Studentenleben
Die Studententypologie: Was ein Fach über Studenten aussagt - Literatur
Julia Reinard
Foto: Britta Veltzke
Kann keine anderen Egozentriker um sich dulden: Der Student des Literaturinstituts Leipzig.
Es gibt viele Klischees über Studenten. Eines lautet: Sie schlafen bis mittags. Alle? Nein. Denn der Informatik-Student trinkt literweise Club Mate um die Müdigkeit zu besiegen. Der Soziologe hingegen ist wohltätig und schläft dafür bis mittags. Alles Klischees? Ja, na klar. Und Campus sagt: Her damit! Was ein Fach über den Studenten aussagt. Teil 1: Literatur
Wer Schriftstellerei studiert, ist von einer anderen Welt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Studenten am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL) von einer Aura der Andersartigkeit umgeben sind. In Teil Zwei der Serie „Klischeestudenten“ wird denen über die Schulter und ins Notizheft geschaut, die sich an der Pleiße um die Nachfolge Juli Zehs, Judith Zanders und Clemens Meyers bemühen. Das zeigt sich schon an der Sprache: Kaum ein Studiengang ist geografisch so heterogen besetzt wie dieser – es wird geschwäbelt, berlinert, platt geschnackt und schwyzerdeutsch gered’. Wer sich im deutschen Sprachraum zum Dichter berufen fühlt und das Handwerk studieren will, der versucht, ans DLL zu kommen, wo schon Juli Zeh, Judith Zander und Clemens Meyer lernten.
Die äußere Hülle: Aus dem Rahmen fällt der Schriftsteller-Student schon mit seiner Kleidung: Er wie sie kleidet sich ganz in Schwarz oder in Blau-Rosa-Gelb, trägt dickrandige Brillen, an Männerbeinen eng anliegende Hosen, auf Frauenköpfen kurzes Haar. Was die Leiber verhüllt, ist gleich, nur nachlässig muss es wirken, eben so, als würde an Modefragen keine Zeit verschwendet. Wer es von Hunderten Bewerbern an die Eliteschmiede der Schriftstellerei geschafft hat, der trumpft nicht mit Äußerem auf – der weiß, er ist etwas Besonderes: nicht marktorientiert, sondern Künstler.
Lebenswichtige Ausrüstung: Drei Dinge dürfen bei keinem Schriftstellerstudenten fehlen, das sind Notizblock, Stift und der Wille, genau hinzusehen. Doch weil Kunst bekanntermaßen brotlos ist, malochen sie nebenher in den seltsamsten Jobs. Das sichert nicht nur Brot und Wein, sondern dient auch er Recherche. Als Medikamententester, Nachtwächter, Kaufhausdetektiv lernen sie das richtige Leben mit echten Menschen und wahrhaften Problemen kennen. Als Job ist alles ist möglich. Nur allzu Profanes wie Verkauf und Gastronomie ist tabu.
Während einer langweiligen Vorlesung: malt der angehende Schriftsteller. Denn nichts ist schlimmer als nur Autor zu sein. Zeichnen ist das bestmögliche Hobby, hilft es doch durch die Stunden am Institut, in denen die Dichter am Dichten gehindert werden. Wer mit dem Malen nichts anfangen kann und in der Freizeit hauptsächlich Rennrad fährt, Freeclimbing oder Biogärtnern betreibt oder Meister des Rotweintrinkens ist, widmet sich bei Langeweile dem eigenen Kopf. Droht er einzuschlafen, formuliert er, was um ihn herum geschieht und sei es, den Klang des sich schnäuzenden Nachbarn in treffende Worte zu packen.
In der Freizeit: Ein DLLer duldet keinen anderen Egozentriker neben sich. Hat er also einen Lebensabschnittsgefährten gefunden, der sich ungezwungen unterordnet und das Künstlerpflänzchen zu pflegen weiß, macht er Nägel mit Köpfen. Es wird geheiratet. Kinder werden geboren. Gelebt wird im Altbau – teilsaniert – oder in einer früheren Industrieanlage. Der Autor braucht Raum und Ruhe für den ganz großen Wurf: einen Roman. Unter dem ist alles nichts. Und deshalb geht der DLLer
lange damit schwanger. Nicht, dass er viel darüber spricht, zumindest nicht mit Berufskollegen. Denn Schweigen schützt vor Einmischung, Kritik und Ideenklau. DLLer reden bei zufälligen Begegnungen deshalb nur über Abwesende: Schriftsteller-Auszeichnungen an Bekannte, Eklats der Literaturszene, Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.
Beim Jahrgangstreffen in zehn Jahren: reisen drei Gattungen Überlebende des Literaturinstituts aus Berlin, Hamburg oder abgelegenen Dörfern an. Die erste Gruppe hat es geschafft. Es: jenen „erstaunlichen Erstling“, der ihren Namen durch die Feuilletons geistern lässt. Diese Schriftsteller leben von Lese-Touren und Stipendien, die sie erhalten, seit sie nicht mehr nur online rezensiert werden. Gruppe Zwei krebst nach wie vor mit zwei Brotjobs rum, um von Zeit zu Zeit ein hoch gelobtes, jedoch kaum gekauftes Lyrikbändchen zu veröffentlichen. Zuletzt und als Allerletztes kommen auch die, die auf dem freien Markt teure Seminare für jene anbieten, die Jahre zuvor an der Auswahlprozedur des DLL gescheitert waren.
Die Autorin Julia Reinard ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 03.01.2012, 18:05 Uhr