21.05.2012 13:36 Uhr
 
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Der „Dauerbrenner“ – Chemieprofessor Reinhard Kirmse sagt der Uni Leipzig ade

Chemieprofessor Kirmse zeigt Fotos aus 47 Jahren an der Uni Leipzig   Foto: Matthias Schaette Chemieprofessor Kirmse zeigt Fotos aus 47 Jahren an der Uni Leipzig.
Im März verabschiedet sich Reinhard Kirmse nach 47 Jahren an der Alma mater in den Ruhestand. 1965 begann der gebürtige Altenburger sein Chemiestudium an der Uni Leipzig, seit 1992 ist er Professor für Strukturchemie. Ein langer Zeitraum, in dem Kirmse allerlei Kurioses erlebt hat. Dabei wollte er ursprünglich gar kein Chemiker werden.

„Dampflokomotiven faszinieren mich bis heute, als Kind wollte ich Eisenbahner werden“, blickt Reinhard Kirmse zurück. „Mein Vater hätte es gern gesehen, dass ich Dreher werde – so wie er.“ Doch auch daraus wurde nichts: Mit 18 begann Kirmse 1965 in Leipzig sein Chemiestudium. „Ich hatte nur in Naturwissenschaften eine Eins, in anderen Fächern ging es nach unten – und wenn ich an Latein denke, das war sogar kritisch“, erinnert er sich. Sinnloses Vokabellernen sei das gewesen. „Diesen Speicherplatz habe ich nun für andere Dinge frei.“ 1970 erhielt er sein Diplom. Zwei Jahre später war Kirmse bereits promovierter Chemiker.

Ohne Butter in Kasan

Reinhard Kirmse (links) nach seiner Rückkehr aus Kasan   Foto: privat Reinhard Kirmse (links) nach seiner Rückkehr aus Kasan.
Statt Latein lernte er eine andere Sprache: Russisch. Für zwei Jahre wechselte der gebürtige Altenburger an die physikalische Fakultät der Universität Kasan in der russischen Republik Tatarstan und forschte mit Semjon Altschuler, dem Begründer der Resonanzspektroskopie. „Es gab zwar ein halbes Jahr lang keine Butter“, erinnert sich Kirmse mit einem Lachen, „aber ich konnte dort am allerbesten lernen und habe in dieser Zeit unglaublich viel geschafft.“ Damit war die Grundlage für Kirmses Habilitation 1978 und seine spätere Tätigkeit als Dozent gelegt. Auch heute noch spricht der Professor fließend Russisch.

Später führte ihn der Weg auch in den Westen: Schon 1970 kam die erste Einladung der Uni Nimwegen in den Niederlanden. „Und tatsächlich durfte ich, nachdem ich zwei Kinder hatte, 1986 erstmals nach Holland. Nur 16 Jahre später“, sagt Kirmse ironisch. Extra für die Kooperation lernte er Englisch und fuhr mehrmals für einige Wochen nach Nimwegen.

Dazwischen das Tagesgeschäft, mit zahlreichen Anekdoten gewürzt. „Chemie ist dadurch charakterisiert, dass bei weitem nicht immer alles so geht, wie man es sich vorstellt“, sagt Kirmse. „Das ist schön und macht es immer spannend.“ Ähnlich aufregend war die Beschaffung von Chemikalien für Forschungsvorhaben, denn einige Substanzen waren in der DDR nicht zu bekommen. „Da war es gut, wenn einer ins Ausland musste. Und der musste dann sehen, dass er das Zeug irgendwie hierher bekommen hat“, blickt Kirmse zurück.

Übernachten im Chemiekalienlager

„Kurios“, sagt Kirmse nur über seine Erlebnisse im Jahr 1989. Am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, kam er im Zug aus Nimwegen zurück. In Berlin feierte die SED, während auf den Straßen Demonstranten Reformen forderten. Den Leipziger Bahnhof konnte er gar nicht verlassen: Überall standen Polizisten in Kampfmontur, die auf die Protestierer losgingen. „Ich musste warten, bis es vorbei war, und durfte erst dann nach Hause.“ Später bekam er Order, in der Fakultät in der Liebigstraße zu bleiben, „möglichst sogar dort zu schlafen.“ Warum? „Verhindern, dass sich Demonstranten an unseren Chemikalien bedienen konnten.“

Nach dem Untergang der DDR warteten Herausforderungen: Die „sehr systemnahen Mitarbeiter“, wie es Kirmse ausdrückt, mussten gehen. Bei allen herrschte Ungewissheit, das Personal musste sich auf die nun bundesweit ausgeschriebenen Stellen bewerben. „Viele Gruppen, die gut zusammen gearbeitet haben, sind auseinander gegangen“, sagt Kirmse – weil viele eine Arbeit in der freien Wirtschaft der ungewissen Zukunft an der Universität vorzogen. Für Kirmse bedeutete seine Berufung zum Professor 1992 ein Stück Zukunftssicherheit. „Als ich den großen Brief aus Dresden bekommen habe, habe ich ihn drei Wochen lang nicht aufgemacht, weil ich dachte, es könnte die Entlassung sein. Bis mir von anderer Seite gesteckt wurde, dass das nicht so ist.“

Guter Kontakt zu Studenten und Doktoranden

Reinhard Kirmse beaufsichtigt seine Studenten im Praktikum   Foto: Matthias Schaette Reinhard Kirmse beobachtet seine Studenten im Praktikum.
Das Fachgebiet Kirmses ist die Strukturchemie. Er arbeitet mit spektroskopischen Methoden zur Identifizierung, erforscht das Verhalten von Elektronen in starken äußeren Magnetfeldern und synthetisiert Verbindungen mit interessanten magnetischen Eigenschaften. „Durch Energieeinstrahlung kann man Übergänge beobachten, die Informationen zur Struktur liefern“, erklärt Kirmse, der am 25. Februar 65 Jahre alt wird. Auch wenn er leidenschaftlich gern forscht, hat die Lehre für ihn eine ebenso große Bedeutung: „Ich arbeite sehr gerne mit Studenten und gehe auch oft in die Praktika, um sie richtig kennen zu lernen. Im Hörsaal sind sie für mich anonym.“ Und auch zu allen seinen Doktoranden hält Kirmse nach wie vor Kontakt. Viele davon werden ihm wohl auch zu seiner Verabschiedung am 2. März im Großen Hörsaal der Chemie die Ehre geben.

Doch allzu schnell wird der Name Kirmse nicht verschwinden: Zum einen ist auch seine Frau Karin an der Fakultät beschäftigt, zum anderen hält der Emeritus im kommenden Semester eine Experimentalvorlesung. „ Und es gibt noch viele Dinge, die man veröffentlichen kann, für die man aber bisher keine Zeit hatte. Dann ohne Druck und Bürokratie.“

Neues Projekt: Modelleisenbahn

In seiner neugewonnenen Freizeit hat Kirmse indes schon einiges geplant: Nicht nur seine Orchideenzucht auf der heimischen Fensterbank oder das Musizieren auf dem über 100 Jahre alten Blüthner-Klavier. Kirmse will auch seine Modelleisenbahn mit 150 Lokomotiven wieder aufbauen. So wird für ihn sein Kindheitstraum als Eisenbahner zumindest in Miniatur doch noch wahr.

Der Autor Matthias Schätte ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.

 
 
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