Zwischenruf
Boykottbrutzeln zum Veggie-Day setzt falsches Signal
Wiebke Eichler
Foto: privat
Wiebke Eichler kommentiert für Campus-Online
1.000
Würste auf dem
Grill – und das am
Vegetarischen Tag
(Veggie-Day). Der Jura-
Fachschaftsrat der
Universität Leipzig
will mit der Grill-Aktion
gegen das
ausschließlich
fleischfreie Angebot in der
Mensa am Park an diesem
Tag protestieren. Sie
wollen sich nicht
bevormunden lassen,
sagen sie. Dabei geht es
an diesem Tag eigentlich
um etwas ganz anderes.
Wer Vegetarier oder
Veganer ist, kennt die
Witze auswendig:
„Du isst meinem
Essen das Essen
weg“ und
dergleichen mehr lassen
den erfahrenen
Fleischverweigerer nur
noch müde
lächeln. Wenn es
dem Fleischfan jedoch an
sein geliebtes Schnitzel
von Schwein, Pute oder
Kalb geht, wird er
ungehalten. Als Hilfe zur
Selbsthilfe ließe sich
die Aktion des
Fachschaftrats der
Juristen schon betiteln:
Sie grillen 1.000
Würstchen vor der
Mensa und umgehen
damit den Fleischboykott
in Leipzigs zentraler
Studentenkantine. Man
solle den Protest nicht so
bierernst nehmen, lautet
ihre Begründung.
Doch den Sinn des
Veggie-Days haben sie
nicht verstanden –
wie eine kleine
Rechenübung zeigt.
Die Mensa
am Park verkauft nach
eigenen
Schätzungen etwa
5.000 Essen am Tag.
Nehmen wir an, die
Hälfte davon ist mit
je 100 Gramm Fleisch
bestückt. Für
die Produktion von 100
Gramm Fleisch werden
laut UNESCO rund 1.600
Liter so
genanntes virtuelles
Wasser benötigt.
Der Begriff bezeichnet die
Menge an Wasser, die
direkt und indirekt zur
Herstellung eines
Produkts aufgewendet
werden muss. Das
bedeutet am Veggie-Day
eine Ersparnis von vier
Millionen Liter Wasser.
Allein für die
Fleischbeilage an diesem
Tag in dieser Kantine. Auf
alle sechs Mensen, elf
Cafeterien und die
Kaffeebar des
Studentenwerks
hochgerechnet,
wären die
Einsparungen riesig.
Zugegeben,
diese Gleichung ist grob
vereinfacht. Sie
verdeutlicht aber, dass
das Studentenwerk mit
dem Veggie-Day auch ein
politisches Signal setzen
will: Schon kleinste
Änderungen im
eigenen Verhalten
können einen
wichtigen Beitrag zur
Verbesserung der
Lebensverhältnisse
aller beitragen. Wasser ist
eine knappe Ressource.
Dieser Ansatz ist richtig
und wichtig, wenn wir
unseren Planeten noch
eine Weile
bevölkern wollen.
Das haben die Boykott-
Griller offensichtlich nicht
verstanden. Anstatt also
positive Aktionen tot zu
brutzeln, könnten
sie, wenn es denn
unbedingt sein muss,
zum mittäglichen
Fleischverzehr auch auf
die anderen 17 Mensen
und Cafés
ausweichen. Die Mensa
am Peterssteinweg ist
quasi um die Ecke. Und
gegen die positiven
Auswirkungen eines
kleinen Spaziergangs ist
ja nun wirklich nichts
einzuwenden –
oder will dagegen auch
jemand den Grill
anschmeißen?
Die
Autorin Wiebke Eichler ist
Mitglied der Lehrredaktion
Campus, einem
Gemeinschaftsprojekt des
Studiengangs Journalistik
der Universität
Leipzig und der Leipziger
Volkszeitung.
© LVZ-Online, 05.05.2011, 19:45 Uhr