Foto: Jonas Wissner
In seiner Studenten-WG übt Christoph fast täglich auf der Gitarre.
Etwas blass wirken die beiden Musiker zwischen all den bunten Dingen im festlich geschmückten Raum. An den Tischen sitzen die Bewohner der Wachkoma-Station, liebevoll umsorgt von ihren Angehörigen. Der Applaus fällt eher verhalten aus, doch Mimik und Gestik der Bewohner verraten, dass das Konzert des Jazzduos durchaus wahrgenommen wird. Campus hat zwei Studenten der Hochschule für Musik und Theater bei einem besonderen Auftritt begleitet.
Der bunt geschminkte Clown gibt sich alle Mühe, Freude zu verbreiten und sein Publikum aufzumuntern. Schließlich tanzt er mit einer alten Frau in dem hellgrün gestrichenen Raum. An einigen Ständern für die Infusionsflaschen hängen kleine Weihnachtsmänner. Entlang der festlich gedeckten Tische mit Plätzchen, Orangen und Kaffee wird viel geredet und gelacht. Zwischendurch piepst ein medizinisches Gerät. Ein kleiner Junge kommt mit seiner Mutter dazu. Angesichts der teilweise regungslosen Bewohner in ihren wuchtigen Rollstühlen mit Nackenstützen scheint ihm etwas bange zu sein, doch dann legt sich die Scheu.
Nicole Freyer-Vogel, die als Sozialpädagogin auf der Station arbeitet, liest eine Weihnachtsgeschichte vor. Doch am anderen Rande des dicht gefüllten Aufenthaltsraums in der Wachkomastation des Leipziger Pflegeheims St. Georg ist vom Inhalt nicht viel zu verstehen. Christoph Gaertner ist heute schicker als sonst gekleidet. Statt Jeans und Pullover trägt er eine glattgebügelte schwarze Hose und ein dunkles Hemd. Er und sein guter Freund und Kommilitone Michael Fürstberger sind nicht zum ersten Mal hier: Schon mehrmals haben sie als Duo vor Wachkomapatienten und Angehörigen gespielt, nun sind sie bei der Weihnachtsfeier dabei.
Konzerte für Menschen, die sonst keine Konzerte besuchen können
Foto: Jonas Wissner
Üben, üben, üben ...
Christoph und Michael sind Stipendiaten bei “Live Music Now”, einem Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, Konzerte für Menschen zu veranstalten, denen Konzertbesuche sonst verwehrt bleiben, zum Beispiel in Altenheimen, Gefängnissen, in Kliniken – oder eben auf der Wachkomastation dieses Leipziger Pflegeheims. Für einen Auftritt wie diesen erhalten sie eine Aufwandsentschädigung, wie viel genau, das weiß Christoph nicht auswendig. Wichtiger als ein paar Euro Taschengeld sei ihnen ohnehin die menschliche Komponente, sagen die Musiker. „Man tut Leuten etwas Gutes, das gibt ein einzigartiges Gefühl der Zufriedenheit. Und wenn man sieht, wie es anderen geht, dann sind die eigenen Alltagssorgen auch nicht mehr so wichtig“, erklärt Michael. Und Christoph ist aufgefallen: „Obwohl die Menschen auf der Wachkoma-Station scheinbar relativ wenig mitbekommen, hat man doch das Gefühl, dass sie sich äußern, etwa durch ein Lächeln oder eine unscheinbare Bewegung.“
„Genießt eure Plätzchen und euren Kaffee, unterhaltet euch, und wer will, kann ja nebenbei noch zuhören“, sagt Sänger Michael in freundlichem Ton mit leiser Stimme vor dem ersten Lied durch das Mikrofon. Eigentlich sind die beiden es gewohnt, dass sich das Publikum voll auf ihre Musik konzentriert, sie haben in verschiedenen Besetzungen schon viele Konzerte gespielt. Es gilt dabei auch, Stimmung zu erzeugen, die Zuhörer mitzureißen. Doch heute steht etwas anderes im Vordergrund: Die Bewohner des Pflegeheims, die tagaus, tagein in dieser hell und bunt gestalteten Station wohnen, sollen Live-Musik erleben, eine Abwechslung erfahren. Eine besondere Situation für sie und ihre Familien – aber auch für das junge Jazzduo.
Unterschiedliche Reaktionen
Einige Angehörige singen mit, eine ältere Frau hält ihren Sohn im Rollstuhl fest an der Hand und bewegt sie im Rhythmus der Musik. Teilweise scheint es, als blickten die Wachkoma-Patienten ins Leere. Doch manche lächeln, ein Bewohner lässt seinen Blick nicht von den Musikern weichen. Ein Angehöriger holt eine Pflegerin herbei, sein Verwandter wirkt unruhig. „War vielleicht doch bissle viel auf einmal“ flüstert der Mann der Pflegerin zu, die den Bewohner dann behutsam in sein Zimmer fährt. Die anderen sitzen bis zum Ende des Konzerts an den Tischen.
Michael steht vor seinem Notenständer und hält das Mikrofon vorsichtig in der Hand, Christoph sitzt daneben mit seiner Akustikgitarre, blickt mit konzentrierter Miene auf die Blätter vor ihm, lächelt dazwischen immer wieder. Hinter den beiden eine große Glastür mit einem Zettel: „Dienstübergabe! Nur in Notfällen stören!“ steht darauf. Das Jazzduo spielt viele Weihnachtslieder wie „Let it snow“ und „Sind die Lichter angezündet“ – als südamerikanischen Bossanova. Und auch die Ballade „Blackbird“, geschrieben vom Ex-Beatle Paul McCartney, erklingt.
Von klein auf ein Beatles-Fan
In ganz unterschiedlichen Kontexten zu spielen – gerade darauf bereite das Studium vor, meint Christoph. Musik ist seine Passion und nimmt im Alltag viel Raum ein – davon können auch seine Mitbewohner ein Lied singen: Stundenlanges Üben an Tonleitern und Arrangements sind für den Studenten der Jazz- und Popularmusik ganz normal. Hunderte CDs sind in einem Regal an seiner Zimmerwand aufgereiht und nicht selten schallen aus seinem Refugium Beatles-Klänge. „Ich habe die Beatles schon mit sechs oder sieben gehört“, erinnert sich der 29-jährige Hüne. Als kleiner Junge verbrachte er viele Stunden in Bibliotheken auf der Suche nach Musikkassetten. „Ich habe relativ früh gewusst, dass Musik für mich wichtig ist“, erzählt er, zur Gitarre zog es ihn aber „erst“ mit 17. „Da ging es los mit härteren Sachen“ inklusive eigener Metal-Band. Die dafür obligatorischen langen Haare sind inzwischen ab, und auch sonst würde man bei dem ruhigen Gitarristen nicht unbedingt erwarten, dass er Metal mag.
Die Beatles haben ihn dennoch bis heute nicht losgelassen: In seiner Diplomarbeit geht es auch darum, welch großen Einfluss die Pilzköpfe aus Liverpool auf Musikgeschichte und Aufnahmetechniken hatte. Als Musiker findet er besonders wichtig, „mit dem Instrument immer den richtigen Platz im Gesamtgefüge zu finden“, mit verschiedenen Musikern in unterschiedlichen Besetzungen zu spielen, macht ihm Spaß.
Ein ungleiches Duo
Das Gitarrespielen ist Christophs große Leidenschaft.
„Christoph ist ein intellektueller Musiker, er macht sich viele Gedanken“, sagt Michael über seinen Freund und Konzertpartner und schiebt hinterher: „Er kann einen Sänger gut begleiten, ist experimentierfreudig und spielt nicht einfach seinen Stiefel runter.“ Freundlich, zuverlässig und introvertiert, so hat er den hoch gewachsenen Berliner kennen gelernt. Das Jazzduo lebt gerade von der Unterschiedlichkeit der Musiker. Der eher ruhiger Gitarrist Christoph und Sänger Michael, der sich selbst mit hörbarem Dialekt als „eher lauten Menschen“ beschreibt. Die bayrische Frohnatur findet es „selbst erstaunlich, dass das so gut passt".
Bei ihrem Konzert auf der Wachkoma-Station sind jedoch beide Musikstudenten eher ruhig, wirken zwischen dem bunt gekleideten Clown und allerlei weihnachtlichem Krimskrams etwas blass. Micha hat gestern Abend erst ein Konzert gegeben, bei einer ganz anderen Weihnachtsfeier. Die Jazz- und Popularmusiker an der HMT hatten gefeiert, Micha stand mit einer Drum´n´Bass-Liveband auf der Bühne. Junge Menschen, laute Musik, ausgelassenes Feiern. Entlang der vielen Tische im St.-Georg-Krankenhaus dominieren vielstimmige, leise Töne, doch die Gesichter der Menschen verraten, dass es fröhliche Stunden sind.
Bleibender Eindruck auf der Station
Zum Abschied gibt es Blumen und Applaus für Christoph und Michael. Ihr Auftritt hat bei Diplom-Sozialpädagogin Freyer-Vogel Eindruck hinterlassen: „Sie haben einen offenen, flexiblen Umgang mit den Patienten, was ich schon außergewöhnlich finde“, sagt sie im Rückblick und zeigt sich beeindruckt von der musikalischen Kompetenz der beiden. Und die Bewohner? „Ein guter Indikator dafür, dass unseren Bewohnern die Musik gut tut, ist sicherlich, dass man Entspannung bei ihnen erkennen kann“, sagt Freyer-Vogel. Sie hat beobachtet, dass Körper und Mimik der Patienten sich während des Konzerts entspannt haben. Auf der Station schätzt man die Konzerte, denn sie „durchbrechen den oft ähnlich verlaufenden Alltag unserer Bewohner".
Der Autor Jonas Wissner ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.