21.05.2012 13:34 Uhr
 
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Ein Tag mit ...

 
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Tschüss, Prof! – Professor im Ruhestand - das heißt: kein Verwaltungskram mehr, keine Lehrverpflichtungen, keine Prüfungen. Aber kann ein Wissenschaftler einfach so mit dem Forschen aufhören? Campus hat bei einigen nachgefragt. Physiker Wolfgang Oehme weiß schon jetzt, was er besonders vermissen wird: Die Arbeit mit künftigen Physiklehrern und Schülern - und seine Experimentierkästen.
 

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Ein Tag mit …

Puzzeln mit Papyrus

Jörg Graf und seine Praktikantin setzen einen alten Papyrus zusammen.   Foto: Marcel Ruge Jörg Graf und seine Praktikantin setzen einen alten Papyrus zusammen.
Papyrus war der wichtigste Beschreibstoff der Antike, unentbehrlich für Verwaltung und Diplomatie. Besonders widerstandsfähig war der Stoff jedoch nicht – über die Jahrhunderte sind die Dokumente in kleine Fragmente zerfallen. Die 2000 Jahre alten Schätze puzzelt Restaurator Jörg Graf mit unendlicher Geduld wieder zusammen. Der gelernte Buchbinder erklärt, warum er sich dabei manchmal wie ein Arzt vorkommt.

Der Patient ist in kritischem Zustand. Leblos liegt er da, offensichtlich hat er zahlreiche Brüche erlitten. Jörg Graf zückt einen Spatel, wie ihn Zahnärzte verwenden, und tastet den Patienten vorsichtig ab. Graf fragt nicht, ob es weh tut. Warum auch. Der Patient kann nicht sprechen, konnte es nie. Er ist seit zwei Jahrtausenden stumm – ein Papyrusfragment.

Jörg Graf ist Papyrusrestaurator in der Universitätsbibliothek. Auf seinem Arbeitstisch steht ein Pappkarton mit Papyrusbruchstücken. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Baumrinde. Grau bis dunkelbraun, zerfasert, teilweise nur wenige Quadratzentimeter groß. In diesem Zustand sind sie nutzlos, weder von wissenschaftlichem noch ästhetischem Wert. Grafs Aufgabe ist es, das zu ändern. Wenn der hochaufgeschossene Restaurator vom antiken Beschreibstoff spricht, klingt es, als rede ein Arzt über einen sensiblen Patienten. „Der Papyrus steht unter Stress. Man muss Geduld mit ihm haben.“

2500 Papyri müssen noch restauriert werden

Der Papyrus selbst ist geduldig und äußerst beständig. Im Schnitt 2000 Jahre alt sind die Fragmente, die die Bibliothek besitzt. Sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts erworben und lagerten zunächst in Blechkisten, die in der Abteilung für Sondersammlungen der Albertina vor sich hin rosteten. 1994 wurden sie in Pappkartons umgebettet. So findet sie Graf vor, wenn er mit seiner Arbeit beginnt. Etwa die Hälfte der 5.000 Leipziger Papyri hat er inzwischen restauriert.

Der 39-jährige Leipziger mit den kurzgeschorenen rotblonden Haaren und den blauen Augen agiert unaufgeregt. Hektik würde Arzt und Patient unnötig nervös machen. Graf hebt ein Fragment mit einer Pinzette an und legt es auf ein Vlies, ein saugfähiges Spezialpapier. Vorsichtig versucht er, mit dem Spatel Krümmungen und Faltungen zu entfernen. Doch das gelingt in trockenem Zustand kaum. Graf bettet den Papyrus zwischen zwei Vliese, die er wiederum mit nassem Karton umschließt. So entsteht ein feuchtes Klima, das die Papyrusfasern biegsam macht. Die Kunst ist, den passenden Moment für die „Behandlung“ abzupassen. „Das kann eine Sache von Minuten sein“, sagt der Restaurator und blinzelt. Wenn der Papyrus zu trocken ist, kann er brechen; wenn er zu feucht ist, kann er reißen wie ein durchnässtes Papiertaschentuch.

Während Graf wartet, erzählt er. Er ist aufgeschlossen, redet gern über seine Tätigkeit, über die Faszination, die von den Papyri ausgeht, auch über Fußball. Doch dann muss sich der Restaurator, der ein legeres Poloshirt trägt und ohne Handschuhe auskommt, wieder seiner Arbeit zuwenden. Er entfernt den Karton, nimmt ein weiteres Mal den Spatel zur Hand. Der Papyrus ist noch zu spröde. Deshalb muss er erneut für einige Augenblicke zwischen die feuchten Kartons.

Eine Mischung aus Zahnarztpraxis und Chemielabor

Zu erkennen, wann der Papyrus geschmeidig genug ist, ist eine Sache der Erfahrung.Der gelernte Buchbinder Graf hat sich durch ein Fernstudium in Stuttgart zum Restaurator für Buch und Papier fortbilden lassen. Anschließend drei Jahre lang parallel zu seiner Arbeit in Leipzig einen Tag pro Woche im Ägyptischen Museum in Berlin hospitiert. Seit einem Jahr leitet er die Restaurierungswerkstatt der Universitätsbibliothek. Bechergläser im Regal und Schreibtischlampen mit Neonlicht lassen sein Arbeitszimmer wie eine Mischung aus Chemielabor und Zahnarztpraxis erscheinen.

Graf ist mehr Arzt als Chemiker. Mit der Pinzette greift er einzelne Fasern, bringt sie in Form, glättet sie mit dem Spatel – bis der Papyrus in seiner ganzen Fläche ausgebreitet ist. Dann platziert er ihn auf einer schiefen Ebene aus Plastik. Auf dieser liegt ein Vlies auf, das mit einer Reinigungslösung getränkt ist, damit der Papyrus gesäubert wird. „Er hat sehr lange im Wüstensand gelegen“, sagt Graf. Winzige Schmutzpartikel fließen wegen der Neigung in ein Auffangbecken. Der Prozess dauert rund 45 Minuten.

Wie ein riesiges Puzzlespiel

Nicht nur die Reinigung erfordert Geduld. Manchmal gleicht Grafs Arbeit einem Papyrus-Puzzle: Welche Fragmente gehörten einst zusammen? Allein anhand der meist spärlichen Beschriftung kann das oft nicht entschieden werden. Graf betrachtet die Farbe, die Art der Faserung, die Löcher, die durch Insektenfraß entstanden sind.

So lange verschiebt er zwei Fragmente gegeneinander, tauscht die Positionen, bis die beiden Stücke zusammenpassen. Dann bettet er sie auf eine Glasplatte und taucht einen feinen Pinsel in Methylzellulose – „gereinigter Tapetenkleister“ –, mit der er die Papyrusfragmente behutsam zusammenklebt. Graf kneift vor Konzentration die Lippen zusammen. Mit beschichtetem Baumwollgewebe fixiert er eine zweite Glasplatte auf der ersten, sodass der Papyrus in der Mitte geschützt ist. „Am schönsten ist der Moment, wenn man das fertige Produkt in den Schrank stellt“, sagt Graf und lächelt. Die Anspannung ist jetzt ganz aus seinem Gesicht gewichen. „Das ist etwas, das man der Nachwelt hinterlässt.“ Für heute ist Grafs Sprechstunde beendet. 2.500 Patienten warten noch auf eine Behandlung.

Der Autor Johannes Pöhlandt ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt der LVZ und des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig.

 
 
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