, dass man im Netz Fragen und Kommentare zu diesem Thema schreiben konnte. Davon ist nur wenig Gebrauch gemacht worden. Aber auch Transparenz muss in der Universitätskultur noch geübt werden.
Die Pharmazeuten sind – auch bedingt durch Signale aus Dresden – optimistisch, dass das Institut trotz der momentanen personellen Unterausstattung nicht geschlossen werden muss.
Dazu weiß ich im Moment nichts. Es würde mich freuen, wenn ein Weg gefunden würde, diese Finanzierungslücke zu schließen. Aber ich habe diesbezüglich aus dem Ministerium noch keine Andeutungen vernommen.
Der Studentenrat kritisiert, Sie würden Forderungen, wie die Bekanntgabe der fälligen Stellen, mit vorauseilendem Gehorsam umsetzen.
Die Beschuldigung ist nicht gerechtfertigt.
Es gibt Gerüchte vom Aus der Geologie und der Mineralogie in Leipzig.
Geowissenschaften im Sinne von tiefer Erde sind schwierig in Leipzig zu halten. Wenn man an die fachliche Profilierung sächsischer Universitäten denkt, liegt diese eindeutig in Freiberg.
Angesichts des Doppelangebotes an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) könnte der Studiengang Musikwissenschaft wegfallen. Eine gute Idee?
Eine Streichung der Musikwissenschaft ist auf Hochschulleitungsebene bisher nicht diskutiert worden. Die Zusammenarbeit, die wir mit der HMT pflegen, bezieht sich ja auch auf wissenschaftliche Qualifizierungen, wie Promotionen und Habilitationen, die eher an der Universität stattfinden.
In Sachsen kommen schon jetzt 1,3 Studenten auf einen Studienplatz – und Sie müssen weiter kürzen. Ab welchem Verhältnis müssen massenhaft Absagen erteilt werden?
Wir haben an der Uni in einigen Studienfächer sehr schwierige Verhältnisse – wie in Jura mit 700 Erstsemestern. Da werden wir eine Studienplatzbeschränkung einführen müssen, weil wir sonst die Qualität der Lehre nicht mehr erbringen können.
Die Prognosen, die dem SMWK für die Studienanfänger vorliegen, haben sich als falsch erwiesen. Statt 150.000 gab es im vorigen Jahr 200.000 Neuimmatrikulationen. Wie realistisch ist ein Umdenken bei den Mittelzuweisungen?
Das kann ich mangels politischer Erfahrung in Sachsen schwer einschätzen. Ein größerer Personenkreis, auch im politischen Raum, kennt die Zahlen, die ja nicht einfach Meinungen sind. Mein erster Eindruck ist, dass wir mit diesem Argument Gehör finden.
Vermuten Sie, dass die geforderten Streichungen noch nicht betoniert sind?
Die Wahrscheinlichkeit, dass Stellen,die man einmal genannt hat, einem zum Schluss wieder zurückgegeben werden, ist nicht besonders hoch. Aber ich nehme hier und da Anzeichen wahr, dass es politische Bündnisse gibt, die Leipzig als Standort unterstützen.
Die Autoren Matthias Schätte und Britta Veltzke sind Mitglieder der
Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs
Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.