Foto: Andreas Lamm
Ein satirischer Beitrag von Vera Wolfskämpf.
Studienbedingungen verbessern – der ahnungslose Student denkt, dafür werden Seminarstärken verkleinert oder mehr Lehrpersonal eingestellt. Aber nein, an der Uni Leipzig geschieht das viel subtiler: Hier wird an der Wurzel des Übels angesetzt, der Studienberatung. Wenn die nur ihre Aufgaben erfüllt, dann löst sich alles andere ganz von allein. Wie das geht, lesen Sie hier.
[Ein kleines graues Büro der Studienberatung, irgendwo an einem Ende der endlosen Flure der Universität Leipzig. Nur ein großes Plakat mit der Aufschrift „Abenteuer Fernost“ prangt an der Wand. Ein Berater sitzt auf seinem Sessel und liest gerade die Mails seiner Beraterkollegen, mit denen er nun dank des neuen Konzepts der Universität Leipzig bestens verknüpft werden soll. Da klopft es an der Tür.]
Berater 1 (B1): Herein!
Studieninteressierter (S): [tritt ein] Guten Tag.
B1: Was kann ich für Sie tun?
S: Ich mache gerade mein Abitur in Heidelberg und will ab Herbst Sinologie studieren. Ich überlege, ob die Uni Leipzig etwas für mich wäre. Sie haben hier ja diese Kampagne – „Abenteuer Fernost“. Das passt doch zu Sinologie. Was machen Sie da genau? Sind Studienreisen nach China im Curriculum vorgesehen?
B1: Ach, da haben Sie etwas missverstanden. Fernost, das ist Leipzig. Sie sind sozusagen schon im Fernen Osten, vor allem, wenn Sie aus Heidelberg kommen, junger Mann.
S: [irritiert] Wie, Fernost ist hier?
B1: Nun, diese Kampagne soll Studienwillige aus dem Westen anlocken. Wie Sie sehen, hat es bei Ihnen schon ganz gut funktioniert.
S: Naja, ich hatte mir das eigentlich anders vorgestellt. Unter diesen Umständen ist die Uni Leipzig vielleicht doch nicht der richtige Ort zum Studieren für mich.
B1: Stopp, Stopp. Vorher müssen Sie von den Vorzügen unserer Universität hören. Zum Beispiel haben wir ein ganz tolles Konzept, für das wir 50.000 Euro von der Hochschulinitiative Neue Bundesländer bekommen haben. Damit verbessern wir die Studienbedingungen.
S: Aha. Was genau machen Sie denn da?
B1: Tja. Also, wir befinden uns gerade in der Konzeptionsphase. So genau lässt sich das noch nicht sagen. Aber wir sind mittendrin, also wir Berater werden jetzt stärker kommunizieren.
S: So, und was habe ich als Student davon?
B1: Ich kann Ihnen dann viel besser sagen, welcher Berater für Sie geeignet ist.
S: Dann sagen Sie mir doch bitte, mit wem ich über die Studienbedingungen im Fach Sinologie sprechen kann.
B1: Natürlich, kleinen Moment... [wälzt in einem dicken Aktenordner, legt ihn weg, schaut in die Datenbank auf seinem Computer] Ah, hier steht es: Sie gehen am besten zur Studienfachberatung für Sinologie. Das ist im Raum 765.
S: Na, vielen Dank auch!
[Im Raum 765 hat der Berater gerade mit dem Career Center und der zentralen Alumni-Koordinatorin telefoniert. Denn das steht auf der To-Do-Liste für Berater direkt unter „Verbesserung der Studienbedingungen (Wettbewerb der Hochschulinitiative)“. An der Wand ein Plakat auf dem „Abenteuer Fernost“ in chinesischen Schriftzeichen steht. Der Studieninteressierte tritt ein, nachdem er kurz geklopft hat.]
S: Guten Tag, vielleicht können Sie mir weiterhelfen. Ich möchte mich gern über die Studienbedingungen an der Universität Leipzig informieren. Ich habe gehört, da wird nun einiges verbessert. Worum geht es denn genau?
Berater 2 (B2): Das ist richtig. Ich freue mich sehr über Ihr Interesse. Wissen Sie, wir haben 50.000 Euro zur Verbesserung der Studienbedingungen von der Hochschulinitiative bekommen. Wir befinden uns noch in der Konzeptionsphase, aber wir Berater sollen...
S: [unterbricht ungeduldig] … mehr zusammenarbeiten, ich weiß. Aber was habe ich als Student davon?
B2: Wir ermöglichen zum Beispiel ein ganz besonderes Angebot an der Universität Leipzig. Da wir stärker mit dem Career Center und dem Alumni-Netzwerk zusammenarbeiten, können wir den Studienanfängern schon vor dem Studium in Hinblick auf eine mögliche Karriere informieren.
S: Wie das denn?
B2: Nun, Absolventen der Universität Leipzig werden Studieninteressierten wie Ihnen erzählen, wir ihr Studium gelaufen ist und wie sie danach ins Berufsleben gestartet sind. So sehen Sie gleich, welche Perspektive Ihnen ein Studium hier bringt.
S: Hören Sie mal, ich weiß noch nicht einmal, was ich wo studieren will. Wie soll ich da meine Karriere nach dem Studium planen?! Und vor allem würde ich gern mal wissen, warum ich hier an der Uni Leipzig mein Studium beginnen sollte!
B2: Sehen Sie, Ihre Orientierungslosigkeit zeigt es doch: Sie brauchen einfach nur Sicherheit durch bessere Beratung. Und was wäre da besser, als jetzt schon etwas über die Karriere nach dem Studium zu erfahren?
S: [kann nur mühsam seine Ungehaltenheit verbergen] Es wäre zum Beispiel besser, wenn Sie mir mal verraten, welche besseren Studienbedingungen mich nach Leipzig locken sollten.
B2: [zu sich] Hm, in unserem Workshop zur Verbesserung der Beratung wurde uns gesagt, wenn die Beratung an einem toten Punkt angelangt ist, soll man dem Studieninteressierten das Gefühl geben, ihn verstanden zu haben, und ihn an eine kompetentere Stelle weiterleiten. Wohin könnte ich den nun schicken... [zu S gewandt] Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen. Wenn Sie etwas über die generellen Studienbedingungen wissen wollen, gehen Sie am besten zur zentralen Studienberatung!
S: [empört] Da komme ich gerade her!
B2: Oh. Jaa, dann... [scrollt durch sein Mailfach] Genau, der Kollege im Raum 523, der hat mir gestern in einer Mail geschrieben, dass er eine Frage wie die Ihre neulich beantwortet hat. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!
[Mit einem gemurmelten Gruß verlässt der nicht mehr ganz so Studieninteressierte den Raum. Als er die dritte Beratungsstation betritt, überlegt er kurz, was anders ist. Richtig, das Plakat „Abenteuer Fernost“ ist kaum zu sehen – es wird verdeckt von einer überdimensionierten Urkunde mit der Aufschrift „Ehrung als bester Berater des Jahres – Für große Verdienste zur Verbesserung der Studienbedingungen“. Der Studieninteressierte schöpft wieder Hoffnung.]
S: Ich glaube, bei Ihnen bin ich endlich richtig. Sie sind der gefühlt zehnte Studienberater, mit dem ich hier spreche. Und ich weiß immer noch nicht, was konkret die verbesserten Studienbedingungen an der Universität Leipzig sind.
Berater 3 (B3): [mild lächelnd] Nun, in diesem Fall bin ich als guter Berater wohl dazu verpflichtet, Ihnen einen ehrlichen Rat zu geben. Wenn Sie mit diesem ersten Anliegen auf ihrem akademischen Weg schon scheitern, studieren Sie nicht hier.
S: [entgeistert] Was?!
B3: [begeistert] Genau! Das ist nämlich eine einzigartige Strategie von mir: Wenn ich allen abrate, hier zu studieren, verbessert sich der das Betreuungsverhältnis von Studenten und Lehrenden – und schon haben wir 1a-Studienbedingungen!
Die Autorin Vera Wolfskämpf ist Mitglied der Lehrredaktion Campus,
einem Gemeinschaftsprojekt der LVZ und des Studiengangs Journalistik
der Universität Leipzig.