Foto: Beke Schulmann
Hannes Raßmann (22) und seine Mitbewohner organisieren die "Stadtkarawane".
Sie finden Menschen spannender als Kirchen, Denkmäler und Co. Deshalb haben sieben
befreundete Studenten vor einem Jahr das Projekt „Stadtkarawane"
gegründet. Das Konzept ihrer ungewöhnlichen Stadttour: Leipzig
durch seine Einwohner entdecken. Gründungsmitglied Hannes Raßmann
(22) sagt im Interview, woran sie noch feilen müssen, was alle Karawanen
gemeinsam haben und warum man die Augen immer offen halten sollte. Hand aufs Herz, Hannes: Habt ihr so
schlechte Erfahrungen mit Stadtführungen gemacht, dass eine
Alternative her musste? Was heißt schlechte Erfahrungen ...
Die Stadtkarawane ist einfach etwas ganz anderes. Erstens ist es
keine Führung, das versuchen wir immer zu betonen, weil die Leute ja
selbständig rumlaufen, sie werden also von niemandem geführt.
Zweitens liegt der Fokus auf einer ganz anderen Sache, nämlich auf
den Menschen und nicht auf den Bauwerken und den geschichtlichen
Hintergründen. Die können aber auch zur Sprache kommen, zum
Beispiel wenn sich jemand zum Thema Wende weiterbilden möchte. Wir
haben zwei Gastgeber, die speziell darüber etwas wissen.
Die „Gastgeber" spielen bei der
Stadtkarawane die größte Rolle. Wie wählt ihr sie aus? Gastgeber zu suchen ist der
interessanteste Aspekt, wenn man die Stadtkarawane organisiert. Man
läuft dabei selbst mit anderen Augen durch Leipzig. Da gibt es keine
speziellen Kriterien. Wenn wir von jemandem hören oder jemanden
treffen, von dem wir denken, dass die Lebensgeschichte, das
Lebenskonzept oder einfach die Person interessant wäre für andere
Menschen, dann fragen wir, ob sie bei uns mitmachen würden.
Und was muss man tun, um selbst auf
Stadtexpedition gehen zu können? Am einfachsten geht man auf unsere
Internetseite
www.stadtkarawane.de
.
Da gibt's ein Anmeldeformular, wo man seine Daten und den
gewünschten Termin eintragen muss und dann noch angeben kann, welche
Interessen man hat, ob man eher an Kultur oder Sport interessiert
ist. Wir versuchen, die Wünsche dann schon zu berücksichtigen. Das
ist allerdings noch nicht so ganz ausgefeilt. Wir haben mittlerweile
rund 20 Gastgeber. Wenn jeder einen anderen Wunsch hat, ist es
manchmal schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Jede Karawane ist anders - aber
was haben alle gemeinsam? In der Regel treffen sich die
Teilnehmer um 12 Uhr bei den Organisatoren und trinken einen Kaffee
oder Tee mit uns. Das ist der familiäre Aspekt dabei, dass es nicht
nur so eine Abfertigung ist. Dann erklären wir ihnen das Konzept und
geben ihnen den Ablaufplan. Da stehen die Adressen der Gastgeber, die
Wegbeschreibung und die Uhrzeiten, also um wie viel Uhr sie wann
welche Straßenbahn nehmen müssen. Außerdem bekommen sie einen
Stadtplan und Tagestickets. Dann ziehen die Gruppen los, besuchen
einen Gastgeber, halten sich dort etwa eine Stunde auf. Dann folgt
eine Mittagspause. Anschließend besuchen sie noch ein bis zwei
weitere Gastgeber, je nachdem, wie weit die Gastgeber auseinander
wohnen. Eine Stadtkarawane dauert zwischen vier und sechs Stunden,
das ist schon ziemlich zeitaufwändig.
Vorbild der Stadtkarawane ist die
City Safari in den Niederlanden. Wie habt ihr davon erfahren?
Vor anderthalb Jahren hat mir meine
Stiefschwester, die da mal mitgemacht hat, davon erzählt. Ich fand
die Idee ziemlich super und hab gedacht „Cool, das müssen wir in
Leipzig auch machen!". Ich hab dann ein paar Freunde
zusammengetrommelt und so ist unser Kollektiv entstanden. Mit Lisa
und Cristina wohn ich auch zusammen, deshalb ist unsere Wohnung in
der Kolonnadenstraße quasi das Hauptquartier der Stadtkarawane.
Zusammen haben wir dann auch selbst an einer City Safari
teilgenommen. Von der Idee bis zu unserer ersten Karawane war es ein relativ langer
Prozess: Projekt planen, Gastgeber suchen, an der Website arbeiten,
über Werbung und Zielgruppen nachdenken ...
Wer ist denn eure Zielgruppe -
Studenten?
Wir hatten bis jetzt alles an
Teilnehmern dabei, von vier bis 60 Jahren. Aber es sind bis jetzt in
der großen Mehrzahl Studenten gewesen. Wir würden uns freuen, wenn
auch mehr Ältere teilnehmen würden, weil wir eigentlich
verschiedene Menschen damit erreichen wollen. Das
Generationsübergreifende wäre uns schon sehr wichtig, also dass
jüngere und ältere Menschen zusammenkommen und sich unterhalten und
voneinander lernen, weil das in der heutigen Zeit nicht mehr oft
geschieht.
Seit Januar bietet ihr nun eure
Expeditionen an. Gibt es einen Trend, dass ihr bald häufiger Termine
anbietet müsst?
Am Anfang hatten wir noch Probleme,
Teilnehmer zu finden, weil wir fast keine Werbung gemacht haben. Aber
mittlerweile sind wir immer ganz gut besetzt und können manchmal an
einem Tag auch zwei Gruppen anbieten à zwei bis fünf Personen. Bis
heute haben etwa 80 bis 90 Leute mitgemacht
Wie viel Zeit investiert ihr als
Organisatoren in das Projekt?
Das ist schon relativ intensiv. Wir
haben es geschafft - und darauf können wir stolz sein - uns seit
Beginn dieses Projekts einmal die Woche zu treffen, mit wenigen
Ausnahmen. Dann diskutieren wir die Punkte, die anstehen, versuchen,
immer etwas zu verbessern, schreiben auch immer Protokolle. Es ist
sehr spannend, so ein Projekt aufzuziehen, weil du quasi alles selbst
machst, vom Namen bis zur Internetseite und zum Logodesign.
Zu Beginn wurde die Stadtkarawane
von dem Programm „Jugend in Aktion" der Europäischen Union
gefördert.
Am Anfang hatten wir eine
Projektförderung für anderthalb Jahre, die haben wir jetzt noch mal
um ein halbes Jahr verlängert bekommen. Das heißt einfach nur, dass
wir das Geld, das wir übrig haben, nicht zurückgeben müssen. Das
ist ganz gut, denn manchmal macht man auch Miese bei der
Stadtkarawane. Wenn man Gruppen mit mehr als fünf Teilnehmern hat -
letztens hatten wir zum Beispiel eine 40-Mann-Gruppe aus Polen -
muss man zu dem Gruppenticket noch Einzeltickets dazukaufen. Dann
gibst du mehr Geld aus, als du durch den Teilnehmerbeitrag
eingenommen hast.
Die Teilnahme kostet 10 Euro, ihr
arbeitet alle ehrenamtlich. Wollt ihr irgendwann von dem Projekt
leben können?
Das
weiß
ich
nicht.
Noch
studieren
wir
ja
alle
und
machen
das
so
nebenbei,
um
Erfahrungen
zu
sammeln
und
Spaß
zu
haben.
Wahrscheinlich
könnte
man
damit
Geld
verdienen,
aber
da
haben
wir
uns
noch
keine
Gedanken
drüber
gemacht.
In einem Jahr seid ihr mit dem
Studium fertig. Wie geht es dann mit der Stadtkarawane weiter?
Wir hören natürlich nicht auf! Das
wär' viel zu schade um die ganze Arbeit, die wir da reingesteckt
haben. Wir müssen Nachfolger finden, die das weitermachen, denn im
Moment sieht es so aus, dass nur Anja in Leipzig bleibt. Alle anderen
würden gerne den Master woanders machen oder ins Ausland gehen.
DAS STADTKARAWANE-TEAM
Ostslawistik,
Psychologie, Germanistik, Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft - die
Studienfächer der sieben Stadtkarawane-Mitglieder könnten
unterschiedlicher nicht sein. Und niemand von ihnen stammt gebürtig
aus Leipzig. Cristina Gutu (24), Lisa Füchte (22), Anja Schyma (24),
Sarah Zdun (22), Sophie Rathke (24), Flé Toure (22) und Hannes
Raßmann (22) verband die Lust, etwas Eigenes auf die Beine zu
stellen. Ihr Coach Biju Oledath (35), ein Jugendarbeiter aus den
Niederlanden, half ihnen bei den ersten Schritten und steht ihnen bis
heute bei Problemen zur Seite.
Die
Autorin Sarah Bornemann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.