Foto: Britta Veltzke
Es gibt viele Klischees über Studenten. Eines lautet: Sie schlafen bis Mittags. Alle? Nein. Denn der Nachwuchs-Maschinenbauer steht früh auf, um seine karierten Hemden zu bügeln und der Theologe geht sowieso nie nach um zehn ins Bettchen. Alles Klischees? Ja, na klar. Und Campus sagt: Her damit! Was ein Fach über Studenten aussagt. Teil 4: Kunstgeschichte
Die äußere Hülle: Ist dem Kunstgeschichtler viel wichtiger, als er wahrhaben, oder genauer gesagt: als sie wahrhaben möchte. Schließlich zieht der Studiengang vor allem Frauen an - traditionell gilt die Kunstgeschichte als das Fach der "höheren Töchter". Vom Geschlechterverhältnis betrachtet bildet die Kunstgeschichte fast eine Art Gegenentwurf zum Männerfach Informatik. Und das trifft auch auf die Verpackung zu: Während es die Informatiker einfach alles sprießen lassen, um sich nach einem halben Jahr wie ein Schaf scheren zu lassen, haben die Studentinnen der Kunstgeschichte ein gepflegtes Äußeres, für das sie auch gerne Zeit aufwenden. Das soll freilich aber keiner merken.
Es handelt sich um einen dezenten Kunst-und-Kulturszene-Chic, Understatement ist angesagt. Unauffällig wird der Lippenstift aufgetragen. Bevorzugte Farbe für die Kleidung ist ein zeitloses schwarz. Verbreitet ist der Dutt - bei der Frisur werden die Haare zu einem Knoten geflochten. Gute Kosmetik ist wichtig. Sie können es sich leisten, oder besser gesagt ihre Eltern - denn die sind meistens Akademiker.
Lebenswichtige Ausrüstung: Meistens haben sie einen Roman bei sich, Familienromane oder feministische Romane, die sie nur so verschlingen, sobald sich die Möglichkeit bietet. Der in Leder gebundene Terminplaner darf nicht fehlen. Hierin findet sich ein Schwarzweißbild der besten Freundin, das oft im Fotoautomaten entstanden ist. Der Kalender ist oft auch ein Geschenk von ihr. Notizen macht sich die Studentin der Kunstgeschichte mit einem Füllfederhalter, schwarze Patronen sind eingelegt. Man will sich abheben, aber eben unauffällig. Weil die Kunsthistorikern meist nicht besonders technikaffin ist, findet man in ihrer Tasche oft noch prähistorische Handymodelle wie das Nokia 3510.
Der Veranstaltungskalender liegt immer griffbereit, um mit den Kommilitoninnen zu planen, zu welcher Kulturveranstaltungen es am Abend geht. Auf dem Programm steht meistens Theater - einige Studentinnen besitzen sogar Theater-Jahresabos, man kennt sich. Schwere Entscheidungen stehen an: Heute wieder ins Impro-Theater und doch mal in das Schauspielhaus? Wurde ein Entschluss gefasst, trägt die Studentin der Kunstgeschichte den Termin sauber in den in Terminplaner ein.
Foto: Britta Veltzke
Studententypologie: Kunstgeschichte
Während einer langweiligen Vorlesung: Die Professoren, die außerhalb der Kunstgeschichte-Welt kaum einer kennt, werden wie Götter verehrt. Langeweile kommt darum eigentlich nicht auf, und wenn, dann gibt es ja den Kulturterminplaner. Wenn der Dozent die Unterschiede zwischen Madonnenbildern im 13. und 14. Jahrhundert referiert ("Wir sehen, dass 1302 erstmals Gesichter auch hinter Objekten verschwinden konnten. Das wäre vorher undenkbar gewesen"), dann fragt sich der Laie: Ja, na und?
Für die Kunsthistorikerinnen können es gar nicht genug Vasen, Kirchen und Madonnenbilder sein, die vorne im Hörsaal per Beamer an die Wand geworfen werden. Denn es sind alles spannende Details, die sie begierig für mögliche Diskussionen mit Gleichgesinnten während der Freizeit aufsaugen. Besonders häufig kann man in Kunstgeschichte-Vorlesungen auch Rentner antreffen, die sich zu ihren Lebensabend noch einmal den schönen Dingen widmen wollen. So eine eine Vorlesung hat auch etwas beruhigendes an sich: Es herrscht Ruhe, vorne erscheint wie bei einem Diavortrag ein Bild nach dem andern. Dazu die beruhigende Stimme der Dozentin. Kann Studieren schöner sein?
In der Freizeit: Wenn sie vom Theater genug haben, dann geht es ins Museum. Kunsthistorikerinnen sind diese Menschen, die eine halbe Stunde vor einem Kunstwerk verbringen können. Sie wollen nicht einfach vorbeihuschen, schließlich werden sie ja genau dafür ausgebildet, wie ein Detektiv jedes Detail eines Bildes zu erfassen. Außerdem lieben Kunsthistoriker, gratis zu arbeiten, weil sie wie selbstverständlich davon ausgehen, dass man dafür doch kein Geld verlangen könne, da der Kunstbetrieb doch so arm sei. Und so sehen sie es als Freizeit an, wenn sie in unbezahlten Praktika damit ihre Zeit verbringen, in Archiven herumzusitzen, um Bilder, Bücher und historische Dokumente zu ordnen.
Geld spielt für die meisten im Studium ja auch noch keine Rolle. Seit den letzten Jahren verlaufen sich in das Fach der "hohen Töchter" jedoch auch immer mehr Töchter, die gar nicht aus so hohem Hause kommen. Die arbeiten nebenher zum Beispiel in einem der Künstlerkaffees, wo sie ihre wohlhabenderen Kommilitonen bedienen können, die gerade an einem Frauenroman lesen.
Beim Jahrgangstreffen in zehn Jahren: Während des Studiums stellt sich die Kunsthistorikerin nur selten die Frage, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen soll, weil sie sich ja ganz der Erforschung der Kunst widmen will. Nur ein paar von den Uncoolen schielen schon immer in Richtung Wirtschaftswelt und absolvieren ein Praktikum nach dem anderen, um nach dem Abschluss schleunigst ins Kulturmanagement zu gehen - die nicht so hohen Töchter eben. Die böse Wirtschaft ist aber bei den meisten verpönt - mit dem marktwirtschaftlichen Umgang mit Kunst will man eigentlich nichts zu tun haben. Kunstgeschichtler empfinden sich als Freigeister, weil sie alles Wirtschaftliche ignorieren. Das geht aber leider nach dem Studium für viele nicht mehr.
Fast alle würden gerne in die Wissenschaft gehen, doch da ist natürlich nicht genug Platz für soviel Andrang. Deshalb müssen die meisten nach der Abschlussarbeit der Uni trauernd den Rücken kehren. Beim Jahrgangstreffen schließlich, können ein paar von ihnen angeben: Sie haben eine der begehrten Stellen in einem Verlag, der Denkmalpflege oder in einer Bibliothek ergattert. Von den anderen erzählen viele, dass sie sich "noch einmal neu erfunden haben".
Sie haben noch Lehramtsstudium hinten dran gehängt und stehen mit 32 gerade vor dem ersten Staatsexamen. Oder sie sind - frankophil, wie viele Kunsthistoriker sind - nach Frankreich gegangen, um dort als Touristenführerinnen zu arbeiten. Schade, dass sie irgenwann enden muss, die schöne Welt des Studiums.
Der Autor Martin Rank ist Mitglied der Lehrredaktion
Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der
Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.