Foto: Beke Schulmann
Tobia und Madeleine sind auf dem Weg zu ihrem ersten Gastgeber. Noch wissen sie nicht, was sie im Hare Krishna-Tempel erwartet.
Müde
Füße und muffige Busse, hier ein Foto, da ein Souvenir und
unendliche viele Jahreszahlen - Sightseeing kann langweilig sein.
Zwei Studentinnen wagen deshalb das Experiment: Bei der alternativen
Entdeckungstour „Stadtkarawane" lernen sie nicht nur ihre Stadt,
sondern auch ganz besondere Leipziger kennen. Campus Online hat die
beiden bei ihrer Expedition begleitet.
Einen
Stadtplan, ein Gruppenticket für die Straßenbahn und den Ablaufplan
- das ist alles, was Tobia Harnisch (22) und Madeleine Berger (23)
von den Organisatoren der Stadtkarawane in die Hand gedrückt
bekommen. Damit sollen die KMW-Studentinnen die Stadt auf eigene
Faust erkunden. Der erste Gastgeber erwartet sie um 12 Uhr 50, sie
müssen nach Schönefeld in die Stöckelstraße. Dort, im Leipziger
Hare Krishna-Tempel, werden Tobia und Madeleine den Mönch Sadbhuja
treffen. Die Freundinnen sind aufgeregt. „So jemanden würde man
normalerweise nie kennenlernen", sagt Madeleine. Noch wissen sie
nicht viel über die religiöse Bewegung, die von manchen als Sekte
bezeichnet wird - außer, dass ihre Mitglieder orangefarbene
Kleidung tragen und „Hare Krishna" singen.
Während
Tobia und Madeleine aufbrechen, räumen Hannes Raßmann, 22, und
Cristina Gutu, 24, die Kaffeetassen zusammen. Sie sind zwei der
sieben befreundeten Studenten, die das Projekt Stadtkarawane vor
einem Jahr entwickelt haben. Bevor die Teilnehmer zur ersten Station
aufbrechen, erklären die Organisatoren ihnen in ihrer WG bei einem
gemeinsamen Kaffee oder Tee das Konzept der Tour. Und das lautet so:
Als Gastgeber öffnen Urleipziger und Zugereiste der Karawane ihre
Türen und geben einen Nachmittag lang einen Einblick in ihre
Wohnung, ihr Leben, ihre Welt. „Dabei soll natürlich auch ein
Dialog entstehen", sagt Hannes. Cristina ergänzt: „Wir wollen
Teilnehmern und Gastgebern die Möglichkeit bieten, verschiedene
Lebenskonzepte kennenzulernen." Zum Beispiel das Lebenskonzept
eines Mönchs.
Foto: Beke Schulmann
Der Mönch Sadbhuja erklärt der kleinen Karawane im üppig geschmückten Tempelraum die Grundlagen seines Glaubens.
Auf
Socken in den Tempel
Im
Hinterhof von Haus Nummer 60, einem unscheinbaren grauen Altbau,
steht die Haustür offen, doch sicherheitshalber klingelt Madeleine.
Langsam steigen sie die Treppe hinauf. In den ersten Etagen haben
Physiotherapeuten und Ärzte ihre Praxen, im dritten Stock steht
„Bhakti-Yoga-Zentrum" an der Tür. Ein barfüßiger junger Mann
mit rasiertem Schädel bittet die Karawane herein. Die Schuhe müssen
die Gäste ausziehen, dann bietet er ihnen Wasser aus einer silbernen
Karaffe an. Tobia und Madeleine sehen sich um. Der Tempel ist eine
spärlich eingerichtete Wohnung mit Parkettboden, Stoffbordüren
schmücken die grünen Wände im Eingangsbereich, die wenigen Möbel
sind schlicht. Es ist warm und riecht schwach nach exotischen
Gewürzen.
Dann
betritt ein schlanker Mann in einem orangefarbenen Wickelkleid den
Tempel. Sein Kopf ist kahlgeschoren bis auf ein kleines Zöpfchen am
Hinterkopf, er trägt eine randlose Brille und einen hellbraunen
Strich auf der Stirn - Tonerde aus dem Ganges. Es ist Sadbhuja
Dasa, der Leiter des Tempels. Er begrüßt die kleine
Reisegesellschaft herzlich und bittet sie, ihm zu folgen: „Ich
zeige euch erst mal den Tempelraum, unser Herzstück." Bedächtig
öffnet der Mönch eine dunkle Holztür. Der Duft von Räucherstäbchen
dringt aus dem Zimmer, in dem alle Wände orange gestrichen sind.
Tobia und Madeleine folgen ihm auf ihren bunten Socken. Sadbhuja
verneigt sich vor dem hölzernen Altar, auf dem Bilderrahmen mit
hinduistischen Heiligen und prunkvolle Statuen stehen, nimmt ein paar
Sitzkissen von einem Stapel in der Ecke und setzt sich auf den Boden.
Foto: Beke Schulmann
Der Mönch Sadbhuja mit Tobia und Madeleine in der Tempelküche.
„Gott
hat viele Namen"
Ein
großes Reliefgemälde zweier tanzender Gottheiten, die bunte
Kleidung tragen, hängt über dem Altar. Daneben ist ein Spruchband
mit dem „Hare Krishna"-Mantra angebracht. Die Freundinnen setzen
sich auf die Kissen, während Sadbhuja beginnt, mit ruhiger,
gedämpfter Stimme zu sprechen. In der Hare Krishna-Bewegung gehe es
nicht so sehr um Glauben, sondern um Erkenntnis. Ziel sei es, wahres
Glück zu erlangen. Dabei solle man sich nicht auf weltliche Dinge
konzentrieren, da dies keine Erfüllung bringe, sondern auf Gott.
„Gott hat viele Namen", so Sadbhuja, „Allah, Christus, Buddha.
Krishna ist ein Name für Gott." Hare steht dabei für den
weiblichen Aspekt Gottes. Wenn die Menschen verstünden, dass sie
alle Brüder und Schwestern sind, gäbe es keinen Krieg mehr, sagt
der Mönch lächelnd.
Früher
studierte Sten Börnig-Schmidt, wie Sadbhuja eigentlich heißt, in
Leipzig Erziehungs- und Sozialwissenschaft - „aber das hat mich
nicht glücklich gemacht", erklärt er. Auf einer Reise durch Asien
erkannte er, wie unwichtig Kleidung, Autos und Karriere sind: „Die
Menschen dort haben nichts, aber sind in Harmonie mit allem."
Zurück in Deutschland erlebte er einen Kulturschock. Zwei Jahre lang
verbrachte er deshalb als Aussteiger in einem Wald. Als er zum ersten
Mal in den Veden, der Grundlage der Krishna-Bewegung, las, setzte
sich für ihn ein Puzzle zusammen. Dass er zu Krishna-Anhängern auf
einen Bauernhof in den Bayrischen Wald zog, ist jetzt 12 Jahre her.
Wie seine Eltern das fanden, wollen Tobia und Madeleine wissen. „Am
Anfang haben sie voll die Krise gekriegt", schmunzelt der Mönch.
Mittlerweile hätten sie sich jedoch viel von seiner Lebensweise
angenommen.
Foto: Beke Schulmann
Sadbhuja lädt seine Gäste zum Meditieren ein. Zu den Klängen des Harmoniums singen Tobia und Madleine leise "Hare Krishna".
Eat,
pray, love
Im
Leipziger Tempel, den Sadbhuja und zwei Freunde vor fünf Jahren
gründeten, leben zurzeit sieben Mönche ein einfaches, aber
scheinbar zufriedenes Leben. Meditieren, singen und tanzen, in den
alten Schriften lesen und diskutieren, so sieht ein Tag im Tempel
aus. Die Mönche verzichten auf Fleisch, Drogen und Alkohol sowie
außerehelichen Sex und singen täglich 1728-mal, also fast zwei
Stunden lang, das Hare Krishna-Mantra. Orange ist dabei die Farbe der
Entsagung. Die Haare tragen sie aus hygienischen Gründen kurz, den
Zopf, um das Energiezentrum am Hinterkopf zu schützen - und zur
Erkennung, erklärt Sadbhuja. Betten gibt es im Tempel keine, die
Mönche schlafen auf Isomatten, und auch Stühle sucht man selbst im
Frühstücksraum, den der Mönch seinen Gästen nun zeigt, vergebens.
In
der gegenüberliegenden Küche stellt er Tobia und Madeleine
traditionelles indisches Essen auf silbernen Tellern zusammen. Es
gibt Salat, Joghurtsoße, geriebene Äpfel und Möhren mit Rosinen
und selbst gebackenes Brot. Als Nachtisch bekommen die Freundinnen
die typischen Energiebällchen und eine Art Nougat. „Vor zwei
Wochen hatte Krishna Geburtstag, da haben wir 120 verschiedene
Gerichte gekocht", erzählt Sadbhuja. Ihren Lebensunterhalt
finanzieren die Mönche durch Spenden sowie den Verkauf von Büchern
und vegetarischen Speisen auf Festivals. „Wir sind berühmt für
unser leckeres Essen!" Auch Tobia und Madeleine schmeckt es.
Bevor
die Karawane weiterzieht, möchte Sadbhuja noch mit seinen Gästen
meditieren. „Seid einfach für einen Moment im Hier und Jetzt."
Er
setzt sich auf den Boden und spielt ein summendes Instrument, das
aussieht wie ein kleines Klavier - ein Harmonium. „Ich singe
einmal vor, dann könnt ihr mitsingen", sagt der Mönch und
schließt die Augen. „Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna,
Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare." Leise lesen
Tobia und Madeleine die Worte von dem Spruchband ab. Die Schwingungen
des Harmoniums beruhigen, Sadbhujas Stimme klingt warm und sanft. Es
ist fast ein bisschen schade, dass die Stadtentdecker nun schnell zum
nächsten Gastgeber müssen.
Foto: Beke Schulmann
Ab zum zweiten Gastgeber: Ob ein Affenforscher wohl auch Affen zuhause hat? Tobia klingelt bei Claudios WG.
„Ich
erzähl dann einfach mal, okay?"
Auf
dem Weg zu Claudio Tennie, einem Affenforscher, lassen die Mädchen
die erste Station Revue passieren. „Toll, dass er sich die Zeit für
uns genommen hat", freut sich Tobia. „Er war sehr offen und
entspannt." „Vor allem hatte man nicht das Gefühl, dass er nur
in irgendwelchen Sphären rumschwirrt", sagt Madeleine. „Und
jetzt hab ich einen totalen Ohrwurm von diesem Hare Krishna!"
Lachend ziehen die Mädchen weiter, den Stadtplan in der Hand. In
einer Viertelstunde müssen sie in der Innenstadt bei
Claudio sein. Und ein bisschen hoffen sie, dass ein Affenforscher
auch Affen zuhause hat.
Claudio
ist 35 Jahre alt und lebt mit drei Mitbewohnern in einer riesigen
Altbauwohnung. Trotz des kühlen Wetters trägt er T-Shirt, Shorts
und Flip Flops. In der Küche kocht er Tee, setzt sich in einen
Klappstuhl und sagt munter: „Ich erzähl dann einfach mal, okay?"
Als Post Doc am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
erforscht er die Verhaltensweisen von Kindern, Hunden und
Menschenaffen. „Eigentlich wollte ich Umweltschutz machen, aber das
war mir zu Jura-mäßig." Schließlich studierte er Biologie in
Bielefeld und Edinburgh.
Wolkenkratzer
und Waisenkinder
Tobia
und Madeleine hören gespannt zu, während Halbitaliener Claudio wie
ein Wasserfall redet. Seine Forschungsfrage erklärt der
Wissenschaftler so: „Mein Thema lautet quasi: Warum Affen keine
Wolkenkratzer bauen." Genauer gehe es um kulturelle und kooperative
Handlungen bei Affen. „Es gibt einige Studien, die sagen, dass
Affen Menschen helfen. Ich bin da skeptisch", sagt Claudio und legt
einen Löffel auf den Tisch. „Wenn wir den in den Käfig legen, was
machen die Affen dann?" Madeleine rät: „Sie nehmen ihn uns weg?"
Claudio lacht laut auf. „Nicht immer! Überall gibt es das Spiel,
dass Affen Menschen etwas bringen und dafür etwas bekommen." Das
„Helfen" sei folglich nur ein trainiertes Verhalten.
Gestenreich
erklärt der 35-Jährige seine Versuche und versichert: „Ich stecke
denen keine Drähte ins Gehirn oder so." Den größten Teil seiner
Forschung betreibt Claudio im Pongoland des Leipziger Zoos, der
größten Menschenaffenanlage der Welt. Dort lässt er die
Zoobesucher bei seinen Verhaltensexperimenten zusehen. In
unregelmäßigen Abständen reist der Wissenschaftler auch für ein
paar Monate zu einer Insel im Victoriasee in Uganda, auf der
verwaiste Affen ein Zuhause finden, um dort zu forschen. Mit einem
Nudelsieb auf dem großen Esstisch verdeutlicht er das Verhältnis
auf der Insel: Der kleine Teil der afrikanischen Insel, wo die
Pfleger und Forscher wohnen, ist von dem Lebensraum der Affen
abgetrennt. Hier leben die Menschen in einem eingezäunten Bereich,
nicht umgekehrt. „Da kriegt man ganz gerne mal ‘nen Koller."
Wo
Menschen hinter Gittern leben
Weil
die Insel zu klein für die Affen ist, werden sie zusätzlich mit
Nahrung versorgt und schlafen nachts in einem Käfig mit Hängematten,
da ihre Baumnester den Regenwald sonst zerstören würden. Häufig
schmecke das Essen der Menschen, wenn es den üblichen Brei aus
Maismehl und Wasser gebe, wie „halbflüssiger Knorpel", scherzt
Claudio. „Iiih!", rufen die Freundinnen. Aber der Forscher
erzählt nicht nur lustige Anekdoten. Die haarigen Inselbewohner
haben ihre Eltern verloren, weil Affenfleisch in Teilen Afrikas als
Delikatesse gilt, manche Körperteilen wird sogar eine magische
Wirkung nachgesagt. Gefahr droht den Tieren jedoch nicht nur in
Afrika, sondern auch hier: „Fürs Fernsehen werden junge
Schimpansen geschlagen und mit Schmerzen gefügig gemacht."
Foto: Beke Schulmann
Mit einem alten Schwamm und einem Stift stellt der Forscher nach, wie Berggorillas die Blätter von Brennnesseln abrupfen.
Selbst
ein kleiner Schimpanse ist einem Menschen an Kraft weit überlegen.
Gefährlich sei seine Arbeit jedoch nicht, sagt Claudio. „Im Zoo
dürfen wir nicht im direkten Kontakt mit den Tieren stehen, also sie
zum Beispiel nicht lausen." Und auf der Insel sind die Menschen
hinter Gittern. Dort seien eigentlich die Keime am gefährlichsten,
weswegen die Forscher nur zu zweit nach Uganda reisen dürfen. „Wenn
du dir was einfängst, ist es schon gut, wenn dir jemand einen Tee
bringt und umgekehrt." Den Tee in Claudios Küche haben Tobia und
Madeleine längst ausgetrunken. Mittlerweile ist es fünf Uhr, die
Stadt Karawane ist eigentlich schon zu Ende. Zum Abschluss zeigt
Claudio noch ein paar Bilder und Videos seiner Forschung - so sehen
die Freundinnen heute doch noch einen echten Affen.
Müde,
ein bisschen verfroren, aber glücklich steht die kleine Karawane
wenig später auf der Straße. „Es war genau so, wie ich es mir
vorgestellt habe", sagt Tobia. „Wir haben Sachen gemacht, die man
sich sonst nicht trauen würde." Einen Hare Krishna-Tempel hätte
sie normalerweise nicht besucht, und wann trifft man schon einmal
einen Affenforscher? Auch Madeleine freut sich über die spannenden
Eindrücke, die die beiden heute gewonnen haben. Bald beginnt ihr
Masterstudium in Hannover, nach drei Jahren wird Madeleine Leipzig
verlassen. Kurz vor diesem Neubeginn hat sie noch vollkommen neue
Seiten an ihrer alten Heimat entdeckt - ganz ohne Stadtführer.
Die
nächsten Stadtkarawanen finden am 24.09., 01.10. und 08.10. statt.
Kosten: 10 Euro. Weitere Informationen unter www.stadtkarawane.de.
Die
Autorin Sarah Bornemann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.