Foto: Matthias Schaette
Zum zweiten Mal hintereinander war Leipzig Austragungsort der Deutschen Hochschulmeisterschaften im Fechten.
Für zwei Tage war Leipzig Austragungsort der Deutschen Hochschulmeisterschaften im Fechten. Die Gastgeber waren mit acht Fechtern gut vertreten, am Ende reichte es aber trotz des Heimvorteils nicht für einen Titel. Kein Grund zu verzagen, sagt Ramon Bernert. Allein um die Platzierung geht es dem Informatikstudenten ohnehin nicht.
Kurz vor den Hochschulmeisterschaften läuft das Training schlecht für Ramon Bernert. Er gewinnt zwar fast alle seine Gefechte, ärgert sich trotzdem: „Die Treffer sitzen nicht so, wie ich's gern hätte." Zwei Stunden lang hat der Informatikstudent bereits geübt. Sein Haar klebt schweißnass am Kopf, das Gesicht glänzt. Trotzdem: Eine Stunde will er noch trainieren, bis halb sieben. „Ronny, wollen wir noch mal?"
Ronny, das ist Ronny Herrlich, Sportmanagement-Student an der Uni Leipzig. Die beiden kennen sich seit sieben Jahren aus dem Fechtclub Leipzig, wo sie Mitglied sind. Mit sieben hatten beide zunächst für eine kurze Zeit Fußball gespielt. „Bei mir kam dann irgendwann der Trainer besoffen zum Spiel", erinnert sich Ronny. „Das war der Punkt, wo ich mir was neues gesucht habe." Das Neue war das Fechten, wo zufällig auch Ramon gelandet war. „Gewöhnlich beginnt man da mit dem Florett", erklärt Ramon. Später hätten sich die beiden auch für Degen oder Säbel entscheiden können. Die Unterschiede der Disziplinen liegen im Detail. Beispielsweise gelten beim Florett nur Treffer am Rumpf und knapp unterhalb der Maske.
Am Anfang ging es Ramon Bernert nur darum, überhaupt Sport zu machen und neue Leute zu treffen. Der Trainer habe auch einmal Fuß-oder Basketball spielen lassen. Als dann aber die ersten Wettkämpfe kamen, war Ramon von Anfang an erfolgreich: Mit zwölf Jahren Sachsenmeister in seiner Altersklasse, zeitweise auf Rang 14 in Deutschland.
„Aber das ist eben alles schon paar Jährchen her", winkt der 21-Jährige ab und grinst verlegen. Inzwischen ist er im fünften Semester - und das Informatikstudium geht vor. So sieht es auch bei Ronny Herrlich aus. „Heute unter die ersten 30 zu kommen, ist realistisch."
Die Deutschen Hochschulmeisterschaften sind prinzipiell offen für jeden Studenten. Unter fast 300 Teilnehmern sind die meisten „reine Amateure". Bis auf Urkunden und Medaillen gibt es nichts zu holen. Aber reich werden könne man als Fechter ohnehin nicht, sagt Ramon. „Ein paar richtig gute Leute sind trotzdem immer dabei."
Das Studium geht vor - Fechten bleibt ein teures Hobby
Drei Tage später am Uni-Campus Jahnallee: Kurz nach acht Uhr morgens laufen sich die Sportler in der Ernst-Grube-Halle warm. In der Mitte der Halle liegen schon die blauen Matten, die die Fechtbahnen kennzeichnen; daneben stehen elektronische Tafeln für die Trefferanzeige. Ramon Bernert läuft hektisch durch die Halle. Gerade hat er bemerkt, dass das Kabel in seinem Anzug nicht mehr funktioniert. Und in 30 Minuten soll sein erster Kampf beginnen ...
Fechten ist ein teurer Sport. Allein ein Florett kostet zwischen 50 und 100 Euro - und kein Sportler kommt nur mit einem aus. Dazu noch Helm, leitende Westen, Fechtschuhe ... „Bis zu 1000 Euro kann man schon rechnen", sagt Ramon. Geld, das die Sportler selbst aufbringen müssen. Und immer wieder geht etwas kaputt. „Der Schweiß ist so aggressiv, dass die Elektronik schnell zu rosten anfängt." Nicht umsonst bringen viele Fechter taschenweise Ersatz mit. Ramon arbeitet schon seit Jahren in der IT-Abteilung eines Softwareunternehmens in Leipzig, um sein teures Hobby zu finanzieren.
Eine Lautsprecherstimme sagt bereits die Gruppen für die Vorrunde an. Zwei Gruppenphasen müssen die Florettfechter überstehen: Von den rund 90 Startern werden es 64 in die K.O.-Runde schaffen. Nach den ersten Kämpfen treffen sich die Leipziger Fechter auf der Tribüne. Die Vorrundenkämpfe werden ausgewertet: Ramon ist zufrieden, hat sich im Mittelfeld platziert. Und das, obwohl er nicht besonders ausgeschlafen an den Start gegangen war. „Wir haben noch eine Party für die anderen Fechter gegeben, die ging bis früh um vier." Auch wenn die Hochschulmeisterschaft offiziell vom Zentrum für Hochschulsport Leipziger Uni ausgetragen wird: Für die Organisation und das ganze Drumherum ist der Fechtclub Leipzig hauptverantwortlich. Von wegen Heimvorteil ...
Ein Funken Hoffnung bleibt
Foto: Matthias Schaette
Informatikstudent Ramon Bernert fechtet, seit er sieben Jahre alt ist.
Die erste K.O.-Runde bringt keinen Erfolg für die Leipziger. Ramon hat mit einem Fechter aus Jena kein leichtes Los getroffen. „Den Precht kenn' ich, der ist gut", sagt er. Und behält recht: Das Gefecht dauert kaum länger als eine Minute, dann steht es schon 15:4. „Der hat am Ende nicht mehr Ernst gemacht", weiß Ramon, „sonst hätte er zu Null gewonnen." Er ärgert sich nicht, denn es bleibt noch eine kleine Chance: Wer in der K.O.-Runde einmal verliert, kommt in die „Hoffnungsrunde", bleibt also erst einmal im Turnier.
Dort ist auch Ronny gelandet. „Felix Schneider - wie is'n der?", fragt Ronny einen befreundeten Fechter. Schulterzucken. „Greift früh an." Ronny Herrlich schlägt sich zunächst wacker. Als die 15 Minuten, die ein Gefecht maximal dauern darf, abgelaufen sind, steht es 13:13. Der Schiedsrichter wirft einen Stift auf den Boden, die Spitze zeigt auf Ronny: Er hat Vorteil. Wer in der nächsten Minute trifft, hat gewonnen. Wenn kein Treffer fällt, geht Ronny als Sieger aus dem Gefecht. In den ersten Sekunden belauern sich beide Kontrahenten. Dann wird Ronny ungeduldig, will selbst den entscheidenden Treffer landen - und springt genau in das Florett des Gegners. Der Münchener schreit vor Freude auf, Ronny legt enttäuscht den Kopf in den Nacken. So knapp an der nächsten Runde vorbei ...
Ramon Bernert schüttelt mit dem Kopf. Den ersten Gegner hat er besiegt, aber nun steht er dem Münchener gegenüber, der eben Ronny aus dem Turnier geworfen hat. Es steht bereits 10 zu 2 gegen Ramon, der einfach kein Mittel gegen den langen Arm seines Gegners findet. „Taktisch ist das 'ne Niete", ärgert sich Ramon Bernert. „Ich weiß nicht, wie er's macht, aber er ist halt immer eher dran." Er schaut auf den Sieger. „Ich muss jetzt erst mal hier raus, sonst passiert noch was", sagt er und stürmt aus der Halle.
Als Ramon wieder neben den Fechtbahnen steht, hat bereits die nächste Runde begonnen. Für ihn und Ronny ist jetzt Zuschauen angesagt. Ein befreundeter Fechter aus Dresden schafft es bis ins Finale und holt schließlich den Titel.
Fechten, aufräumen, für die Uni pauken
Danach bleibt wenig Zeit, mit den Freunden aus der Landeshauptstadt zu jubeln. Denn als Organisatoren der Meisterschaften müssen alle Leipziger Aktiven mit anpacken: Die Fechtbahnen einrollen, das Panzertape vom Boden entfernen, die Anzeigetafeln wegräumen. Und das, obwohl noch einiges für die Uni zu tun wäre. „Das wird eine lange Nacht", seufzt Ramon - diesmal ohne Party. Das ist das Los der Gastgeber. Vielleicht hat Ramon nach diesem Wochenende erst einmal genug vom Fechtsport? „Auf keinen Fall - zwei Mal wöchentlich nach der Uni zum Training, das steht für mich fix. Ich brauch' das einfach - als Ausgleich."
Der Autor Stefan Lehmann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus,
einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.