Foto: Tina Kühne
Literaturprofessor Ludwig Stockinger
„In gewisser Weise könnte meine Situation als die eines Auslandsgermanisten im Inland beschrieben werden“, schildert Ludwig Stockinger seine Anfangszeit an der Uni Leipzig. Der Literaturprofessor geht nach 17 Jahren an der Alma Mater Lipsiensis in den Ruhestand. Campus blickt mit ihm auf seine Zeit an der Uni zurück und voraus.
Seine letzte reguläre Vorlesung Anfang Februar war gut besucht. Der Fachschaftsrat Germanistik hatte die Studenten dazu aufgerufen, zur Vorlesung zu kommen und Professor Stockinger auf diese Weise in den Ruhestand zu verabschieden. Dem Aufruf gefolgt war auch Anne Baldauf, 3. Master-Semester. „Viele, die extra zur Vorlesung gekommen sind, waren sehr andächtig, auch traurig“, sagt die Germanistikstudentin. Es sei schade, dass Stockinger gehe. Er sei sehr studentenfreundlich. „Er hat sich auch mal zusammen mit dem Fachschaftsrat für die Studenten eingesetzt – und sich gegen seine Kollegen gestellt. Außerdem ist er sehr fair und hat in seinen Veranstaltungen nie jemanden angeschimpft oder bevorzugt behandelt.“
Zum Abschied schenkten die Studenten Stockinger ein Buch, in das jeder ganz persönliche Wünsche, Gedanken und Erinnerungen geschrieben hatte. „Ich habe da gespürt, dass sich meine Vorlesungen und Lehrveranstaltungen offenbar einer gewissen Beliebtheit erfreut haben“, sagt Stockinger und blättert nachdenklich in dem Buch.
Diese letzte Vorlesung behandelte eines seiner Spezialgebiete: Die Literatur der Romantik. „Das ist wahrscheinlich die bis heute intelligenteste Selbstbeschreibung und -reflexion von Kunst und Literatur in der Moderne“, erklärt er mit leuchtenden Augen. In seinem Büro im Geisteswissenschaftlichen Zentrum hängt ein großes Porträt des romantischen Dichters Novalis. Bis er das abnimmt und seinen Schreibtisch räumt, wird noch etwas Zeit vergehen. Für etwa ein Jahr bleibt er noch an der Universität, um Abschlussarbeiten zu betreuen.
Beim ersten Besuch war klar: Leipzig ist der Ort, wo ich hingehöre
Als einer von vielen westdeutschen Wissenschaftlern kam der gebürtige Bayer im April 1994 nach Leipzig. Es sei eine schwierige, aber interessante Zeit gewesen. „Ich bin in dem Bewusstsein angekommen, dass ich unter einem bestimmten Legitimationsbedarf antrete.“ Kurz nach der Wiedervereinigung mussten vor allem in den ideologisch belasteten Fächern Professoren gehen. Dafür kamen oftmals Wissenschaftler aus den alten Bundesländern. Sie mussten sich gegen das Vorurteil behaupten, drittklassige Leute zu sein.
Dass Stockinger nach Leipzig kam, war eher Zufall, gibt er ganz nüchtern zu. „Ich habe mich hier beworben, weil ich eine Professur brauchte. Ich hatte damals in Kiel nur eine befristete Anstellung, musste also sehen, wo ich als Wissenschaftler weiterarbeiten konnte.“ Für seinen Probevortrag fuhr er das erste Mal in seinem Leben nach Leipzig. An diesem Tag habe er die Stadt liebgewonnen. „Als ich durch die Innenstadt gelaufen bin, hatte ich das Gefühl, dass das der Ort ist, wo ich hingehöre, obwohl die Stadt damals noch ziemlich schwarz aussah. Leipzig hat eine gewisse Ausstrahlung, die man schwer beschreiben kann, irgendetwas lebendiges.“
Die Unterschiede zwischen der Literaturwissenschaft in der DDR und der BRD wurden ihm schnell bewusst. Zwar hatte er sich schon als Doktorand in den siebziger Jahren mit der marxistischen Literaturwissenschaft auseinandergesetzt, nun musste er aber, wie er sagt, „eine Literaturwissenschaft für eine demokratische Gesellschaft“ konzipieren. Viele seiner Studenten waren in der DDR aufgewachsen und sollten nun das wissenschaftliche Denken ohne Dogmen erlernen. „Ich habe versucht, in meinen Vorlesungen so etwas zu entwickeln wie eine Alternative, die den Studierenden ermöglicht hat, Brücken zu bauen zwischen dem, was sie in der Schule gelernt haben, und dem, was ich ihnen beibringen wollte.“
Nicht nur in der Wissenschaft, auch innerhalb des Instituts für Germanistik gab es Spannungen. Es bestand etwa zur Hälfte aus Ost-, zur Hälfte aus Westdeutschen. Auseinandersetzungen waren jedoch nicht nur geografischer Natur. „Ich habe mit der Zeit bemerkt, dass der Ost-West-Konflikt aufgehoben war und eine neue Art von Seilschaften entstand. Die Gemeinsamkeit bestand im Interesse, aus der Uni Leipzig etwas zu machen.“
Zeit der schweren Entscheidungen
Mitgewirkt an der Umgestaltung der Universität hat Stockinger unter anderem als Dekan der Philologischen Fakultät und Vorsitzender der Haushaltskommission der Universität. Er erlebte zwei Wellen von Stellenkürzungen mit und musste auch unbequeme, ja brutale Entscheidungen treffen.
In der Zeit, als er Institutsdirektor war, sollten am Institut für Germanistik vier Stellen wegfallen. Das Rektorat habe ihn vor die Wahl gestellt: Entweder das Fach Niederlandistik, das zum Institut gehörte, werde gestrichen, oder die Stellen müssten in anderen Bereichen wegfallen. „Im Hinblick auf die Lehramtsstudiengänge und ein ordentliches Angebot im Kernfach Germanistik konnte ich da nichts mehr wegnehmen.“ Der Fachbereich Niederlandistik musste in Folge dessen dran glauben.
Wenn er von den aktuell drohenden Stellenkürzungen an der Universität hört, erinnert sich Stockinger an jene Zeit zurück. „Ich bin sehr dankbar, dass ich das nicht mehr managen muss.“ Die Fächer intern auszudünnen halte er für unmöglich. Stellen könnten nur gekürzt werden, wenn Fächer und Studiengänge wegfielen. Auch gegenüber dem Versuch, innerhalb der Fakultäten die Situation mit eigenen Strukturvorschlägen retten zu wollen, ist er skeptisch. „Ich weiß nicht, wie viele Strukturpapiere ich mit verantwortet habe, die alle in einer Schublade gelandet sind. Im Endeffekt hat man die Stellen weggestrichen, die gerade frei geworden sind.“
Ruhestand? – Endlich Zeit zum Schreiben!
Seinem Nachfolger, Dirk Oschmann aus Jena, will er deshalb einen Rat mit auf den Weg geben: „Er soll sich anfangs ein bisschen zurückhalten, wenn es um Funktionen und zusätzliche Gremien geht, und die eigenen Projekte stärker vorantreiben. Ich selbst musste wegen der Aufgaben in Verwaltung und Lehre meine Interessen als Forscher zurückstellen.“ Nun will er einiges nachholen.
Mit Vorfreude erzählt er von einem seiner Pläne: Aus seinen Vorlesungen möchte er eine Literaturgeschichte schreiben – vom Beginn der Aufklärung bis zum Ende der Goethezeit. Ihm sei bewusst, dass es zahlreiche solcher Literaturgeschichten gibt. Jedoch drängen ihn viele seiner Studenten und Doktoranden, die die Vorlesungen besucht haben. So, wie er den Lehrstoff gestaltet habe, sei er noch nirgendwo zu lesen.
Die Autorin Tina Kühne ist Mitglied der Lehrredaktion „Campus Online“, einem Gemeinschaftsprojekt von LVZ-Online und dem Studiengang Journalistik der Universität Leipzig.