Studentenleben
„Die Musik muss in meinem Kopf kochen" - Deutscher Dirigierwettbewerb an der HMT
Stefan Hantzschmann
Foto: Jonas Wissner
Schon im Sommer hatte Ding Yuan mit den Vorbereitungen für den Wettbewerb begonnen.
Beim Deutschen Dirigierwettbewerb an der Hochschule für Musik und Theater vergleichen sich 23 Studenten aus 14 deutschen Hochschulen und inspirieren sich gegenseitig. Zum ersten Mal findet der Wettbewerb in Leipzig statt. Für die Studenten gilt er als Karrieresprungbrett. Campus hat die zwei Leipziger Kandidaten begleitet.
„Das Warten macht einen kaputt", stöhnt Ding Yuan mit leiser Stimme und weichem chinesischen Akzent. Ding Yuan studiert Dirigieren an der Hochschule für Musik und Theater und hat keine zehn Minuten mehr Zeit bis zu seinem großen Auftritt beim Deutschen Dirigierwettbewerb für Studenten an der HMT. 23 angehende Dirigenten aus 14 deutschen Musikhochschulen treten gegeneinander an, sechs Tage, in drei Auswahlrunden. Dem Gewinner winken 1000 Euro Preisgeld. Viel wichtiger ist den meisten hier aber etwas anderes: Der Wettbewerb gilt als Karrieresprungbrett und Inspirationsquelle.
Ding Yuan ist nervös. Während ein anderer Kandidat im großen Saal der HMT die Fledermaus von Johann Strauß dirigiert, durchzuckt es Ding an einigen Stellen. Als würden Stromstöße seinen Körper durchfahren, beginnt der 27-Jährige seine Hände zum Rhythmus zu bewegen, sein ganzer Oberkörper arbeitet zur Musik und bricht ebenso schnell wieder ab. Er wollte sich eigentlich entspannen, vor seinem großen Auftritt.
Sieg beim Wettbewerb kann Karriereschub bedeuten
Im Sommer hatte Ding Yuan mit der Vorbereitung für den Wettbewerb begonnen: Literatur studieren, Trockenübungen mit dem Taktstock, über die Gestaltung der Stücke grübeln. Ding wird die Fledermaus von Strauß und Mozarts Prager Sinfonie dirigieren. „Diese Stücke müssen ein Teil von mir werden. Die Musik muss in meinem Kopf kochen. Dann kann ich das Orchester gut dirigieren." Ding ringt nach Worten und kneift dabei die Augen zusammen. Es fällt ihm schwer zu erklären, dass es nicht nur um die technische Ausführung geht, nicht nur darum, wie exakt er mit dem Taktstock umgeht. Es geht um musikalische Visionen und deren Umsetzung. Er hat nur 20 Minuten Zeit, um diese Visionen der Jury zu präsentieren. Sechs Dirigierprofessoren aus ganz Deutschland, der Klangkörper-Chef und die Konzertmeisterin des MDR Sinfonieorchesters entscheiden über Dings Fortkommen bei diesem Wettbewerb. Ein Sieg könnte seiner Karriere einen gewaltigen Schub geben.
Foto: Jonas Wissner
Eine achtköpfige Jury entscheidet über das Weiterkommen der Kandidaten.
In keinem anderen Land gibt es so viele Theater und Opernhäuser wie in Deutschland. Dementsprechend ist auch die Anzahl der Orchester hierzulande beträchtlich: 133 öffentlich finanzierte Kulturorchester. Der Arbeitsmarkt für Dirigenten ist trotzdem hart umkämpft. Laut einer Statistik des Deutschen Musikinformationszentrums studierten im Wintersemester 2009/2010 deutschlandweit 289 Studenten im Kernfach Dirigieren. „An der HMT sind momentan sieben oder acht Studenten im Studiengang Dirigieren eingeschrieben. Unsere Auswahlkriterien sind hart, aber sonst hätte es keinen Zweck, denn das Studium soll ja auch zum Beruf führen", erklärt der Leipziger Dirigierprofessor und Vorsitzende des diesjährigen Wettbewerbs Professor Ulrich Windfuhr. Der Wettbewerb sei inzwischen ein richtiges Karrieresprungbrett. „Aus allen bisherigen Preisträgern ist etwas geworden."
„Man merkt binnen Sekunden, ob es klappt oder nicht"
Für Mirga Gražinytė-Tyla hat das Warten ein Ende. Die 25-Jährige steht auf der Bühne des Großen Saales der HMT. Vor ihr sitzen rund 40 Musiker des Leipziger Sinfonieorchesters - nicht wie bei Konzerten üblich in schwarzen Anzügen, sondern in Jeans und Pulli. Alle Blicke sind auf die junge Studentin gerichtet, die auf einem Podest steht. Der Saal ist gut ausgeleuchtet - die Juroren wollen genau sehen, wie sich Mirga bewegt. Ihr gesamter Körper ist angespannt. Bei einigen Stellen bebt Mirgas Rücken, erzittert ihr Kopf. Als Dirigentin gibt sie den Musikern nicht nur den Takt vor. Sie transportiert Emotionen, spricht mit ihrem Körper zum Orchester, ohne etwas zu sagen. „Der Dirigent muss schon etwas Inspirierendes haben, sonst wird es langweilig und dann sinkt die Konzentration", sagt Christian Petersen, der im Leipziger Sinfonieorchester das Horn bedient. Auch deshalb seien die Qualitätsunterschiede zwischen den Kandidaten deutlich spürbar. Die Musiker müssen beim Dirigierwettbewerb Nerven beweisen. Zwei volle Tage spielen sie nur drei Stücke. Ermüdend sei das, gibt Petersen zu. „Man merkt binnen Sekunden, ob es klappt oder nicht. Schon beim ersten Auftakt muss für uns klar sein, wo es lang geht, was der Dirigent von uns will."
Für Mirga läuft es gut. Ihre Orchesterprobe funktioniert; die Musiker verstehen ihre Signale. Die Stücke entwickeln sich, Unterschiede werden sogar für Laien hörbar. Doch die HMT-Studentin verschätzt sich mit der Zeit. Professor Windfuhr bricht das Konzert ab, bevor das Stück zum Ende kommt; fast ein Drittel fehlt. Die Kandidaten müssen in 20 Minuten ein Stück durchdirigieren und eine Orchesterprobe leiten. „Nach einer guten Probe klingt das Orchester bereits nach zehn Minuten anders als vorher. Es klingt dann besser", sagt der Weimarer Professor Nicolás Pasquet von der Hochschule für Musik Franz Liszt. Pasquet sitzt in der achtköpfigen Jury. Alle Juroren können sich frei im Saal bewegen. Einige beobachten die Kandidaten vom Orchester aus, andere bewerten vom Publikumsbereich aus.
Mirga nimmt ihr Zeitproblem gelassen. „Egal wie es weitergeht. Ich bin sehr glücklich mit der Vorbereitung. Dabei habe ich sehr viel gelernt. Man arbeitet in dieser Vorbereitungsphase mit sich selbst sehr ehrlich", sagt die gebürtige Litauerin mit einem Schlag breitem Österreichisch in der Sprache. Mirgas Biografie ist so beeindruckend wie die der meisten Kandidaten. Geboren in Litauen, Studium in Graz, Bologna, Zürich und Leipzig, Preisträgerin mehrerer wichtiger Wettbewerbe, Mitglied im Dirigentenforum des Deutschen Musikrates. Sie assistierte Kurt Masur und dirigierte zahlreiche Konzerte sowie eine Oper. Seit dieser Saison ist sie zweite Kapellmeisterin am Theater Heidelberg. Ihr Studium in Leipzig will sie später noch mit dem Diplom beenden. Dafür hat sie gerade keine Zeit.
Der Autor Stefan Hantzschmann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 22.11.2011, 18:42 Uhr