Studentenleben
Die Studententypologie: Was ein Fach über Studenten aussagt - Politikwissenschaft
Silvia Perdoni
Foto: Britta Veltzke
Juso-Politikwissenschaftsstudenten verstehen sich gar nicht mit dem CDU-Nachwuchs
Es gibt viele Klischees über Studenten. Eines lautet: Sie schlafen bis mittags. Alle? Nein. Denn der Medizin-Student hält sich wach mit Tabletten aus dem Arznei-Schrank. Hingegen kommt die Ethnologin nicht vor drei Uhr Nachts ins Bett, weil sie ethnologische Beobachtungen im Nachtleben sammeln muss. Alles Klischees? Ja, na klar. Und Campus sagt: Her damit! Was ein Fach über Studenten aussagt. Teil 2: Politikwissenschaft
Die äußere Hülle: Es gibt zwei Typen von Studenten der Politikwissenschaft, kurz PoWi genannt: Die einen sind Nachwuchspolitiker von Jusos oder Junger Union, redegewandt und bei Stadtratswahlen auf den hinteren Plätzen der Bezirksstimmzettel zu finden. Die anderen sind nicht weniger redegewandte Cordhosenträger mit Antifa-Buttons auf der Leinentasche. Unter letzteren finden sich auch die meisten Mädchen des Studiengangs - erkennbar durch modebewusste Miniröcke, kleine Sternchen-Tattoos hinterm Ohr und auf den Lippen den allgegenwärtigen Satz „Das sollte man nicht pauschalisieren.“ Beide Gruppen prallen aufeinander, als handle es sich um ein Rendezvous zwischen der kubanischen Untergrundbewegung und der Führungsriege des Weißen Hauses.
Während einer langweiligen Vorlesung: Der Politikwissenschaftler hört zu. Denn in der Politik existieren keine faden Facetten, schließlich geht es zu jedem Zeitpunkt um die Entwicklung der Welt. „Das muss man im Kontext sehen“, sagt der PoWi-Student allzu gern. Auf Preiserhöhungen im Supermarkt reagiert er mit einer langatmigen Argumentation, in der er den Geschäftsführer darauf hinweist, ein Sklave der Lebensmittelindustrie zu sein, die das Privateigentum an Produktionsmitteln zu sehr zentralisiert habe. Beschleichen einen Politikwissenschaftler während einer Vorlesung dennoch apathische Momente, reicht er Flyer herum, die zu Wahlen auffordern. Egal ob Jahrgangssprecher, Wahlmänner zur Wahl des Jahrgangssprechers, Helfer der Wahlmänner zur Wahl des Jahrgangssprechers oder die Farbe der Stimmzettel bei der Wahl des Jahrgangssprechers – kaum etwas schafft es, sich der demokratischen Abstimmung durch die Politikwissenschaftler zu entziehen.
In der Freizeit: Zwischen zwei Veranstaltungen, die meist in der Keimzelle der Politikwissenschaft, dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum
in der Beethovenstraße stattfinden, agiert der PoWi-Student pragmatisch. Er schätzt die kurzen Wege. Das Cafe Kowalski um die Ecke bevölkert er regelmäßig. Lieblingsgetränk: Club-Mate. Heute als stylische Brause daherkommend, stammt Mate eigentlich aus dem südamerikanischen Urwald. Die Kapitalvermehrung als Produktionsgrund des deutschen Herstellers blendet der Politikwissenschaftler aus, stattdessen trinkt er die Limo als Erinnerung an den Freiheitskampf der Indios. Abends trifft man den Politologen mit Vorliebe in eher abgeranzten Kneipen wie Beyerhaus oder Volkshaus. Urige Etablissements also, wo die Musik niemals so laut gedreht wird, dass sie eine gute Kommunismusdebatte unterbinden würde.
Lebenswichtige Ausrüstung: Auf Seite des angehenden Lokalpolitikers sind eine schwarze, unter den Arm klemmbare Ledermappe sowie ein Zertifikat einer Governance-School ein Muss. Ebenfalls obligatorisch: Ein Werbekugelschreiber, der die Parteizugehörigkeit unter Beweis stellt. Der Che in Spe auf der anderen Seite kommt nicht aus ohne deutsche Musik mit intellektuellen Texten und einem Hacky-Sack daher. Auch hat er stets einen olivgrünen Revoluzzer-Hut in der Tasche: Schließlich will er angemessen gekleidet sein, falls die Spontan-Revolution ausbricht und man ihn auf den Barrikaden braucht.
Beim Jahrgangstreffen in zehn Jahren: „Ich bin in die Politik gegangen“, hört man die eine Hälfte der Absolventen sagen. Damit meinen sie, dass ihre Entscheidungsbefugnis im Stadtrat nun so weit reicht, einer Anwohnerin die Erlaubnis zum Umpflanzen der Hecke zu verweigern. Von diesem Recht machen die Politologen in ihrer neuen Funktion als Lokalmatadoren Gebrauch – aus Prinzip. Den Mädchen des Jahrgangs ging auf, dass sie bei Wirtschaftsunternehmen die gleiche Arbeit machen können wie bei Greenpeace . Und obendrein noch ein stattliches Gehalt bekommen. Auch praktisch: Jeans-Mini und Bleistiftrock hatten nahezu die gleiche Länge. All dies interessiert jene wenig, die anlässlich des Jahrgangstreffens aus der dritten Welt angereist sind, wo sie ein Entwicklungsprojekt leiten. Sie verbringen den Abend damit, vergilbte Fotos herum zu reichen und sich über das völlig überfordernde Angebot in deutschen Supermärkten zu brüskieren. Eins ist aber allen geblieben: Das Flackern in den Augen.
Die Autorin Silvia Perdoni ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 03.01.2012, 20:07 Uhr