Studentenleben
Gut Ding will Weile haben – Langzeitstudenten an Leipziger Hochschulen
Maike Neupert
Foto: Britta Veltzke
"Ein Fehler zieht den anderen nach sich" - dieser Spruch trifft auch auf manchen Langzeitstudenten zu.
Sachsens Studierende gehören zu den Schnellsten in Deutschland. Seit der Umstellung der alten Diplom- und Magisterstudiengänge auf das Bachelor- und Mastersystem ist das Hochschulstudium zudem straffer organisiert. Doch es gibt sie trotzdem noch - Studenten die mehr oder weniger weit über die Regelstudienzeit hinaus studieren. CAMPUS hat nachgefragt, wann und warum jemand zum Langzeitstudenten wird.
Das Ende des Sommersemesters am 30. September bedeutet für viele Leipziger Studenten auch das Ende ihres Studiums und den Eintritt in den Arbeitsmarkt. Der Weg dorthin verlief aber nicht für alle geradlinig - nicht jeder beendet sein Studium innerhalb der vorgesehenen Regelstudienzeit. Praktika und Auslandssemester gehören mittlerweile beinahe zum guten Ton. Da kommen schnell ein oder zwei Semester mehr zusammen.
Wann genau jemand deshalb als Langzeitstudent gelten darf, ist nicht klar definiert. „Ein sinnvolles Kriterium ist aber sicher, wenn die Regelstudienzeit um mehr als sechs Fachsemester überzogen wird", sagt Klaus Arnold vom Studentensekretariat der Universität. An der Uni Leipzig treffe das aktuell auf knapp 480 Studenten zu. „Das entspricht etwa zwei Prozent aller Studierenden", erklärt Arnold. Die absolut höchste Fachsemesterzahl, die jemals ein Student erreicht hat, kann er nicht nennen. „Wir führen keine Rekordstatistik. Aber momentan sind 45 Studenten eingeschrieben, die mindestens im 30. Semester studieren."
Gründe, warum einige Studenten ihr Studium später beenden, gibt es hunderte, sagt Kay-Uwe Solisch. Für das Studentenwerk Leipzig betreut der Diplom-Psychologe Studenten mit Studienproblemen, Prüfungsangst oder Lernblockaden. „Häufig liegt der Grund im Finanziellen. Die Studenten müssen während des Studiums arbeiten, so dass das Lernen zu kurz kommt. Einige haben Zukunftsängste, sie wissen nicht, wie es nach dem Studium weitergeht." Auch ein persönlicher Schicksalsschlag könne so lähmen, dass das Studium leide, etwa ein Trauerfall in der Familie, ebenso wie psychische Arbeitsstörungen oder gar Depressionen.
Engagement in der Hochschulpolitik kostet Studienzeit - ist aber nützlich
Studenten, die ihre Studienzeit überziehen, gibt es aber nicht nur an der Universität. Im Fall von HTWK-Student Roland Jarysch ist die Hochschulpolitik Ursache für eine längere Studienzeit. Ende des Sommers wird er als Bauingenieur sein Studium beenden - nach 14 statt nach acht Semestern. „Ich war drei Jahre lang StuRa-Sprecher und ein Semester in Australien. Für die drei Jahre im Studentenrat habe ich drei so genannte Gremiensemester bekommen, so dass meine Regelstudienzeit eigentlich bei elf Semestern lag."
Dass sein Engagement ihn Studienzeit gekostet hat, bereut der 27-Jährige nicht. „Ich habe viele Zusatzqualifikationen gewonnen. Sei es frei zu reden, Diskussionen zu führen oder zwischen verschiedenen Parteien zu vermitteln. Das alles wird mir auf dem Arbeitsmarkt bestimmt helfen."
Dass zusätzliche Semester nicht unbedingt ein Ärgernis sein müssen, findet auch Ilja Drewniok. Der 32-Jährige studiert Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Statt der vorgesehenen zehn wird er 13 Semester bis zum Abschluss brauchen. An der HGB ist er damit keine Ausnahme. „Hier gibt es durchaus Leute, die 16 Semester brauchen", sagt er. Grund dafür sei vor allem die Struktur des Studiums. „Bei uns läuft das anders als in anderen Fächern." Kunst brauche schließlich Zeit und Raum, um sich zu entwickeln. Neben künstlerischen haben Drewnioks Zusatzsemester auch ganz praktische Gründe: Auch er war im StuRa. Zudem ist er 2008 Vater geworden und musste nebenher arbeiten, um den Nachwuchs finanziell abzusichern.
Jarysch und Drewniok sind Diplomstudenten. Ob die Zahl der Langzeitstudenten mit der Umstellung auf Bachelor und Master sinkt oder steigt, kann Klaus Arnold vom Studentensekretariat nicht sagen: die neuen Studiengänge gibt es an der Uni erst seit 2006. „Demnach kann es da noch keine Langzeitstudenten geben", begründet er.
Im Rückblick bereuen Jarysch und Drewniok ihre längere Studienzeit nicht. Für den Künstler bedeutet das lange Studium auch Sicherheit: „Es gibt viele, die sich scheuen, den Schutzraum HGB zu verlassen. Es ist nicht leicht, als freischaffender Künstler zu leben. Hier haben wir eine hervorragende Infrastruktur, können in den Werkstätten arbeiten und die Materialien nutzen." Angesichts dieser Vorteile könne Drewniok verstehen, dass einige Studenten gar nicht fertig werden wollen.
Die Autorin Maike Neupert ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 19.08.2011, 14:04 Uhr