Zum Studium nach Leipzig? Während Befürworter der Pleißestadt als Studienort unter anderem die niedrigen Mietpreise und das rege Treiben abseits von Seminar und Vorlesungen schätzen, bemängeln ihre Gegner Missstände wie die andauernden Bauarbeiten am Campus oder die schlecht bezahlten Nebenjobs. Zwei Campus-Redakteure haben sich Gedanken über die Vorzüge und Nachteile Leipzigs als Studentenstadt gemacht.
Pro: Leben, Lernen - Leipzig
Foto: Andreas Lamm
Britta Veltzke kommentiert
Mehr als 35.500 Studenten wohnen in Leipzig. Das ist allerdings, gemessen an der Zahl aller Einwohner, ziemlich gering, denn es macht nicht einmal sieben Prozent der Bevölkerung aus. Verwunderlich, dass nicht mehr Erstsemester nach Leipzig kommen: Denn die Stadt bietet viel und kann hinsichtlich Lebensqualität und Flair durchaus mit Metropolen wie Hamburg oder München mithalten.
Kaum jemand lässt sich in Leipzig in zehn Quadratmeter großen Wohnklos einpferchen, die, wie in anderen Großstädten, den Löwenanteil des monatlichen Budgets verschlingen. Zum Vergleich: In Bayerns Hauptstadt liegt der durchschnittliche Mietpreis eines WG-Quadratmeters bei rund 13 Euro. In Leipzig hingegen residieren die meisten Studenten in sanierten Altbauten mit herrschaftlichen Treppenaufgängen für durchschnittlich fünf Euro pro Quadratmeter. Und bezieht man eine leere Wohnung, springt als Dankeschön oft sogar noch ein Monat mietfrei heraus.
Das liegt vor allem an dem weit verbreiteten Leerstand: Um die zwölf Prozent der Wohnungen sind nicht vermietet. Dieser Umstand begünstigt nicht nur das studentische Portmonee, sondern auch das kulturelle Leben. Denn die Besitzer der sanierungsbedürftigen Häuser freuen sich über eine Nutzung, die den völligen Verfall ihrer Immobilien verhindert und die alternative Kulturszene florieren lässt. So gibt es eine Vielzahl kleiner Kinos, Theaterbühnen und Ateliers, die in Städten mit hohen Mieten und wenig Platz wohl längst der Main-Stream-Planierraupe zum Opfer gefallen wären.
Wer es darauf anlegt, kann in Leipzig viel Zeit damit verbringen, nicht zu studieren. Vor allem im Sommer sind die Seen im Süden und der zentrale Clara-Zetkin-Park dafür überaus beliebte Adressen. Bei gutem Wetter stellt sich hier an jedem x-beliebigen Werktag gleich Wochenendstimmung ein. Rund 20 Prozent Leipzigs sind grün – das ist rund doppelt so viel wie in Hamburg.
Doch auch in Sachen Studium braucht sich Leipzig nicht zu verstecken: Die 14 Fakultäten der Uni und die Fachhochschulen haben von den Klassikern wie Medizin, Sport oder Politik bis hin zu „Exoten“ wie Sorabistik oder Logik viele Fächer im Programm. Die Universität blickt auf eine mehr als 600-jährige Geschichte zurück.
Die Assoziation mit verstaubten Büchern und Hörsälen liegt hier nah, ist aber weit gefehlt, denn nicht umsonst hat die letzte Studentengeneration unter einer Dauerbaustelle gelitten: Wer sich heute an der Uni einschreibt, profitiert von einem (fast fertigen) modernen Campus mitten in der Innenstadt. Gut, über Sinn oder Unsinn von Monitoren, die den Weg zur richtigen Lehrveranstaltung weisen, lässt sich diskutieren. Unstrittig hingegen ist, wie helle Seminarräume und Hörsäle, ausgestattet mit allerhand technischer Finessen, eine Bibliothek, die rund um die Uhr geöffnet ist und eine Mensa, die sogar Abendessen anbietet, die Studiensituation verbessern. Zudem befindet sich in Leipzig die Deutsche Nationalbibliothek. Fernleihen zur Recherche exotischer Hausarbeitsthemen werden damit obsolet, weil die Nationalbibliothek jede seit 1913 in Deutschland erschienene Publikation enthält.
Kurzum: Schön wohnen, modern studieren, in einer grünen Stadt, die mit viel Kultur so manchen Studenten zum Lernen beflügelt – oder ihn genau davon abhält.
Contra: Abenteuer mit T
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Foto: Andreas Lamm
Stefan Lehmann kommentiert
Mit dem Slogan „Abenteuer Fernost“ buhlen die ostdeutschen Hochschulen seit Jahren im Westen der Republik um Studenten. Auch in Leipzig wird kräftig die Werbetrommel gerührt. Tatsächlich sprechen viele Argumente für ein Studium in der Pleißestadt. Schließlich gibt es positive Beispiele zuhauf, vor allem an den kleineren Hochschulen. Das Studium hier kann aber ebenso gut zum Abenteuer im negativen Sinne werden.
Vor allem die Universität Leipzig leidet teilweise unter einem sehr abenteuerlichen Betreuungsverhältnis. Während davon in einigen Studiengängen nichts zu spüren ist, sind andere umso stärker betroffen. Das frappierendste Beispiel dafür sind die Politikwissenschaften. Immerhin muss sich dort im Durchschnitt eine Lehrkraft um sage und schreibe 85 Studierende kümmern. Echte „Fernost“-Abenteurer mögen das als Herausforderung empfinden, viele werden aber wohl wehmütig auf ihre Kommilitonen in Orchideenfächern wie den Geowissenschaften schauen, wo die Betreuung mit gerade einmal vier Studenten pro Lehrkraft geradezu paradiesisch scheint.
Abenteuer-Potenzial besitzen auch die Universitätsbibliotheken. Wer sich nicht mutig in den Kampf um die Lehrbücher wirft, ist aufgeschmissen. Von dem Standardwerk „Grundlagen der Politikwissenschaft: ein Wegweiser“ von Ulrich von Alemann existieren beispielsweise gerade einmal drei Leihexemplare, für weitere Bücher fehlt das Geld. Alle anderen Interessenten müssen sich ein einziges Präsenzexemplar teilen. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass die Campus-Bibliothek rund um die Uhr geöffnet ist.
Dort, wo ein bisschen Abenteuer und Abwechslung gut täten, bekommen viele Uni-Studenten dagegen zu wenig geboten. So sind ausländische Dozenten abseits der Naturwissenschaften rar. Und auch die Studentenschaft gleicht einer grauen Masse: Fast 80 Prozent der Studenten kommen aus den neuen Bundesländern, davon mehr als die Hälfte aus Sachsen. Immerhin beste Voraussetzungen für die Abenteurer aus dem Westen, die sächsische Mundart zu erlernen.
Langweilig und grau ist nicht nur die homogene Studentenschaft, sondern auch der neue Uni-Campus. Wer den Innenhof des neuen Seminar- und Hörsaalgebäudes an der Universitätsstraße betritt, der blickt auf eine Betonwüste. Grünflächen? Fehlanzeige. Der Campus ist seit Jahren eine Dauerbaustelle voller Absperrungen und Baugerüste. Und das nicht nur im Stadtzentrum. So nehmen zum Beispiel die Studenten in der Jahnallee ihr Mittagessen in einem großen Bierzelt ein, weil die Mensa dort seit zwei Jahren umgebaut wird. Essen wie auf dem Oktoberfest – auch das gehört zum „Abenteuer in Fernost“.
Bei so viel Abenteuer wundert es nicht mehr sonderlich, dass auch das Geldverdienen in Leipzig nicht ganz so leicht ist. Denn viele Nebenjobs sind vergleichsweise schlecht bezahlt – sicher nicht die besten Bedingungen für ein Studium an der Pleiße, trotz niedriger Mietpreise. Fest steht: Für das Abenteuer, das Studieren in Leipzig darstellen kann, braucht man ein dickes Fell.
Die Autoren Britta Veltzke und Stefan Lehmann sind Mitglieder der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der Leipziger Volkszeitung.