Zwischenruf
Poor old Oma from Schladen - Sprachwirrwarr an Leipziger Hochschulen
Maike Neupert
Foto: Andreas Lamm
Campus-Redakteurin Maike Neupert kommentiert
An den Hochschulen in Leipzig gibt es immer mehr fremdsprachige
Studiengänge. Wirtschaftswissenschaften heißen jetzt Economic and
Management Science, was sich hinter Studies in Abilities and
Development of Competences oder Content and Media Engeneering verbirgt,
ist nicht sofort ersichtlich. Dieses Sprachwirrwarr ist nicht nur für
Fremdsprachen unkundige Großeltern eine Herausforderung.
In einem kleinen, nicht besonders international geprägten Dorf namens Schladen in Niedersachsen lebt eine sehr einflussreiche alte Frau. Von den Journalisten der Braunschweiger Zeitung, bei der ich mein Volontariat gemacht habe, wird sie liebevoll „die Oma aus Schladen“ genannt. Sie spricht kein Wort Englisch, liest keine Artikel, in denen englische Begriffe auftauchen, und ist eine fiktive Person. So etwas wie „Otto Normalverbraucher“ und „Lieschen Müller“. Dennoch gilt sie für die dort erscheinende Braunschweiger Zeitung als das sprachliche Maß aller Texte: Fremdsprachige Ausdrücke müssen durch deutsche ersetzt werden, solange es passende Entsprechungen dafür gibt.
Ein Glück für die Oma aus Schladen, dass ihr Enkel nicht in Leipzig studiert. Denn nicht nur der betagten, Fremdsprachen ablehnenden Niedersächsin würde beim Blick auf das hiesige Studienangebot schwindelig. Anders als zu Großmutters
Jugendzeiten werden nicht mehr bloß Germanistik, Jura und Medizin angeboten. Nein, heute gibt es außerdem: Studies in Abilities and Development of Competences, Clinical Research and Translational Medicine, Content and Media Engeneering, Corporate Publishing, European Economic Integration oder New Media Journalism. Selbst Wirtschaftswissenschaften heißen jetzt Economics and Management Science. Alles klingt to
ll und furchtbar international. Wer in Leipzig über den Campus läuft, hat allerdings the feeling, dass es mehr englisch-klingende Studiengänge als fremdsprachen-fitte students gibt. Quite confusing!
Wer nicht so international ist wie das Studienangebot, kann sich hilfesuchend an das Sprachenzentrum wenden. Dort gibt es Language Courses, sogar in Academic English. Am besten anmelden, bevor das Sprachenzentrum in Center for Development and Advancement of Language Skills umgetauft wird. Poor old Oma from Schladen! Wenn sie Glück hat, studiert ihr Enkel aber etwas ganz Bodenständiges – Deutsch als Fremdsprache zum Beispiel.
Die Autorin Maike Neupert ist Mitglied der Lehrredaktion Campus,
einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der
Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.
© LVZ-Online, 24.05.2011, 15:06 Uhr