21.05.2012 13:36 Uhr
 
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Tschüss, Prof! – Professor im Ruhestand - das heißt: kein Verwaltungskram mehr, keine Lehrverpflichtungen, keine Prüfungen. Aber kann ein Wissenschaftler einfach so mit dem Forschen aufhören? Campus hat bei einigen nachgefragt. Physiker Wolfgang Oehme weiß schon jetzt, was er besonders vermissen wird: Die Arbeit mit künftigen Physiklehrern und Schülern - und seine Experimentierkästen.
 

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Der Teilchentheoretiker – Physik-Professor Sibold verlässt die Uni

  Foto: Marcel Ruge Verlässt nach 16 Jahren die Alma Mater: Professor Klaus Sibold
Für Klaus Sibold ist Leipzig eine Wissenschaftsstadt mit einer herausragender Tradition. Auf der Suche nach der Struktur der Raum-Zeit ist er nach Stationen beim CERN in Genf und Max-Planck-Institut für Physik in München vor 16 Jahren an die Universität gekommen. Nun wird der Professor emeritiert. Mit Campus sprach er über seine Zeit an der Uni und seine Pläne für die Zukunft.

Wenn Klaus Sibold von der Materie spricht, mit der er sich beschäftigt, wird alles zum Greifen nah. Mit den Händen formt er Ebenen und Linien, spricht von vierdimensionalen Räumen und davon, wie man versuche, die Quantentheorie mit der Relativitätstheorie in Einklang zu bringen. Sibold ist Professor für Theoretische Physik. Sein Spezialgebiet sind die Elementarteilchen. Seine Forschungen gehören zur weltweiten Suche nach der Lösung für ein physikalisches Jahrhundertproblem. Es gilt, die Struktur der Raum-Zeit zu verstehen.

Im Mekka der Teilchenphysiker

Ein Problem, dass den gebürtigen Schwarzwälder auch noch während seines Ruhestands beschäftigen wird. Der März ist für ihn der letzte Monat als Professor, er wird zum Ende des Semesters emeritiert. „Das ist schon ein ungewöhnlicher Monat, obwohl es inhaltlich kaum Unterschiede gibt“, sagt er. Die Verwaltungsaufgaben werden weniger, es bleibe mehr Zeit für die Forschung.

Als er im Jahr 1995 Professor an der Universität Leipzig wurde, konnte er bereits auf eine lange Laufbahn als Forscher zurückblicken. Sein Studium begann in Karlsruhe. Er machte Station im englischen Durham und war Anfang der 80er Jahre auch in Genf beim CERN tätigt, das häufig als Mekka der Teilchenphysiker beschrieben wird. Einer der interessantesten Forschungsaufenthalte war für Klaus Sibold jedoch ohne Frage die Zeit, die er Anfang der 70er Jahre im sowjetischen Dubna verbrachte - dem Gegenstück der Ostblockstaaten zum europäischen CERN-Projekt in der Schweiz.

Für die Wissenschaft waren ideologische Reibereien zu trivial

Wirkte sich der politische Konflikt nicht auch auf die wissenschaftliche Arbeit aus? „Diese Sorte von Ideologie wurde auf beiden Seiten ziemlich schnell beiseite geschoben. Damit hat man sich nicht befasst, es war einfach zu trivial.“ Sibold beschäftigte sich zu dieser Zeit viel mit russischer Literatur, las Dostojewski, lernte die russische Sprache. Das Angebot, für sechs Monate nach Dubna zu gehen, war für ihn schlicht eine wunderbare Gelegenheit. Und so erschien auch seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung in russischer Sprache.

Ab Mitte der 80er Jahre arbeitete Sibold als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Physik in München. „Das war wirklich eine sehr gute Forschergruppe“, sagt er. Zwei Dinge störten ihn dort jedoch: „Ich wollte stärker selbst darüber entscheiden, in welchen Bereichen ich forsche, und ich wollte mehr mit Studenten zusammenarbeiten.“ Also bewarb er sich auch auf die Professorenstelle in Leipzig und war sehr glücklich, als es klappte. „Leipzig hat als Wissenschaftsstadt eine fantastische Tradition und mir war klar, dass man hier noch etwas bewegen kann.“

Ein echter Humboldtianer

Und das tat Sibold auch – insbesondere mit Blick auf die Lehre. Bereits 1996 rief er die Physik-Combo ins Leben. Dahinter verbirgt sich ein Zusammenschluss der Institute für Physik an den Universitäten Leipzig, Halle und Jena. Ziel ist es, den Blick der Studenten über den Tellerrand zu richten. Nach Schweizer Vorbild bündeln die Unis ihre Ressourcen und bieten an mehreren Wochenenden im Semester Spezialvorlesungen an. Der Erfolg hat selbst Sibold überrascht: „Ich war wirklich platt. Unserem Ruf sind Physiker aus ganz Deutschland gefolgt, die mit Interesse und Begeisterung gekommen sind, um zu sehen, was wir hier eigentlich machen.“ Die Physik-Combo findet auch im kommenden Sommer wieder statt.

Ohnehin war die Arbeit mit Studenten für Klaus Sibold neben der Forschung eine große Erfüllung während seiner Zeit in Leipzig. Bei einer Vorlesung stellte er fest, dass sich in der Herleitung einer Gleichung, die er an die Tafel geschrieben hatte, ein Fehler befand. „Bei der Suche nach der Ursache ist auch den Studenten klar geworden, dass ich selbst im Grunde einer von ihnen bin – nur mit viel mehr Semestern.“ Diese Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden sei etwas sehr Besonderes. Da verstehe er sich, wenn man so möchte, als echter Humboldtianer.

Nach dem Lehrbuch der Roman?

Und wie geht es nun weiter am Institut? Einen designierten Nachfolger gebe es noch nicht. Die erste Sitzung der Berufungskommission tage noch diesem Monat. Über 60 Wissenschaftler haben sich auf den Posten beworben. Die Vertretung übernimmt derweil ein Kollege aus Mainz.

Sibold selbst will der Forschung treu bleiben und noch einige wissenschaftliche Veröffentlichungen machen. Einen kleinen Traum hat er allerdings noch: „Ich könnte mir vorstellen, den einen oder anderen Roman zu schreiben, weiß aber nicht, ob ich dazu komme.“ Ein Lehrbuch über die Theorie der Elementarteilchen hat Sibold schon verfasst. Dass sich unter diesem Titel auch Romanstoff verarbeiten lässt, hat der französische Autor Michel Houellebecq schon gezeigt. Vielleicht gelingt der nächste Quantensprung auf dem Buchmarkt ja einem Leipziger Physiker.

Der Autor Marcel Ruge ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
 
 
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