Leipzig. Es gibt viele Klischees über Studenten. Eines lautet: Sie schlafen bis mittags. Alle? Nein. Denn der Medizin-Student hält sich wach mit Tabletten aus dem Arznei-Schrank. Hingegen kommt die Ethnologin nicht vor drei Uhr Nachts ins Bett, weil sie ethnologische Beobachtungen im Nachtleben sammeln muss. Alles Klischees? Ja, na klar. Und Campus sagt: Her damit! Was ein Fach über Studenten aussagt. Teil 3: Jura
Die äußere Hülle: Ein Jurastudent hat zu jeder Tages- und Nachtzeit angemessen gekleidet zu sein. Seine Haare sind formschön gewachsen und im Guttenberg-Stil akkurat zurückgegelt. Zu einer unauffälligen Stoffhose trägt der angehende Staranwalt trendige Markenhemden (Lacoste oder Ralph Lauren) – vorzugsweise in Schweinchenrosa oder Zartgelb. Nicht zu vergessen der hochgeklappte Kragen. Lässig wird dazu ein Pullover über die Schultern gelegt und vor der Brust an den Ärmeln verknotet. Die braune Barbourjacke hat ihm sein Vater, ebenfalls Anwalt, beim letzten Jagdausflug geschenkt. Tags darauf bringt Junior einen Trolley oder Alukoffer mit zur Vorlesung, als käme er gerade von einem wichtigen Termin aus Brüssel.
Während einer langweiligen Vorlesung: In seinem Koffer befinden sich neben Jagdutensilien ein weißer Lederhandschuh sowie Bälle, die zuvor auf dem väterlichen Golfplatz zum Einsatz kamen. Handicap: Null. An der Uni muss sich der
Jurastudent mit 500 anderen seines Jahrgangs in einen viel zu kleinen Vorlesungssaal zwängen. Einen Professor aus Fleisch und Blut bekommt man hier zwar nicht zu sehen, dafür aber die Vorlesung, die aus dem Hörsaal nebenan per Videostream übertragen wird. Im dichten Gedränge muss zwangsweise Körperkontakt zu anderen menschlichen Wesen aufgenommen werden. Für die Gesetzesbücher biblischer Ausmaße findet sich in diesem Chaos leider nirgends Platz. Als sich der Jurastudent mit seinen Ellenbogen endlich Freiraum verschafft hat, ist die Vorlesung bereits beendet. Ab in die Bibliothek!
In der Freizeit: Freizeit? So etwas gibt es für den Jurastudenten nicht. Gut, dass alle Facebook-Freunde ebenfalls von früh um acht bis abends um elf in der Bibliothek sitzen. Mit Schrecken denkt der Student an Weihnachten, wenn er für Tage sein angestammtes Revier verlassen muss. Daheim wird er dazu genötigt, seine ganze Sozialkompetenz in die Waagschale zu werfen. Leider kann er beim Small Talk mit den Verwandten partout keine eindeutige Antwort geben. Mit „Es kommt darauf an“ reagiert er auf die Frage der Oma, ob er noch ein Stückchen Kuchen wolle. Auch beim Versuch, die letzte Klausurnote zu rechtfertigen, scheitert er jämmerlich: „Nein, die Höchstpunktzahl hat noch niemand geschafft!“
Lebenswichtige Ausrüstung: Endlich zurück in der Bibliothek, kann der Jurastudent auf eine seiner wichtigsten Waffen zurückgreifen: den Edding. Mit dem schwärzt er Stellen in den Büchern, die andere Studenten für ihre Hausarbeiten oder die Klausurvorbereitung brauchen könnten. Freude bereitet ihm auch das Umstellen der Bücher, damit nur er sie später wiederfinden kann. Nervige Kommilitonen anderer Studienrichtungen bringt der angehende Gesetzeshüter mit seiner zweiten Waffe zur Strecke, der Sprache. Er redet seinen Gegenüber so lange mit juristischen Abkürzungen, lateinischen Redewendungen oder „spannenden“ Einzelfällen in Grund und Boden, bis der Unwissende entnervt das Weite sucht. „Falsa demonstratio non nocet.“
Beim Jahrgangstreffen in zehn Jahren: Den erfolgreichsten Absolventen des Jahrgangs hat vorher noch niemand gesehen. Bei der Nennung seines Jahresgehaltes erntet der Unsichtbare neidische Blicke. Ohnehin hat sich das bewahrheitet, was man immer schon wusste: Die mit Prädikat sind zu Richtern oder Bundestagsabgeordneten geworden. Die ohne Prädikat nagen am Hungertuch oder haben die Kanzlei des Vaters übernommen.
Der Autor Conrad Ziesch ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.