21.05.2012 13:22 Uhr
 
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Krishna-Jünger und Affenforscher: Leipzig mit der "Stadtkarawane" neu entdecken

Tobia und Madeleine sind auf dem Weg zu ihrem ersten Gastgeber. Noch wissen sie nicht, was sie im Hare Krishna-Tempel erwartet.   Foto: Beke Schulmann Tobia und Madeleine sind auf dem Weg zu ihrem ersten Gastgeber. Noch wissen sie nicht, was sie im Hare Krishna-Tempel erwartet.
Müde Füße und muffige Busse, hier ein Foto, da ein Souvenir und unendliche viele Jahreszahlen - Sightseeing kann langweilig sein. Zwei Studentinnen wagen deshalb das Experiment: Bei der alternativen Entdeckungstour „Stadtkarawane" lernen sie nicht nur ihre Stadt, sondern auch ganz besondere Leipziger kennen. Campus Online hat die beiden bei ihrer Expedition begleitet.

Einen Stadtplan, ein Gruppenticket für die Straßenbahn und den Ablaufplan - das ist alles, was Tobia Harnisch (22) und Madeleine Berger (23) von den Organisatoren der Stadtkarawane in die Hand gedrückt bekommen. Damit sollen die KMW-Studentinnen die Stadt auf eigene Faust erkunden. Der erste Gastgeber erwartet sie um 12 Uhr 50, sie müssen nach Schönefeld in die Stöckelstraße. Dort, im Leipziger Hare Krishna-Tempel, werden Tobia und Madeleine den Mönch Sadbhuja treffen. Die Freundinnen sind aufgeregt. „So jemanden würde man normalerweise nie kennenlernen", sagt Madeleine. Noch wissen sie nicht viel über die religiöse Bewegung, die von manchen als Sekte bezeichnet wird - außer, dass ihre Mitglieder orangefarbene Kleidung tragen und „Hare Krishna" singen.

zum Thema Interview mit "Stadtkarawane"-Organisator Hannes Raßmann
Während Tobia und Madeleine aufbrechen, räumen Hannes Raßmann, 22, und Cristina Gutu, 24, die Kaffeetassen zusammen. Sie sind zwei der sieben befreundeten Studenten, die das Projekt Stadtkarawane vor einem Jahr entwickelt haben. Bevor die Teilnehmer zur ersten Station aufbrechen, erklären die Organisatoren ihnen in ihrer WG bei einem gemeinsamen Kaffee oder Tee das Konzept der Tour. Und das lautet so: Als Gastgeber öffnen Urleipziger und Zugereiste der Karawane ihre Türen und geben einen Nachmittag lang einen Einblick in ihre Wohnung, ihr Leben, ihre Welt. „Dabei soll natürlich auch ein Dialog entstehen", sagt Hannes. Cristina ergänzt: „Wir wollen Teilnehmern und Gastgebern die Möglichkeit bieten, verschiedene Lebenskonzepte kennenzulernen." Zum Beispiel das Lebenskonzept eines Mönchs.

Der Mönch Sadbhuja erklärt der kleinen Karawane im üppig geschmückten Tempelraum die Grundlagen seines Glaubens.   Foto: Beke Schulmann Der Mönch Sadbhuja erklärt der kleinen Karawane im üppig geschmückten Tempelraum die Grundlagen seines Glaubens.
Auf Socken in den Tempel

Im Hinterhof von Haus Nummer 60, einem unscheinbaren grauen Altbau, steht die Haustür offen, doch sicherheitshalber klingelt Madeleine. Langsam steigen sie die Treppe hinauf. In den ersten Etagen haben Physiotherapeuten und Ärzte ihre Praxen, im dritten Stock steht „Bhakti-Yoga-Zentrum" an der Tür. Ein barfüßiger junger Mann mit rasiertem Schädel bittet die Karawane herein. Die Schuhe müssen die Gäste ausziehen, dann bietet er ihnen Wasser aus einer silbernen Karaffe an. Tobia und Madeleine sehen sich um. Der Tempel ist eine spärlich eingerichtete Wohnung mit Parkettboden, Stoffbordüren schmücken die grünen Wände im Eingangsbereich, die wenigen Möbel sind schlicht. Es ist warm und riecht schwach nach exotischen Gewürzen.

Dann betritt ein schlanker Mann in einem orangefarbenen Wickelkleid den Tempel. Sein Kopf ist kahlgeschoren bis auf ein kleines Zöpfchen am Hinterkopf, er trägt eine randlose Brille und einen hellbraunen Strich auf der Stirn - Tonerde aus dem Ganges. Es ist Sadbhuja Dasa, der Leiter des Tempels. Er begrüßt die kleine Reisegesellschaft herzlich und bittet sie, ihm zu folgen: „Ich zeige euch erst mal den Tempelraum, unser Herzstück." Bedächtig öffnet der Mönch eine dunkle Holztür. Der Duft von Räucherstäbchen dringt aus dem Zimmer, in dem alle Wände orange gestrichen sind. Tobia und Madeleine folgen ihm auf ihren bunten Socken. Sadbhuja verneigt sich vor dem hölzernen Altar, auf dem Bilderrahmen mit hinduistischen Heiligen und prunkvolle Statuen stehen, nimmt ein paar Sitzkissen von einem Stapel in der Ecke und setzt sich auf den Boden.

Der Mönch Sadbhuja mit Tobia und Madeleine in der Tempelküche. Foto: Beke Schulmann Der Mönch Sadbhuja mit Tobia und Madeleine in der Tempelküche.
„Gott hat viele Namen"

Ein großes Reliefgemälde zweier tanzender Gottheiten, die bunte Kleidung tragen, hängt über dem Altar. Daneben ist ein Spruchband mit dem „Hare Krishna"-Mantra angebracht. Die Freundinnen setzen sich auf die Kissen, während Sadbhuja beginnt, mit ruhiger, gedämpfter Stimme zu sprechen. In der Hare Krishna-Bewegung gehe es nicht so sehr um Glauben, sondern um Erkenntnis. Ziel sei es, wahres Glück zu erlangen. Dabei solle man sich nicht auf weltliche Dinge konzentrieren, da dies keine Erfüllung bringe, sondern auf Gott. „Gott hat viele Namen", so Sadbhuja, „Allah, Christus, Buddha. Krishna ist ein Name für Gott." Hare steht dabei für den weiblichen Aspekt Gottes. Wenn die Menschen verstünden, dass sie alle Brüder und Schwestern sind, gäbe es keinen Krieg mehr, sagt der Mönch lächelnd.

Früher studierte Sten Börnig-Schmidt, wie Sadbhuja eigentlich heißt, in Leipzig Erziehungs- und Sozialwissenschaft - „aber das hat mich nicht glücklich gemacht", erklärt er. Auf einer Reise durch Asien erkannte er, wie unwichtig Kleidung, Autos und Karriere sind: „Die Menschen dort haben nichts, aber sind in Harmonie mit allem." Zurück in Deutschland erlebte er einen Kulturschock. Zwei Jahre lang verbrachte er deshalb als Aussteiger in einem Wald. Als er zum ersten Mal in den Veden, der Grundlage der Krishna-Bewegung, las, setzte sich für ihn ein Puzzle zusammen. Dass er zu Krishna-Anhängern auf einen Bauernhof in den Bayrischen Wald zog, ist jetzt 12 Jahre her. Wie seine Eltern das fanden, wollen Tobia und Madeleine wissen. „Am Anfang haben sie voll die Krise gekriegt", schmunzelt der Mönch. Mittlerweile hätten sie sich jedoch viel von seiner Lebensweise angenommen.

Sadbhuja lädt seine Gäste zum Meditieren ein. Zu den Klängen des Harmoniums singen Tobia und Madleine leise "Hare Krishna".   Foto: Beke Schulmann Sadbhuja lädt seine Gäste zum Meditieren ein. Zu den Klängen des Harmoniums singen Tobia und Madleine leise "Hare Krishna".
Eat, pray, love

Im Leipziger Tempel, den Sadbhuja und zwei Freunde vor fünf Jahren gründeten, leben zurzeit sieben Mönche ein einfaches, aber scheinbar zufriedenes Leben. Meditieren, singen und tanzen, in den alten Schriften lesen und diskutieren, so sieht ein Tag im Tempel aus. Die Mönche verzichten auf Fleisch, Drogen und Alkohol sowie außerehelichen Sex und singen täglich 1728-mal, also fast zwei Stunden lang, das Hare Krishna-Mantra. Orange ist dabei die Farbe der Entsagung. Die Haare tragen sie aus hygienischen Gründen kurz, den Zopf, um das Energiezentrum am Hinterkopf zu schützen - und zur Erkennung, erklärt Sadbhuja. Betten gibt es im Tempel keine, die Mönche schlafen auf Isomatten, und auch Stühle sucht man selbst im Frühstücksraum, den der Mönch seinen Gästen nun zeigt, vergebens.

In der gegenüberliegenden Küche stellt er Tobia und Madeleine traditionelles indisches Essen auf silbernen Tellern zusammen. Es gibt Salat, Joghurtsoße, geriebene Äpfel und Möhren mit Rosinen und selbst gebackenes Brot. Als Nachtisch bekommen die Freundinnen die typischen Energiebällchen und eine Art Nougat. „Vor zwei Wochen hatte Krishna Geburtstag, da haben wir 120 verschiedene Gerichte gekocht", erzählt Sadbhuja. Ihren Lebensunterhalt finanzieren die Mönche durch Spenden sowie den Verkauf von Büchern und vegetarischen Speisen auf Festivals. „Wir sind berühmt für unser leckeres Essen!" Auch Tobia und Madeleine schmeckt es.

Bevor die Karawane weiterzieht, möchte Sadbhuja noch mit seinen Gästen meditieren. „Seid einfach für einen Moment im Hier und Jetzt." Er setzt sich auf den Boden und spielt ein summendes Instrument, das aussieht wie ein kleines Klavier - ein Harmonium. „Ich singe einmal vor, dann könnt ihr mitsingen", sagt der Mönch und schließt die Augen. „Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare." Leise lesen Tobia und Madeleine die Worte von dem Spruchband ab. Die Schwingungen des Harmoniums beruhigen, Sadbhujas Stimme klingt warm und sanft. Es ist fast ein bisschen schade, dass die Stadtentdecker nun schnell zum nächsten Gastgeber müssen.

Ab zum zweiten Gastgeber: Ob ein Affenforscher wohl auch Affen zuhause hat? Tobia klingelt bei Claudios WG.   Foto: Beke Schulmann Ab zum zweiten Gastgeber: Ob ein Affenforscher wohl auch Affen zuhause hat? Tobia klingelt bei Claudios WG.
„Ich erzähl dann einfach mal, okay?"

Auf dem Weg zu Claudio Tennie, einem Affenforscher, lassen die Mädchen die erste Station Revue passieren. „Toll, dass er sich die Zeit für uns genommen hat", freut sich Tobia. „Er war sehr offen und entspannt." „Vor allem hatte man nicht das Gefühl, dass er nur in irgendwelchen Sphären rumschwirrt", sagt Madeleine. „Und jetzt hab ich einen totalen Ohrwurm von diesem Hare Krishna!" Lachend ziehen die Mädchen weiter, den Stadtplan in der Hand. In einer Viertelstunde müssen sie in der Innenstadt bei Claudio sein. Und ein bisschen hoffen sie, dass ein Affenforscher auch Affen zuhause hat.

Claudio ist 35 Jahre alt und lebt mit drei Mitbewohnern in einer riesigen Altbauwohnung. Trotz des kühlen Wetters trägt er T-Shirt, Shorts und Flip Flops. In der Küche kocht er Tee, setzt sich in einen Klappstuhl und sagt munter: „Ich erzähl dann einfach mal, okay?" Als Post Doc am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erforscht er die Verhaltensweisen von Kindern, Hunden und Menschenaffen. „Eigentlich wollte ich Umweltschutz machen, aber das war mir zu Jura-mäßig." Schließlich studierte er Biologie in Bielefeld und Edinburgh.

Wolkenkratzer und Waisenkinder

Tobia und Madeleine hören gespannt zu, während Halbitaliener Claudio wie ein Wasserfall redet. Seine Forschungsfrage erklärt der Wissenschaftler so: „Mein Thema lautet quasi: Warum Affen keine Wolkenkratzer bauen." Genauer gehe es um kulturelle und kooperative Handlungen bei Affen. „Es gibt einige Studien, die sagen, dass Affen Menschen helfen. Ich bin da skeptisch", sagt Claudio und legt einen Löffel auf den Tisch. „Wenn wir den in den Käfig legen, was machen die Affen dann?" Madeleine rät: „Sie nehmen ihn uns weg?" Claudio lacht laut auf. „Nicht immer! Überall gibt es das Spiel, dass Affen Menschen etwas bringen und dafür etwas bekommen." Das „Helfen" sei folglich nur ein trainiertes Verhalten.

Gestenreich erklärt der 35-Jährige seine Versuche und versichert: „Ich stecke denen keine Drähte ins Gehirn oder so." Den größten Teil seiner Forschung betreibt Claudio im Pongoland des Leipziger Zoos, der größten Menschenaffenanlage der Welt. Dort lässt er die Zoobesucher bei seinen Verhaltensexperimenten zusehen. In unregelmäßigen Abständen reist der Wissenschaftler auch für ein paar Monate zu einer Insel im Victoriasee in Uganda, auf der verwaiste Affen ein Zuhause finden, um dort zu forschen. Mit einem Nudelsieb auf dem großen Esstisch verdeutlicht er das Verhältnis auf der Insel: Der kleine Teil der afrikanischen Insel, wo die Pfleger und Forscher wohnen, ist von dem Lebensraum der Affen abgetrennt. Hier leben die Menschen in einem eingezäunten Bereich, nicht umgekehrt. „Da kriegt man ganz gerne mal ‘nen Koller."

Wo Menschen hinter Gittern leben

Weil die Insel zu klein für die Affen ist, werden sie zusätzlich mit Nahrung versorgt und schlafen nachts in einem Käfig mit Hängematten, da ihre Baumnester den Regenwald sonst zerstören würden. Häufig schmecke das Essen der Menschen, wenn es den üblichen Brei aus Maismehl und Wasser gebe, wie „halbflüssiger Knorpel", scherzt Claudio. „Iiih!", rufen die Freundinnen. Aber der Forscher erzählt nicht nur lustige Anekdoten. Die haarigen Inselbewohner haben ihre Eltern verloren, weil Affenfleisch in Teilen Afrikas als Delikatesse gilt, manche Körperteilen wird sogar eine magische Wirkung nachgesagt. Gefahr droht den Tieren jedoch nicht nur in Afrika, sondern auch hier: „Fürs Fernsehen werden junge Schimpansen geschlagen und mit Schmerzen gefügig gemacht."

Mit einem alten Schwamm und einem Stift stellt der Forscher nach, wie Berggorillas die Blätter von Brennnesseln abrupfen.   Foto: Beke Schulmann Mit einem alten Schwamm und einem Stift stellt der Forscher nach, wie Berggorillas die Blätter von Brennnesseln abrupfen.
Selbst ein kleiner Schimpanse ist einem Menschen an Kraft weit überlegen. Gefährlich sei seine Arbeit jedoch nicht, sagt Claudio. „Im Zoo dürfen wir nicht im direkten Kontakt mit den Tieren stehen, also sie zum Beispiel nicht lausen." Und auf der Insel sind die Menschen hinter Gittern. Dort seien eigentlich die Keime am gefährlichsten, weswegen die Forscher nur zu zweit nach Uganda reisen dürfen. „Wenn du dir was einfängst, ist es schon gut, wenn dir jemand einen Tee bringt und umgekehrt." Den Tee in Claudios Küche haben Tobia und Madeleine längst ausgetrunken. Mittlerweile ist es fünf Uhr, die Stadt Karawane ist eigentlich schon zu Ende. Zum Abschluss zeigt Claudio noch ein paar Bilder und Videos seiner Forschung - so sehen die Freundinnen heute doch noch einen echten Affen.

Müde, ein bisschen verfroren, aber glücklich steht die kleine Karawane wenig später auf der Straße. „Es war genau so, wie ich es mir vorgestellt habe", sagt Tobia. „Wir haben Sachen gemacht, die man sich sonst nicht trauen würde." Einen Hare Krishna-Tempel hätte sie normalerweise nicht besucht, und wann trifft man schon einmal einen Affenforscher? Auch Madeleine freut sich über die spannenden Eindrücke, die die beiden heute gewonnen haben. Bald beginnt ihr Masterstudium in Hannover, nach drei Jahren wird Madeleine Leipzig verlassen. Kurz vor diesem Neubeginn hat sie noch vollkommen neue Seiten an ihrer alten Heimat entdeckt - ganz ohne Stadtführer.

Die nächsten Stadtkarawanen finden am 24.09., 01.10. und 08.10. statt. Kosten: 10 Euro. Weitere Informationen unter www.stadtkarawane.de.

Die Autorin Sarah Bornemann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
 
 
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