Campus-Reporter begleiten Leipziger Hochschulangehörige und wollen herausfinden, was an ihnen und an ihrem Tun besonders ist.
„Wo die Hochschule glücklich ist“ heißt seit Jahren eine Rubrik auf der LVZ-Campus-Seite.
Claus Baderschneider
von der Hochschule für Telekommunikation ist am liebsten im Rosental - zusammen mit seinen Söhnen.
Tschüss, Prof!
– Professor im Ruhestand - das heißt: kein Verwaltungskram mehr, keine Lehrverpflichtungen, keine Prüfungen. Aber kann ein Wissenschaftler einfach so mit dem Forschen aufhören? Campus hat bei einigen nachgefragt.
Physiker Wolfgang Oehme
weiß schon jetzt, was er besonders vermissen wird: Die Arbeit mit künftigen Physiklehrern und Schülern - und seine Experimentierkästen.Jörg wirft die Bettdecke seiner Schlafcouch beiseite und tastet nach seiner Brille. Er blickt auf seine Uhr: 6:45 Uhr. Auf dem Couchtisch neben seinem Bett liegen Zeitschriften. Ein Cover ziert Schlagersängerin Andrea Berg. Er tappt durch die Wohnung, in der er zusammen mit seiner Mutter wohnt, am Rande von Leipzig, in einem DDR-Neubau aus den 1960er Jahren. In 40 Minuten muss er zu seiner Schicht in die Mensa.
Aufstehen. Arbeiten. Heimfahren.
Jörg ist 40 Jahre alt, läuft leicht nach vorne gebeugt, sein Gang ist federnd. Die Arme hängen herab, als würden sie von schweren Gewichten nach unten gezogen. Seine Finger sind gekrümmt. Jörgs Feinmotorik ist schlecht ausgebildet. Er sagt selbst von sich, dass er komplexe Zusammenhänge nicht verstehe und auch sprachliche Eigenheiten wie Ironie für ihn schwierig seien. Wenn er spricht, verschwimmen seine Wörter oft ineinander. Aber wer von Geburt an so beeinträchtigt ist, hat sich nie anders kennengelernt. Für ihn ist das normal: „Ich bin nicht geistig behindert, nur körperlich“, sagt er. Doch für die Gesellschaft gilt er als genau das: als ein geistig behinderter Mensch.
In der Küche bestreicht er ein Rosinenbrot mit Margarine und schielt auf seine Armbanduhr, die auf dem Küchentisch liegt. Um 7:31 Uhr fährt die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof. An mehr als 5.000 Arbeitstagen hat er sie erst einmal verpasst. Wenn er in die Bahn einsteigt, nehmen 24 Stunden ihren Anfang, die sein ganzes Leben beschreiben. Jörgs Tagesabläufe sind klar strukturiert: aufstehen, arbeiten, heimfahren. Es sind feste Zeiträume, in denen sich sein Leben abspielt, an die er sich strikt hält. Jeden Donnerstag spielt er mit seinen Kollegen Basketball oder Handball. Einmal im Monat besucht er seine Hausärztin. Nur manchmal weicht er von der Regelmäßigkeit ab, macht nach der Arbeit noch einen Bummel durch die Stadt. Verändert sich seine Tagesstruktur unvorhergesehen, braucht er Zeit, bis er sich orientieren kann. „In einer fremden Stadt würde ich mich nicht zurechtfinden“, sagt Jörg.
Das Handy immer dabei – falls etwas passiert
Schon nach der Ausbildung an einer Hilfsschule jobbte er als Gärtnereiarbeiter und Küchenhilfe. Später schweißte er beim VEB Funktechnik Kleinteile wie Schrauben und Muttern in Plastiktüten ein. Aber: „Für die Arbeit brauchte man geschickte Hände. Sie war für Jörg deswegen ungeeignet“, sagt seine Mutter. Darum arbeitet er jetzt in der Mensa.
7:31 Uhr: Die Bahn ist da. Die Leute drängeln sich an der Tür. Jörg lässt ihnen den Vortritt. Während die anderen Leute mit Aktentasche einsteigen, steht er da mit seiner weißen Stofftasche. Darin das Wichtigste, sein Handy. Immer griffbereit, falls etwas passiert.
Warten auf Vater Schlumpf
Die Beschäftigten, wie Angestellte der Lebenshilfe genannt werden, treffen sich Punkt acht Uhr im Foyer der Mensa am Park auf dem Campus in der Innenstadt. Als Jörg ankommt, sind die meisten seiner Kollegen bereits da. Der Jüngste ist 23, der Älteste steht kurz vor der Rente. Sie stehen im Kreis, warten, dass es losgeht. Ein paar rauchen noch eine Zigarette. Als der Gruppenleiter, Eberhardt Sedlaczek, kommt, beginnt der Arbeitstag.
Mit der Wiedervereinigung begann Jörg in der Mensa der Universität Leipzig zu arbeiten. Schon in der DDR hatte die Universität geistig behinderte Menschen beschäftigt, damals noch in einer eigenen Abteilung. Nach der Wende fehlte dafür das Geld und der Verein Lebenshilfe übernahm die Betreuung. Jörg konnte weiter mit seinen rund 30 Kollegen in den Mensen der Universität arbeiten.
Foto: Nils Bröer
Mitarbeiter des Lebenshilfe e.V. bei ihrer Arbeit in der Mensa der Universität Leipzig.
Mannschaftssport in der Mensa
Mittlerweile ist es neun Uhr. Nach dem ersten Kaffee und dem zweiten Frühstück ziehen sich Jörg und seine Kollegen schnell um, dann geht es an die zugewiesenen Arbeitsplätze. In zwei Stunden muss die Mensa bereit für mehr als 5.000 Studenten sein. Heute arbeitet Jörg im Spülraum der Großraumküche. Es ist die blanke Welt aus Edelstahl und kalten Putzfließen. Es ist die Welt, in der sich Jörg den ganzen Tag aufhält. Zuerst beginnt er, das saubere Geschirr und Besteck einzusortieren. Dann schiebt er mit der rechten Hand einen schweren Tellerwagen hinaus, in einem Balanceakt, während er dabei auch noch mit der linken Hand einen Wascheimer hält. Anschließend füllt er leere Besteckkästen auf. Es ist der ruhige Teil seiner Arbeit, bevor sich die Mensa öffnet und zeitweise bis zu 1.000 Leute in dem Saal sind und Jörg und den anderen keine Ruhe lassen.
Die Beschäftigten, die in der Mensa arbeiten, haben zwar ein geistiges Handicap, müssen aber selbstständig ihre Arbeit schaffen, denn Sedlaczek ist ständig unterwegs. Er fordert das auch von seinen Leuten. „Jeder muss teamfähig sein und Rücksicht auf die anderen nehmen. Die Arbeit hier ist ein Mannschaftssport.“ Alle, die in der Mensa arbeiten, haben sich freiwillig dafür entschieden, auch wenn die Arbeit eintönig ist. So auch Kay. Er ist die rechte Hand des Chefs und überprüft, ob auch jeder seine Arbeit macht. Wenn es nicht rund läuft, weist er seine Kollegen zurecht. Seine Behinderung merkt man ihm auf den ersten Blick kaum an. Er wirkt sehr selbstständig und tritt selbstbewusst auf. Sein Problem mit der Umwelt ist jedoch sein mangelndes Distanzgefühl. Ihm fehlt das Gefühl dafür, wenn er jemandem zu nahe tritt.
Zum Mittag: Kartoffelsuppe und Dönerbrot
10.30 Uhr: Die Gruppe trifft sich im Aufenthaltsraum und isst gemeinsam Mittag. Es gibt eine feste Sitzordnung. Was gegessen wird, entscheiden sie zusammen. „Heute hat allerdings jeder Appetit auf ein anderes Gericht. Auf dem Plan steht Kartoffelsuppe mit Bockwurst. Jörgs Kollege Henry möchte gerne Dönerbrot dazu. „Dönerbrot zu Kartoffelsuppe – das geht doch nicht.“ – „Wieso denn nicht? Hast du noch nie Döner gegessen?“ – „Ja, aber doch nicht zu Kartoffelsuppe.“ Plötzlich steht Jörg verärgert auf und verlässt den Raum. Henry ist verdutzt: „Der ist doch nicht ganz normal.“ Aber Jörg ist auch schon wieder da. Es gibt Kartoffelsuppe mit Bockwurst. Wahlweise mit oder ohne Dönerbrot.
Diskriminierung, bis einer ging
Es ist ein sehr enger Raum, auf dem das Küchenpersonal und die Beschäftigten der Lebenshilfe miteinander auskommen müssen. Es sind zwei Arbeitswelten, die sich zwar den gleichen Raum teilen, in denen man sich aber aus dem Weg geht. Konflikte gibt es trotzdem. Diese äußerten sich anfangs direkt in Beleidigungen. Die Spannungen waren so stark, dass es ein Beschäftigter nicht mehr aushielt und um seine Versetzung bat, um nicht weiterhin in diesem Umfeld zu arbeiten. Auch jetzt gibt es immer noch Diskriminierung, wenn Jörg zum Beispiel Arbeiten machen soll, für die er gar nicht zuständig ist. „Es gibt Lehrlinge, die etwas merkwürdig sind und wenig Rücksicht nehmen. Viel haben wir aber nicht miteinander zu tun. Die machen ihre Arbeit, wir machen unsere.“
11.00 Uhr: Die Mensa wird geöffnet. Der einzige Ort, an dem Studenten und die geistig behinderten Mitarbeiter aufeinandertreffen, ist das Band mit dreckigem Geschirr. Hier laufen zu Hochzeiten 5.000 Tabletts zurück in die Küche. Und dort arbeiten heute Jörg und Sebastian zusammen. Beide verstehen sich gut. Jörg machen die vielen Menschen nichts aus. Die Arbeit am Band mache er am liebsten. „Nur das lange Stehen ist manchmal anstrengend. In der Mensa an der Jahnallee hatten wir noch Sitze.“ Und trotzdem gibt’s Probleme. Immer wenn ein Student sein Tablett auf das Band stellt, sind Servietten und Besteck zu trennen. Eigentlich ist das Aufgabe der Studenten. Eigentlich weisen Schilder über dem Band darauf hin. Aber Jörg kann sich nicht darauf verlassen. Wenn er nicht aufpasst und nachhilft, steht der ganze Apparat still. Dann stapelt sich das Geschirr und das Chaos bricht los. „Die meisten Studenten sind nett. Wenn ich mal was sage, reagieren einige aber auch unfreundlich.“ Dann muss er selbst zugreifen und die Servietten entsorgen. Er trägt deshalb Plastikhandschuhe.
„Warum sollte ich ihn grüßen?“
Die bis zu 5.000 Studenten, die vorbei kommen, drehen sich meist schnell weg. Selten suchen sie den Kontakt zu den beiden. Oft sind sie im Gespräch mit Kommilitonen und abgelenkt. Selten schauen sie Jörg an. Noch seltener sprechen sie ihn an. „Warum sollte ich ihn auch grüßen? Ich stelle ja nur mein Tablett auf das Band. Es ist ja keine Dienstleistung wie an der Kasse“, sagt eine 20-jährige Studentin über den doppelt so alten Mensamitarbeiter.
Gegen 13 Uhr wird der Lärm in der Mensa ohrenbetäubend. Es herrscht ein reges Gedränge. Die nächsten Seminare beginnen in einer Viertelstunde. Studenten prallen mit ihren Tabletts zusammen, auf dem Boden liegen Essensreste. An der Geschirrrückgabe stehen 20 Studenten. Jeder lauert darauf, sein Tablett endlich abzugeben. Mitten im Getümmel stehen Jörg und Sebastian.
„Man muss sich durchboxen können“
Die Behinderten sind stolz auf ihre Arbeit, haben dadurch das Gefühl, respektiert zu werden. Auch wenn es anstrengend ist, haben sie nicht nur Augen für die Servietten, sondern auch für das, was auf den Tellern übrig bleibt. Jörg und Sebastian. „Schau mal, Jörg.“ Sebastian zieht an seinem Ärmel und zeigt auf zwei volle Teller, die Studenten gerade auf das Band gestellt haben: „Denen hat es wohl nicht so geschmeckt.“ – „Du kannst ja mal probieren“, kontert Sebastian. Jörg scheint das nicht zu interessieren. Stattdessen bückt er sich, wechselt einen vollen Plastiksack mit Servietten und bringt ihn zum Müllcontainer.
Die Arbeit von Jörg und den anderen sei nicht sehr anstrengend, aber monoton, weshalb Sedlaczek darauf achte, die Aufgaben abwechslungsreich zu verteilen. „Monatelang nur Besteck sortieren – das geht gar nicht. Da würde ja jeder durchdrehen.“ Er müsse aber auch darauf Rücksicht nehmen, wozu der einzelne fähig sei. „An der Geschirrrückgabe in der Mensa kann ich zum Beispiel nur solche einsetzen, die das auch abkönnen. Dort muss man sich durchboxen können und bei einigen ist dafür das Selbstbewusstsein einfach zu niedrig.“
Foto: Nils Bröer
Jörg und seine Kollegen kontrollieren die Tablettrückgabe in der Mensa.
Der Dschungel lichtet sich
14:00 Uhr: Der Mensadschungel dagegen lichtet sich allmählich. Im Spülraum trudeln jetzt nur noch einzelne Tabletts ein. Als Jörg anfängt, die Tische abzuwischen, sitzen nur noch vereinzelt Studenten da. Alle Mitarbeiter warten auf den Feierabend. Um 16.00 Uhr ist endlich Schicht. Zu Hause wartet nur seine Mutter. Freunde, die Jörg regelmäßig sieht, hat er nicht. Für ihn sind die anderen Beschäftigten seine Kollegen, mehr nicht. „Ich hatte einen Freund in der Jahnallee, aber der ist zurück in die Werkstatt gegangen. Seitdem haben wir nur noch selten Kontakt.“
Neben seiner Mutter gibt es noch eine zweite wichtige Frau in Jörgs Leben. Andrea. Seit über 20 Jahren sind beide zusammen. „Sie war damals alleine. Also bin ich zu ihr hin und habe sie gefragt, ob wir nicht einmal etwas unternehmen wollen. Da hat es gefunkt.“ Er wünscht sich, dass sie mit ihm in der Mensa arbeitet. Aber sie ist in der Werkstatt der Lebenshilfe beschäftigt. Die beiden sehen sich deshalb nur am Wochenende. „Wir setzen uns dann in den Garten oder gehen ins Gewandhaus.“
„Ich bin nicht so frei wie die anderen“
Außer dem hat er nicht viel, außer vielleicht seine Autogrammkarten. Durch Konzertbesuche mit seiner Mutter fing er mit 20 an, die Zeitschrift „Stars und Melodien“ zu abonnieren und Autogramme von Volksmusikstars zu sammeln. „Jede Woche schreibe ich einen Brief an die Zeitschrift.“ Manchmal gibt es Post. Dann breitet er sein Album mit den Porträts auf dem flauschigen Teppich aus, heftet das Autogramm ein und blättert darin. Viel Zeit bleibt dafür aber nicht. Die Arbeitstage sind anstrengend und er ist müde.
22 Uhr: Jörg geht nach einem anstrengenden Tag zu Bett. Bis dahin schaut er meist noch Fernsehen. Jeden Abend in der Woche. Die Arbeit in der Mensa strukturiert sein Leben. Hat Jörg irgendwelche Träume? Nein: „Ich kann ja nicht machen, was ich will.“ Er weiß, dass er immer auf andere Menschen angewiesen sein wird. „Ich bin nicht frei. Nicht so wie die anderen.“
Sehen Sie hier eine Bilderserie des freien Fotografen Nils Böer mit weiteren Fotos vom Tag mit Mensamitarbeiter Jörg
Der Autor Oliver Matthes ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt der LVZ und des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig.