Studentenleben
Menschen wie Tiere ausgestellt - Kritik an Ausblendung der Kolonialzeit-Verbrechen
Britta Veltzke
Foto: Britta Veltzke
Im Grassimuseum wurde zur Kolonialzeit auch Rassenkunde betrieben.
Der Leipziger Zoo, das Grassi-Museum und das Café Riquet haben etwas gemeinsam:
Sie stehen in Verbindung mit den Kolonien, die das Deutsche Reich
zwischen 1884 und 1919 sein Eigen nannte. Und: Die Orte werden drei der
insgesamt zwölf Schauplätze einer virtuellen Stadtkarte sein, an der die
Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Postkolonial (Poko) derzeit tüfteln. Die Studenten der Uni Leipzig kritisieren, dass die Verbrechen der Kolonialzeit oft ausgeblendet werden.
Das Thema ist eng verknüpft mit ihrem Studium – die meisten Pokos sind an der Uni in den Fächern Ethnologie oder Afrikanistik eingeschrieben. Anders als beim Nationalsozialismus würden die Geschehnisse der Kolonialzeit selten öffentlich diskutiert, meint Isabel Pfaff von Poko. Dahinter steht der Leipziger Verein „Engagierte Wissenschaft“. Es herrsche einfach kein Unrechtsbewusstsein, das zeige der unbekümmerte Umgang mit dem Thema: „Hier können Sie sich einmal wie ein Kolonialherr fühlen“, heißt es über das Zoo-Restaurant Kiwara-Lodge auf der Webseite „Leipzig-kulinarisch“.
Bei solchen Sätzen platzt den Poko-Mitgliedern sprichwörtlich der Kragen: „Man merkt, dass den Leuten nicht bewusst ist, welche Verbrechen mit der Kolonialzeit verbunden sind. Es kam zu Massenmorden, wie an den Herero, einer ethnischen Gruppe im heutigen Namibia“, sagt Pfaff. Stattdessen betrachte man die Zeit heute noch als romantische Episode in Überseegebieten, in der Deutsche mal kurz Großwildjäger waren.
Wie stark waren die Verbindungen zwischen Leipzig und den Kolonien? „Nicht stärker oder schwächer als die anderer großer Städte im Deutschen Reich“, erklärt Pfaff. Alles, was zu dieser Zeit aus Übersee gekommen sei, habe großen Zuspruch gefunden. Auch in Leipzig: Im Café Riquet in der Innenstadt kauften Einwohner und Gäste der Messestadt exotische Gewürze, Schokolade und Tee.
Menschen als Ausstellungsobjekt
In den Zoo strömten die Leipziger massenweise, um sich Afrikaner in den Völkerschauen anzusehen. Poko bemängelt, dass der Zoo die eigene Vergangenheit nicht aufarbeite. Die Pressestelle des Zoos erklärte auf Anfrage: „Völkerschauen gehören der Geschichte an und haben nichts mehr mit dem Zoo von heute zu tun.“ Man wolle damit nicht in Verbindung gebracht werden.
Nicht ein Satz auf der Internetseite, nicht eine Gedenktafel an der Stelle, an der Menschen wie Tiere ausgestellt wurden, leiste man sich, kritisiert die AG. Stattdessen sei im neuen Gondwanaland ein Schaubild über die Lebensweise der Baka, ein indigenes Volk in Zentralafrika, gleich neben der Tafel der dort lebenden Tiere zu finden. „Ist das nicht respektlos?“, fragt Afrikanistik-Studentin Isabel Pfaff.
Selbstkritischer als im Zoo geht man mit der eigenen Geschichte im Ethnologischen Institut um. Auf der Internetseite berichtet die Einrichtung, Rassenkunde betrieben zu haben. Damit sollten „wissenschaftliche“ Beweise für die körperliche und geistige Überlegenheit über andere Völker gefunden werden. Berlin, Köln, München und sogar das beschauliche Freiburg – in all diesen Städten gibt es bereits Internetseiten, die über ihr koloniales Erbe berichten.
Poko will nun nachziehen. Unter der Adresse www.postkolonial-leipzig.de sollen im kommenden Jahr Spuren des Kolonialismus auf einer Stadtkarte markiert und mit Artikeln verlinkt werden. Dafür lesen sich die Pokos gerade quer durch Archive und Bibliotheken. Mit dem Ziel, so Pfaff, „die Leipziger auf die kolonialen Spuren ihrer Stadt zu lenken.“
Die Autorin Britta Veltzke ist Mitglied der Lehrredaktion Campus,
einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 23.12.2011, 21:04 Uhr