Studentenleben
Bologna-Prozess bremst Scheinstudenten nicht aus - Vergünstigungen sind verlockend
Nadine Gassner und Roland Jodin
Foto: Britta Veltzke
In der Statistik vorhanden, an den Hochschulen aber unsichtbar: Scheinstudenten
schreiben sich nur pro forma ein.
Student zu sein, bietet viele Vorteile: Günstige Krankenversicherung, weiterhin Kindergeld beziehen, Studentenrabatte. In diesen Genuss wollen auch Noch-nicht- oder Nicht-mehr-Studenten kommen und schreiben sich pro forma an den Hochschulen ein – nicht um zu studieren, sondern um zu sparen. Auch vom Bologna-Prozess lassen sie sich nicht stoppen.
„Gerade mit Einführung der Bachelor-und Masterstudiengänge, die allen Studierenden semesterweise Prüfungsleistungen abverlangen, ist ein jahrelanges Scheinstudium nicht möglich.“ Die Stellungnahme des sächsischen Wissenschaftsministeriums klingt eindeutig. Außerdem sei kein Fall bekannt, bei dem sich Studierende nur pro forma eingeschrieben hätten.
Larissa* kann darüber nur lachen: „Es gibt immer noch genug Diplom- und Staatsexamenstudiengänge, bei denen man lange keine Leistungsnachweise bringen muss.“ Sie ist für evangelische Theologie auf Diplom eingeschrieben, einen der Studiengänge, der an der Uni Leipzig nicht umgestellt wurde und nicht zulassungsbeschränkt ist. „Du musst keine Fristen einhalten“, erklärt Larissa die einfache Einschreibung. „Eine Onlineanmeldung schicken, Geld überweisen und dann war’s das schon. Man muss da nicht mal persönlich hin.“
Sparen bei der Krankenversicherung, Einnahmen durch Kindergeld
Larissa ist Scheinstudentin aus der Not: Nachdem sie 2011 ein Erststudium an einer anderen Uni absolviert hatte, ist sie mit ihrem Freund nach Leipzig gezogen, hat aber nicht sofort Arbeit gefunden. Doch ohne Studentenstatus hätte sie nun 150 Euro pro Monat an Krankenkassenbeiträgen bezahlen müssen. „Und außerdem hätten mir 180 Euro Kindergeld gefehlt.“ Zudem erleichtere der Studentenstatus das Finden von Nebenjobs. Auch Zweitstudiengebühren zahle sie keine, sagt Larissa. Zum Zeitpunkt ihrer Einschreibung hatte sie ihr Studium in Bamberg noch nicht abgeschlossen.
Die Immatrikulationsbescheinigung bringt neben ermäßigten Beiträgen für die gesetzliche Krankenversicherung, die sich am Bafög-Satz orientieren, und dem weiteren Bezug von Kindergeld noch mehr Vorteile: zum Beispiel Rabatte für Kultur- und andere Freizeitveranstaltungen, Vergünstigungen für öffentliche Verkehrsmittel oder billigere Mobilfunk- und Internetverträge. So haben modularisierte Studiengänge zwar Scheinstudenten die Einschreibung erschwert, aber nicht unmöglich gemacht.
Insgesamt drei Diplomstudiengänge sind an der Uni Leipzig zulassungsfrei – und auch 16 Bachelorstudiengänge. „Manche davon setzen zwar gewisse Sprachkenntnisse, wie das Latinum, voraus“, sagt Studienberaterin Cornelia Wächter. „Einschreiben kann man sich aber zunächst auch ohne – die nötigen Sprachkurse können noch während des Studiums nachgeholt werden.“
Ohne Leistungsnachweise folgt Exmatrikulation
Und ist man erst einmal drin, kann man auch lange drinbleiben: In Bachelorstudiengängen gibt es zwar Pflichtveranstaltungen, bei denen semesterweise Prüfungen anfallen, „aber wenn ich mich erst gar nicht für das Modul eintrage, gibt es auch keine Prüfungen, die ich nicht bestehen könnte“, so Wächter.
Scheinstudenten aufzudecken ist vor allem Sache des zuständigen Prüfungsamtes. Werden anstehende Prüfungen nicht innerhalb der in der Studienordnung vorgegebenen Frist absolviert, folgt die Exmatrikulation. Doch bis die Prüfungskanzlei aufmerksam wird, bleibt der Scheinstudent oft unerkannt.
Die Autoren Nadine Gassner und Roland Jodin studieren am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig und schreiben für die Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 17.04.2012, 16:05 Uhr