Foto: Jonas Wissner
Die Chips sehen immer gleich aus. Aber jedes Spiel anders.
Etwas Ironie schwingt in Zeiten der internationalen Finanzkrise mit, wenn sich angehende Wirtschaftswissenschaftler (WiWi) zum Pokern treffen. Die Campus-Redakteure Jonas Wissner und Conrad Ziesch haben sich einen Abend lang neben und an den Spieltisch gesetzt, um die Faszination Poker zu erleben.
Conrad: Ein verstecktes Hinterzimmer, rauchgeschwängert, voller zwielichtiger Gestalten? Nein, diesem Klischee vom Poker entsprechen der Seminarraum 1 und die Teilnehmer der WiWi-Pokerliga nicht. Schon eher sieht es aus wie in einer weiträumigen Schulaula, und Rauchen ist im Institutsgebäude der Wirtschaftswissenschaftler natürlich auch verboten. In der Mitte stehen vier Tische, darauf liegen samtweiche rote Decken. Chill-Out-Musik summt aus den Boxen. Die Spielkarten werden noch einmal genau gezählt, der Rotkäppchensekt und die silberne Trophäe als Preise in Position gebracht, bevor die Spieler endlich an den Tischen Platz nehmen dürfen. Mann beäugt sich – die einzige Frau, die vor dem Turnier hereinkommt, hat sich in der Zimmernummer geirrt. Die Spieler haben ihre Augen auf die zwei Karten vor sich geheftet. Daneben türmen sich blaue, grüne und schwarze Chips. Der Croupier, ebenfalls ein WiWi-Student, fordert die ersten Einsätze. Mein Spiel beginnt.
Jonas: Es ist der zweite von insgesamt acht Pokerabenden in diesem Studienjahr. Organisiert werden die Turniere vom Fachschaftsrat der Wirtschaftswissenschaftler. Grundsätzlich können auch Studenten anderer Fachrichtungen mitspielen, doch die allermeisten stammen aus der Wirtschaftswissenschaft. Der Einsatz pro Abend kostet drei Euro. Zwei Ausrutscher kann sich jeder erlauben, denn am Ende zählen pro Spieler nur die sechs erfolgreichsten Abende. Womit der Gesamtsieger am Ende belohnt wird, steht noch nicht fest – aber den Organisatoren bleibt ja noch genug Zeit, sich etwas einfallen zu lassen. Heute wetteifern 27 Studenten um den Sieg, die meisten waren auch schon bei der ersten Veranstaltung dabei.
Anfänger sind ausdrücklich willkommen
Conrad: Für mich ist es die erste Pokerrunde seit fünf Jahren. Nur nicht als Erster rausfliegen, schießt es mir durch den Kopf. Der erste Verlierer bekommt ein Bier gratis, das allerdings bereits zu Beginn geöffnet wird und entsprechend schal schmecken soll, wie der Veranstalter süffisant ankündigt. Die erste Hand wird gespielt. Ich habe ein Vierer-Pärchen – nicht gerade geeignet, um Poker-Weltmeister zu werden. Doch da am Anfang die Einsätze gering sind und das Belauern groß ist, setze ich mit und treffe tatsächlich die dritte Vier. Nun werden die Mitspieler fixiert. Ein Zucken der Mundwinkel, nervöse Blicke auf die Karten: Jede Regung wird analysiert, um die Stärke oder Schwäche der Gegner herauszufinden. Tatsächlich gewinne ich die Runde – ein schöner Schauer läuft mir über den Rücken.
Jonas: Es gibt zahlreiche Gründe, warum die Studenten nach Feierabend stundenlang Karten spielen. „Ich möchte einfach einmal Erster werden, das ist das Ziel“, sagt Clemens Ringleben. Zumindest diesmal hat das nicht geklappt, über Rang 19 kommt er nicht hinaus und hat damit noch ganz knapp einige wenige Punkte in der Gesamtwertung eingeheimst. Er ärgert sich, denn er hat durch einen „Bad Beat“ verloren. Das heißt, er wurde mit vielversprechenden Karten von einem „schwächeren“ Blatt eines Gegenspielers rausgeworfen. Das ist Pech – und gehört zu einem Glücksspiel eben auch dazu.
Die Signale deuten
Conrad: Ich bin noch immer dabei und habe inzwischen die Top 20 geknackt. Drei Stunden sind vergangen, als die erste Pause ausgerufen wird. Nach einem Sprint zur Toilette und zurück rufe ich meine Freundin an. Eine Minute dauert mein Monolog. Am nächsten Tag wird sie mir bescheinigen, ich habe mich „irgendwie berauscht“ angehört.
Jonas: Dass Glücksspiel süchtig machen kann, wissen auch die meisten der Turnierteilnehmer. Besonders das einsame Kartenspielen vor dem Bildschirm kann dazu animieren, kaum noch etwas anderes zu tun, den Alltag danach auszurichten. Ein reines Glücksspiel sei Poker aber nicht, sagt Nico Jakobaschk, der die Pokerliga mit organisiert hat. Es komme auch darauf an, Signale zu deuten: „Man muss seine Mitspieler genau beobachten: Wann und wie erhöhen sie? Wie ist die Körpersprache?“
Gerade unerfahrene Spieler verrieten durch Mimik und Gestik oft zu viel, dadurch könne man Rückschlüsse auf ihre Karten ziehen. „Ganz zentral ist, einzuschätzen, gegen was man ungefähr spielt“, so der 31-Jährige weiter. In unzähligen Pokerrunden hat er nicht nur genaues Beobachten gelernt, sondern kann auch Wahrscheinlichkeiten schnell errechnen. Auf „gut Glück“ mitzugehen, kommt für erfahrene Spieler wie ihn nicht infrage. Das Geheimnis: „Tight“, also ruhig und zurückhaltend spielen und setzen. Erst wenn die Gewinnwahrscheinlichkeit relativ hoch ist, wagen echte Pokerasse höhere Einsätze.
Die Pokerwelle rollt weiter
Foto: Jonas Wissner
Jeder Blick, jede Handbewegung wird von den Gegnern genau beobachtet
Conrad: Poker gehört zum Begriffsinventar meiner Jugend. Die Spiele flimmerten über die Mattscheibe, als ich noch Zeit hatte, mir stundenlange Kartenduelle im Sportsender DSF anzugucken. Jetzt sitze ich selbst am „Final Table“, dem Tisch der letzten acht Spieler. Hier ist Schluss mit lustig. Wurden vorher kleine Fehler verziehen, verliert mein Tischnachbar nun sein halbes Vermögen, weil er „callt“, also mitgeht, anstatt seine Karten aufzugeben. „Gesagt ist gesagt“, besteht der Croupier und schiebt den Jetonberg zu einem freudestrahlenden Kontrahenten. Immer weiter schrumpft das Teilnehmerfeld. Nur noch vier Spieler haben bis hierhin durchgehalten; längst ist es auf dem Campus Nacht geworden. Ass und König, beide Herz: eine erstklassige Hand. Ich gehe „All In“, setze alle Chips, die ich besitze, etwa 20.000 Punkte. Mein Gegner setzt ebenso viel und deckt seine Karten auf: Ass und Vier. Es sieht gut aus für mich. Doch dann wird die nächste Vier aufgedeckt, die mir am Anfang noch den ersten Erfolg brachte. Auf den Endorphinhagel folgt die Ernüchterung.
Jonas: Es ist wohl auch dieser Nervenkitzel, der Poker in den vergangenen Jahren in Deutschland zum Durchbruch verhalf. Mitorganisator Nico Jakobaschk ist eine Art Pionier, er kam schon 2002, also vor der großen Pokerwelle auf den Geschmack. „Ich habe damals in Stuttgart gearbeitet, dort haben mich Freunde in die Army-Kaserne zu Barbecue und Poker eingeladen“, erinnert sich der langhaarige Routinier, der mit Freunden auch regelmäßig Turniere in der Leipziger Südvorstadt anbietet. Im Laufe der Jahre hat Nico sowohl „offline“ gespielt als auch im Internet sein Kartenglück herausgefordert – wie inzwischen Hunderttausende in Deutschland; viele von ihnen spielen um echtes Geld. Das ist problematisch, denn sie bewegen sich dabei in einer rechtlichen Grauzone.
So wurde etwa vor wenigen Monaten einem weltweit führenden Internet-Poker-Anbieter in den USA die Lizenz entzogen. Im November erhielt das Pokerfieber in Deutschland dann wieder neue Nahrung: Der erst 22-jährige Deutsche Pius Heinz gewann in Las Vegas die Poker-Weltmeisterschaft und nahm mehr als sechs Millionen Euro Preisgeld mit nach Hause. Sein Studium der Wirtschaftspsychologie in Köln hat er vorübergehend an den Nagel gehängt. Die Hand, die ihm in Las Vegas den Sieg bescherte, war übrigens dieselbe, die Conrads Ausscheiden an diesem Abend besiegelte: Ass, König.
Die Autoren Conrad Ziesch und Jonas Wissner sind Mitglieder der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.