Foto: Stefan Lehmann
Seit 2005 arbeitet Anett Gräfe in der Uni-Schwimmhalle.
Badeschuhe und T-Shirt sind ihre Arbeitskleidung: Annet Gräfe ist Leitende Schwimmmeisterin in der Uni-Schwimmhalle. „Ein Randberuf", wie sie selbst sagt, doch abwechslungsreich: Sie sorgt für die Sicherheit der Badegäste, überprüft die Wasserqualität und kämpft sich durch Verwaltungsaufgaben. „Wir sitzen nicht den ganzen Tag am Beckenrand und sind auch keine Bademeister", sagt die 30-Jährige. Campus hat sie einen Tag lang begleitet.
Kurz vor sechs Uhr morgens ist es noch ruhig an der Leipziger Uni-Schwimmhalle in der Mainzer Straße. Den Verkehr auf der Käthe-Kollwitz-Straße hört man nur gedämpft. Die Sonne ist noch nicht einmal richtig aufgegangen, als Anett Gräfe in ihrem silbernen Ford auf den Parkplatz neben der Halle einbiegt. Seit 2009 ist die 30-Jährige Leitende Schwimmmeisterin in der Uni-Schwimmhalle. Die zierliche Frau mit dem schulterlangen blonden Haar steigt aus dem Wagen und schlendert zum Hintereingang des Bades. Dort stehen die Mitarbeiter der Reinigungsfirma, zwei Männer und eine Frau, und unterhalten sich. „Guten Morgen", grüßt Anett Gräfe, „alles in Ordnung?" „Alles paletti!", antwortet einer der beiden Männer.
Noch sind die ersten Badegäste fern. Die Frühschicht im Schwimmbad beginnt für Gräfe mit einem Kontrollgang. Ihre Alltagskleidung hat sie inzwischen gegen blaue Badeschuhe und ein rotes T-Shirt getauscht. Auf Vorder- und Rückseite des T-Shirts steht in Druckbuchstaben „Schwimmmeister". Diese Bezeichnung ist ihr wichtig: „Wir sind keine Bademeister. Das wären eher Leute aus dem medizinischen Bereich, die zum Beispiel Schlammpackungen auftragen."
Normalerweise beginnt die Überprüfung im Technikraum
Etwa eine Viertelstunde dauert der routinierte Gang durch das Schwimmbad, Gräfe hat ihre Augen überall. In der Behindertengarderobe ragt ein gelbes Kabel unter der Heizung hervor - eine mögliche Gefahrenquelle. Um „vorausschauend Unfälle zu verhindern", wie sie sagt, meldet sie es an einen Techniker. „Normalerweise beginnt die Überprüfung im Technikraum", erklärt die Schwimmmeisterin. „Wenn die Wasserqualität nicht stimmt, dann brauche ich das Bad gar nicht erst aufzumachen." Heute hatte das aber schon ein Kollege erledigt. Vier Schwimmmeister teilen sich die Arbeit in der Halle, die Schichten wechseln im Wochenrhythmus. Dazu kommen die Techniker.
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An den Bildschirmen im Technikraum können Gräfe und ihre Kollegen die Wasserqualität überwachen.
Es ist mittlerweile halb sieben, erste Sonnenstrahlen brechen sich in der großen Fensterwand. Die Luft in der Halle ist feucht und warm. Die Schwimmmeisterin hat sich daran gewöhnt: „Ich mag es warm. Im Winter haut einen die Hitze hier drin aber fast um." Das Klima erinnert an Schwimmbad, aber nach Chlor riecht es kaum. „Was man so als Schwimmbadgeruch kennt, ist nur das gebundene, sprich: das verbrauchte Chlor", sagt Gräfe. Wenn der Geruch also nicht in der Luft liegt, dann sei das nicht gleich ein schlechtes Zeichen.
Schwimmmeisterin, das sei schon ein Randberuf, sagt die gebürtige Lausitzerin. Seit 2005 arbeitete die „ Fachangestellte für Bäderbetriebe" - so die korrekte Bezeichnung in der Uni-Schwimmhalle, seit 2009 ist sie geprüfte Meisterin. In der Zeit zuvor hatte sie schon in einer Halle in Borna und einem Erlebnisbad in Krauschwitz gearbeitet, ebenso in einem Naturbad in ihrer Heimat Weißwasser. „Ich wollte einen Job, in dem ich viel mit Menschen zu tun habe", sagt Gräfe. Außerdem habe sie ein Faible für Sport. Egal ob Schwimmen, Abfahrtsski oder Jedermann-Triathlon - sie sei einfach sportaffin. In der Schwimmhalle hat sie dabei fast täglich mit Leistungssportlern zu tun.
Der Wachdienst hat das Bad inzwischen geöffnet, aber noch ist keine Menschenseele in der Schwimmhalle zu sehen. Bleibt also noch genug Zeit, schon einmal das E-Mail-Postfach zu überprüfen. In ihrem kleinen Büro stehen Computer und Drucker, ein Staubsauger und zwei Hochdruckreiniger - und zwei rot-weiß gestreifte Rettungsringe. Auf dem winzigen Schreibtisch liegt ein schwarzes Büchlein. Darin enthalten sind die äußeren Vorgaben, die ein Schwimmbad erfüllen muss. „Wenn man danach ein Schwimmbad baut, dann kann eigentlich nichts schiefgehen", sagt Gräfe. Es gibt sogar Verordnungen, die die Ausmaße der Becken millimetergenau vorgeben. Ist die Abweichung zu groß, dann ist die Schwimmbahn nicht wettkampftauglich.
Die Aufsicht ist die wichtigste Aufgabe der Schwimmmeister
Die ersten Schwimmer haben sich in der Halle eingefunden. Die Besucher sind meist Studenten, Mitarbeiter, Leistungssportler oder Reha-Gruppen - „in dieser Reihenfolge", sagt Gräfe. Sie lehnt im Türrahmen ihres Büros und schaut auf die Wasserfläche. Die Aufsicht, das sei ihre verantwortungsvollste Aufgabe. „Meine Ausbilderin hat uns einmal gesagt: Sowie du die Schwimmhalle betrittst, stehst du mit einem Bein im Knast. Das klingt zwar überzogen, aber es stimmt schon: Man muss immer gewappnet sein." Nicht umsonst frischen die Schwimmmeister einmal im Jahr ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse auf. Darum gilt: „Es muss immer jemand von uns in der Halle sein, zumindest wenn gerade kein Trainer am Beckenrand steht."
Als Leitende Schwimmmeisterin kümmert sich Anett Gräfe neben der Aufsicht auch um Verwaltungsaufgaben rund um das Schwimmbad: die Bestellung von Chemikalien und Geräten zum Beispiel. Für den Moment hält sich diese Verwaltungsarbeit in Grenzen, denn nur eine E-Mail liegt in Gräfes Postfach: der aktualisierte Belegungsplan ist da. Für jede einzelne Bahn ist darin präzise geplant, wer wie lange darauf schwimmen darf. Für den heutigen Morgen steht dort beispielsweise: „Mitarbeiterschwimmen".
Mit einem schwarzen Klemmbrett unterm Arm macht sich Anett Gräfe auf in den Keller des Schwimmbades, um pH-Wert und Chlorgehalt des Wassers zu messen. Hinter einer Gittertür stehen blaue Kanister mit Chemikalien. Nur das Chlorgas lagert separat, in einem alarmgesicherten Anbau neben der Halle. Der Zutritt ist nur mit Atemschutzmaske erlaubt, Chlorgas greift die Atemwege an; nicht umsonst wurde es im Ersten Weltkrieg als chemische Waffe eingesetzt.
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Gräfe überprüft die Messgeräte im Keller des Bades.
An einer Wand im Kellerraum hängt ein grauer Kasten mit digitaler Anzeige. Über Schläuche ist er mit dem 50-Meter-Becken verbunden. Anett Gräfe notiert sich die Werte vom Display dieses Messgerätes auf ihr Klemmbrett. Danach nimmt sie einen kleinen Glasbehälter und zapft aus einem Schlauch an der Unterseite des Kastens eine Probe. Damit geht es in ein Laborzimmer. Farbtests geben ihr Aufschluss darüber, wie hoch Chlorgehalt und pH-Wert liegen. „Ein bisschen Chemieverständnis ist für den Job schon nötig", sagt Anett Gräfe und schmunzelt. Es gehe eben nicht nur darum, ein guter Schwimmer zu sein.
Anett Gräfe vergleicht jetzt die Abweichung zwischen beiden Messgeräten. „Das sind ja Traumwerte heute", freut sie sich. Die Unterschiede sind nur minimal. Alles ist in bester Ordnung, auch im Lehrschwimmbecken und im Strömungskanal des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft, den die Schwimmmeister mit betreuen.
Inzwischen ist es kurz vor zwölf Uhr, Anett Gräfe schaut noch einmal auf den Rechner. Zwei E-Mails sind inzwischen wieder im Postfach gelandet. Es wird nicht das letzte Mal an diesem Tag sein, dass die Schwimmmeisterin ihre elektronische Post liest und beantwortet. „Eben diese Abwechslung macht aber auch den Reiz aus: Kein Tag gleicht dem anderen. Wir sitzen eben nicht nur den ganzen Tag lang am Beckenrand!"
Um 14.30 Uhr ist die Frühschicht für Anett Gräfe beendet, die Kollegen von der Mittel- und Spätschicht übernehmen. Gräfe macht sich auf den Heimweg nach Großpösna, südöstlich von Leipzig. Die Sonne strahlt vom Himmel, es ist Badewetter. „Erst einmal ruhe ich mich eine halbe Stunde aus", sagt die Schwimmmeisterin. Danach holt sie ihre Tochter aus der Krippe ab und es geht zum Baden. „Aber nicht ins Schwimmbad", verrät die Schwimmmeisterin. Stattdessen geht es mit Mann und Kind an den Naunhofer See. Die Schwimmbad-Atmosphäre erlebt sie ja ohnehin jeden Tag aufs Neue.
Der Autor Stefan Lehmann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.