Tschüss, Prof.!
Mehr Zeit für Kunst und „Ebay-Haus“ – Tschüss, Professor Meyer-Miethke
Stefan Lehmann
Foto: Stefan Lehmann
Freut sich auf einen neuen Lebensabschnitt: Stefan Meyer-Miethke.
Für Stefan Meyer-Miethke war der Ruf nach Leipzig im Jahr 1992 der Beginn eines Abenteuers. Damals war der Hauptbahnhof noch keine Einkaufsmeile wie heute. Stattdessen staunte der Professor über die weite Querhalle, fast so groß wie zwei Fußballfelder. Schon dieser Anblick faszinierte ihn. Überhaupt war Leipzig „eine Offenbarung“ für ihn, wie er sich noch heute voller Begeisterung erinnert.
Nirgendwo sonst hatte er zuvor diese Aufbruchsstimmung erlebt, die auch bei der Architektur sichtbar war: „An jeder Häuserecke stand ja noch ein Fragezeichen. Ich hatte das Gefühl, die Wende sei wie für mich gemacht.“
Nach 19 Jahren als Professor für Gebäudelehre an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) beginnt für Meyer-Miethke nun der Vorruhestand. „Ich gehe früher als ich muss, weil ich noch andere Sachen vorhabe“, sagt der 63-Jährige. Da wäre zum einen die Malerei, die der Hochschullehrer schon vor Jahren für sich entdeckt hat und für die er sich jetzt mehr Zeit nehmen möchte. Ein eigenes Atelier hat er sich inzwischen schon eingerichtet: aber nicht in Berlin, wo der Architekturprofessor heute mit seiner Familie wohnt. Sondern in Ueckermünde an der Ostsee, weil es dort so schön ruhig ist. „Malen ist für mich wie Architektur – aber ohne Bauherr oder Behörden.“ Es gebe einfach keinen, der einem Vorschriften mache. Und auch einem weiteren Hobby will Meyer-Miethke mehr Zeit widmen: dem Fotografieren. Seit mehr als zwei Jahren arbeitet er an einem Fotoband. „Der Mensch und das Meer“, so beschreibt Meyer-Miethke das Projekt, das er nun endlich zu Ende bringen will.
Die künstlerische Ader hegt der gebürtige Marburger schon länger. „Ich habe auch überlegt, ob ich Kunst studieren soll“, erzählt er. „Am Ende habe ich mir aber gesagt: Auch als mittelmäßiger Architekt kommst du irgendwo unter; als Künstler wird das nicht so einfach.“ In den Jahren davor hatte er einige Zeit lang Dokumentarfilme gedreht. „Ich war ein ziemlicher Spätentwickler, wollte zunächst Journalist werden.“ Erst nach einem Auftrag für das italienische Fernsehen entschied er sich für die Architektur. „Damals habe ich gewissermaßen die Schönheit von Architektur durch die Kamera erlebt“, erinnert er sich. 27 Jahre war Meyer-Miethke damals alt.
Die Idee vom günstigen Eigenheim hat ihn nicht mehr losgelassen
Auch die Architektur wird ihn weiter beschäftigen. Meyer-Miethkes Idee war schon immer das einfache Bauen für wenig Geld. Auch deshalb haben ihn die ostdeutschen Plattenbaugebiete fasziniert. Für das Bundesforschungsministerium hat er das so genannte „50 000-Euro-Haus“ mit entwickelt: Ein Haus, das im Grunde aus Modulen besteht. Als Grundlage dienten große Container, wie man sie auch von der Handelsschifffahrt kennt. Eines der größten dieser Modulhäuser steht in der Nähe von Leipzig, in Espenhain. „Inzwischen begeistert diese Bauweise ganz andere Zielgruppen. Da kommt es schonmal vor, dass das Haus deutlich günstiger war, als der Wagen, der davor steht“, schmunzelt Meyer-Miethke. Die Idee vom günstigen Eigenheim hat den Professor aber nicht mehr losgelassen, er tüftelt schon an einem neuen Projekt: Dem „Ebay-Haus“. Die Idee dahinter ist simpel. „Mit dem Internet gibt es heutzutage eine gute Möglichkeit, um günstig Materialien für den Hausbau einzukaufen“, erklärt Meyer-Miethke. Er durchsucht verschiedene Internetseiten nach geeignetem Baumaterial. Ein Prototyp des „Ebay-Hauses“ soll im Frühjahr für einen Bauherren in Berlin entstehen.
Dass Stefan Meyer-Miethke erst spät zur Architektur fand, hat auch sein Selbstverständnis als Professor geprägt. Er versteht seinen Auftrag nicht nur als Wissensvermittler, sondern wollte immer auch etwas zur Persönlichkeitsfindung der Studenten beitragen. Dazu gehörten auch die jährlichen Exkursionen. „Ich weiß nicht, ob das immer etwas mit Architektur zu tun hatte, aber mit Leben hat es was zu tun!“ Bei den Studenten jedenfalls wurden die Reisen mit den Jahren immer beliebter. Es ging in Metropolen wie New York genauso wie ins australische Outback. Alles fing mit 30 Teilnehmern an, auf die letzte Exkursion nach Schweden nahm Stefan Meyer-Miethke 60 Studenten mit. Sich selbst zu finden und zu verwirklichen, das versuchte Meyer-Miethke aber auch in seinen Seminaren zu lehren. „Ich verstehe mich eher als Hebamme“, sagt er. Er wolle nicht, dass die Studenten nur seinen Geschmack teilen – sie sollen ihren eigenen entwickeln, etwas eigenes auf die Beine stellen.
Hunderte Studenten verabschieden ihren Professor
Nicht zuletzt deshalb hat Meyer-Miethke seine Abschiedsvorlesung im Juni auf dem alten Feinkost-Gelände an der Karl-Liebknecht-Straße gehalten, wo HTWK-Studenten gerade einen Raum umgestaltet haben. „Da kamen bestimmt 200 Leute“, sagt er sichtlich gerührt, „viele ehemalige Studenten – Leute die jetzt ein eigenes Architekturbüro haben.“ Dazu noch Generationen Studenten, die sich am Mikrofon bei ihrem Professor bedankten. „Das war fast schon peinlich“, sagt Meyer-Miethke. „Einen schöneren Abschied kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Und doch freut sich der Architekturprofessor auf seinen neuen Lebensabschnitt. Natürlich werde er seine Kollegen und Studenten vermissen. Aber: „Das Vermissen gehört auch irgendwie dazu; man kann ja nur vermissen, was schön war.“ Man könne eben nicht alle Dinge vor sich herschieben, die man sich vorgenommen hat. Irgendwann sei es sonst zu spät – zum Malen, Fotografieren und Tüfteln am günstigen Eigenheim.
Der Autor Stefan Lehmann ist Mitglied der Lehrredaktion Campus,
einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität
Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 04.08.2011, 20:28 Uhr