Foto: Benedikt Paetzholdt
Klinikdirektor Brehm liebt die Tiere, um die er sich kümmert.
Walter Brehms Arbeitsalltag ist alles andere als eintönig. Als Direktor der Chirurgischen Tierklinik der Universität Leipzig kümmert er sich um kranke und verletzte Pferde - und ab und zu auch um Exoten wie eine Giraffe. Campus hat den Tierarzt einen Tag lang begleitet, manche seiner Patienten kennengelernt und im Operationssaal mitgefiebert.
Morgens um 7 Uhr liegt eine andächtige Ruhe über den Stallungen der Veterinärmedizinischen Fakultät. Hin und wieder betreten einige Studentinnen das Verwaltungsgebäude an der Ostseite des weitläufigen Geländes unweit der Deutschen Nationalbibliothek, das 13 Kliniken und Institute beheimatet. Kurze Zeit später kommen sie in grün-weißer Arbeitskluft wieder heraus, tragen ein Stethoskop um den Hals und verschwinden im gegenüberliegenden Gebäude – der Chirurgischen Tierklinik. Männer trifft man hier – wenn überhaupt – nur vereinzelt an, denn rund 90 Prozent der Studenten sind Frauen. Den Erfahrungen von Klinikdirektor Walter Brehm zufolge hat das zwei Gründe: einerseits den anspruchsvollen Numerus Clausus, denn fürs Studium zugelassen werden nur Abiturienten mit einem Notendurchschnitt bis zu 1,2. Und da seien weibliche Absolventen im Vorteil, sagt Brehm. „Die Mädchen sind in der Schule fleißiger und haben daher die besseren Chancen, diesen Beruf auszuüben.“ Andererseits sei „die Liebe zu Tieren bei Frauen oft größer“. Der Professor ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Für ihn ist die Arbeit mit den Tieren eine Herzensangelegenheit. „Ich liebe wirklich jedes Tier hier“, sagt der agile 49-Jährige, der seit dreieinhalb Jahren die Chirurgische Tierklinik in Leipzig leitet.
Die Studentinnen warten bereits, um Viertel nach Sieben beginnt die Visite, Direktor Brehm kommt in letzter Minute angebraust. Trotz der frühen Stunde ist er gut gelaunt. Er trägt die übliche Arbeitskleidung der hiesigen Tierärzte: grünes Hemd und Khakihose. Dabei bestimmt die Farbe der Kleider ihre Funktion: Tierpfleger tragen ein leicht verwaschenes Blau, die veterinärmedizinischen Assistenten ein intensives Rot.
Besuch auf der Intensivstation
In der Klinik herrscht ein typischer Stallgeruch nach Heu und Pferd, Neonröhren erleuchten den langen Gang, der einer alten Fabrikhalle gleicht. Schnellen Schrittes läuft Brehm an den ersten leeren Boxen vorbei. „Hier stehen normalerweise unsere Intensivpatienten. Die kommen nur, wenn es akut ist.“ Der Chirurg spricht bei den zu behandelnden Tieren immer von seinen „Patienten“.
Aus der einzigen derzeit belegten Box der Intensivstation reckt sich ein langer Hals in die Höhe, zwei große, dunkle Augen schauen neugierig die Besucher an, eine blaue Zunge leckt die Gitterstäbe ab. „Das ist ein absolut untypischer Patient“, sagt der gebürtige Franke. Die noch junge Giraffe aus dem Zoo hat eine offene Wunde am Bein, die trotz Behandlung schlecht heilt. Immer wieder muss der Gips am rechten Vorderbein des Tieres gelöst, die Wunde gesäubert und eine neue Binde angelegt werden. „Man darf sich nicht von der Niedlichkeit der Giraffe ablenken lassen“, erklärt Brehm mit Blick auf das Jungtier. „Der Heilungsprozess ist alles andere als zufriedenstellend.“ Auf die Frage nach dem Namen des Tieres schüttelt der Professor den Kopf: „Solange die Giraffe noch in Lebensgefahr schwebt, bekommt sie keinen Namen.“ Dann streichelt er über ihr schnupperndes Maul und geht weiter zu seinen anderen Patienten.
Die meisten sind Spring- oder Turnierpferde und haben sich eine Beinverletzung zugezogen. Pferd für Pferd wird von 14 fachmännischen Blicke gemustert – denn der Direktor wird von Tierärzten, Studentinnen und einem veterinärmedizinischen Pflegeassistenten auf seiner Visite begleitet. An jeder Box hält die Gruppe an und überlegt, wie die Tiere behandelt werden sollen. Immer wieder gibt es Diskussionen, lateinische Fachwörter sausen von einem zum anderen, mitunter wird es laut. Brehm hält sich im Hintergrund, lässt seine Studenten zunächst beschreiben und füllt nur hin und wieder Darstellungslücken durch Kommentare. Dann richten seine Studenten all ihre Aufmerksamkeit auf den Direktor und hören ihm wissbegierig zu.
Nicht wie im Wilden Westen
„Kein Stress“ steht an vielen Toren der Ställe. Diese Devise gilt auch für den Direktor, selbst bei schwerwiegenden Fällen bewahrt er die Ruhe – wie sich einige Stunden später zeigen wird.
Foto: Benedikt Paetzholdt
Brehm und seine Mitarbeiter besprechen sich.
Noch aber ist der tägliche Rundgang nicht beendet. Bei einem Hengst bleibt die Gruppe stehen – sie stellt kaum einen Heilungsprozess fest. „Wenn er sich nicht heilen lassen will, hat er Pech gehabt“, sagt Brehm. Was sich zynisch anhört, ist Ergebnis langjähriger Arbeitserfahrung: „Es gibt die Fälle, da muss man trotz aller Vorsorge und Liebe irgendwann sagen: Es hat keinen Sinn mehr, wir müssen das Tier einschläfern.“ Den Einwand, dass der Tod eines Patienten zur Routine wird, weist der Pferdeliebhaber zurück: „In Filmen wird der Eindruck vermittelt, dass der Cowboy seine Pistole zückt und das Pferd erschießt, wenn es hinkt. Das geht vielleicht im Wilden Westen. Hier ist das ein langer Abwägungsprozess.“
Forschung am Tier zum Wohle des Menschen
Nach der Visite verstreuen sich die Mitarbeiter quer über das Klinikareal. Für den Chef über 25 Angestellte ist das eine Gelegenheit, dem nichtkundigen Publikum seine Arbeitsstätte näherzubringen. Obwohl die Veterinärmedizin dieses Jahr 250. Geburtstag feiert, ist das Leipziger Institut noch keine 100 Jahre alt. 1923 wurde die Tierärztliche Hochschule Dresden in die Universität Leipzig eingegliedert und hat sich seitdem als Veterinärmedizinische Fakultät etabliert. Es gibt nur fünf Hochschulen in Deutschland, die diese Ausbildung anbieten. Außerhalb Berlins steht in Leipzig die einzige veterinärmedizinische Fakultät in den neuen Bundesländern.
Der Experimentaloperationssaal hat es derweil anderweitig zu einiger Prominenz gebracht und ist manchem vielleicht aus dem Fernsehen bekannt. Diente er doch schon als Drehort für einige Folgen der ARD-Serie „Tierärztin Dr. Mertens“. Normalerweise betreiben die Veterinärmediziner um Brehm hier allerdings Forschung an Tieren. Was sie herausbekommen, soll den Menschen später zu Gute kommen. Eben laufen Vorbereitungen für die Operation eines Schafs: Zwei Studenten der Humanbiologie desinfizieren die Gerätschaften, ein Kommilitone ist mit der Beobachtung des zu untersuchenden Tieres beschäftigt. Wieder ein anderer bindet seinen grünen OP-Kittel zusammen, setzt eine Haube auf und streift sich enge Gummi-Handschuhe über die Hände.
Heute ist „Schaf 13“ an der Reihe. Gerade hat es noch einmal lauthals geblökt, nun liegt es unter Narkose auf der Liege. Das Schaf ist an eine Beatmungsmaschine angeschlossen und wird für die Untersuchung im Computertomographen vorbereitet. Tierärzte und Hirnchirurgen aus der Humanmedizin arbeiten eng zusammen, wenn es darum geht, an den Tieren neue Therapieverfahren zu ermitteln, die auch bei Menschen anschlagen sollen. Brehm beobachtet die Vorbereitungen aus dem Kontrollraum. Mit eindringlichem Blick erläutert er die Notwendigkeit dieser Untersuchungen. „Wenn man bei einer Ratte gewisse Behandlungserfolge erzielt hat, heißt das noch lange nicht, dass die Wirkung beim Menschen entsprechend ist.“ Deshalb sei es notwendig, größere Tiere zu beobachten, deren Anatomie durch ihre Zugehörigkeit zur Gattung der Säugetiere der von Menschen ähnelt und die dadurch bestimmte Befunde absichern können. Besonders bei der Herz- und Lungenforschung sowie im orthopädischen Bereich seien die Schafe sehr hilfreich, sagt der Klinikdirektor. Denn die Mechanik dieser Bereiche ist der der Menschen vergleichbar. Effekte, die bei Tieren beobachtet werden, stellen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bei Menschen ein.
Gegenüber dem Experimentaloperationsaal liegt der eigentliche OP. Mit seinen rund 50 Quadratmetern bietet er genügend Platz nicht nur für Schafe und Schweine, sondern auch für Pferde oder eben Giraffen. Über dem riesigen OP-Tisch hängt eine Art Lastenkran, der bis zu zwei Tonnen heben kann. Daneben finden sich Überwachungsgeräte und Beatmungsschläuche, die für jede Luftröhrenweite geeignet sind. Es gibt hier kaum einen Unterschied zu einem gewöhnlichen Operationssaal, die Dimensionen sind nur weitaus größer. „Unsere Patienten sind in der Regel zwischen 200 Kilo und einer Tonne schwer und dementsprechend breit. Das erschwert auch die Behandlung um einiges“, sagt Brehm.
Ein Problem ist die Kommunikation mit den Patienten. Menschen können auf die Vorgaben der Ärzte reagieren und zurückfragen. Auch der Heilungsprozess verläuft unter anderen Bedingungen: „Man kann einem Tier eben keine Bettruhe verordnen. Wenn Sie ein Bein gebrochen haben, dann werden Sie als Mensch einen Teufel tun, das Bein zu belasten. Das Tier muss trotzdem darauf stehen.“
Atemstillstand sorgt für Aufregung
Viel Zeit zum Durchatmen bleibt Brehm nicht: „Chef, es geht los“, ruft Tierarzt Marco Grzybowski und holt den Direktor in den Röntgenraum. Die Wunde der verletzten Giraffe muss untersucht und gereinigt werden. Ein Team von elf Mitarbeitern kümmert sich um das Wohl der außergewöhnlichen Patientin – eine Giraffe auf dem OP-Tisch zu haben, kommt auch hier nicht alle Tage vor. Ruhig liegt sie nun unter Narkose auf der Liege, gleichmäßig hebt sich ihr Fell über dem Brustkorb. Eine Studentin hält den Kopf, eine andere hebt das linke, gegipste Bein, damit die Arbeit beginnen kann. Mit einer kreischenden Säge zertrennt Grzybowski langsam die äußere Gipshülle. Dann wird Schicht für Schicht der Verband gelöst.
Foto: Benedikt Paetzholdt
Brehm entfernt die heilende Kollagen-Masse vom Bein der Giraffe.
Nachdem dieser vollkommen entfernt ist, packt der Chef selbst mit an. Er beginnt eine getrocknete Kollagen-Masse aus der offenen Wunde zu entfernen. Das Loch im Bein der Giraffe ist kleiner geworden, aber trotzdem ist das Ende des Klinikaufenthaltes der Zoopatientin nicht abzusehen. „Wir können sie nicht entlassen, bis die Wunde zu 100 Prozent geheilt ist. In der freien Wildbahn wäre sie jetzt Löwenfutter“, sagt Brehm. Prognosen, wann die Patientin zurück in den Zoo darf, möchte er keine abgeben. Lieber bezieht er sich auf einen alten Reiterspruch: „Prahle erst, wenn du heimreitest.“
Plötzliche ist Bewegung im OP-Saal: Die Giraffe atmet nicht mehr. Nervös schlagen verschiedene Hände auf ihren Brustkorb, in den Augen der Studentinnen ist Nervosität erkennbar. Doch einige Augenblicke später: Entwarnung – das Tier schnappt wieder nach Luft. Direktor Brehm bleibt ruhig, kümmert sich weiter um die Wunde. „Solche Vorgänge sind Alltag. Da darf man nicht die Ruhe verlieren.“
Erst das Vergnügen, dann die Pflicht
Die Klinik hat einen guten Ruf, auch über die Grenzen Leipzigs hinaus. Das beweist auch eine Galerie von Dankeskarten und Bildern mit strahlenden Pferdebesitzern und ihren Zöglingen neben der Eingangstür. „Danke, dass ihr meinem Pferd Halva geholfen habt“ oder „Presto läuft auch wieder“ ist dort zum Beispiel zu lesen. Walter Brehm würde gerne noch viel mehr Zeit mit den Tieren verbringen. „Der Kontakt mit den Patienten ist es, warum ich mich für diesen Beruf entscheiden habe.“ Die Bürokratie gehört aber auch dazu. Neben einer Teambesprechung um 13 Uhr warten an diesem Tag noch die wissenschaftlichen Aufgaben auf den Pferdeliebhaber: Vorlesungen vorbereiten, Publikationen bearbeiten, einen Übersichtsartikel verfassen – all das gehört zu Brehms Job und umfasst mindestens die Hälfte seiner Arbeitszeit, wie er schmunzelnd zugibt. Aber klagen möchte er darüber nicht. Mit einem Blick über das Gelände der Klinik fügt er hinzu: „Ich bin einfach gerne hier“.
Die Autoren Sara-Lena Niebaum und Benedikt Paetzhold sind Mitglieder der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.