Zwischenruf
Zähne waschen leicht gemacht – Ein Ausflug in die wirre Welt der Kollokationen
Jan Meschkank
Foto: Andreas Lamm
Campus-Redakteur Jan Meschkank kommentiert
„Wörterbuch der Kollokationen im Deutschen“ steht auf dem Buchrücken des dicken Wälzers zwischen dem „Lexikon der Redensarten“ und den „Deutschen Redewendungen“ in der Universitätsbibliothek Albertina. Doch was sind Kollokationen? Und wer braucht ein ganzes Wörterbuch voll davon? Rätselraten am Bücherregal.
Tolle Idee, so ein hochtrabendes Wort zu wählen, immerhin wendet sich der Autor nach eigenem Bekunden an lernende Nicht-Muttersprachler und sich eloquenter ausdrücken wollende deutsche Muttersprachler. Wie soll denn der arme Lerner oder Verteidiger der deutschen Sprache bei diesem Titel überhaupt bemerken, dass er das Kollokations-Kompendium wie die Luft zum Atmen braucht? Aber vielleicht sind das, genauso wie der Buchinhalt, sowieso nur „innovative“, automatisch vom Computer erstellte Worthülsen. Denn ein Buch, für das man 150 Euro im Laden berappen muss, wird wohl eher in Bibliotheken landen, als tatsächlich in den Händen des angeblichen - und in jedem Fall armen - Zielpublikums. Das sind immerhin 300 Mark!
Doch selbst der regelmäßig im Bücherbunker sitzende Linguist wird meckern – trotz der wunderschönen, vielseitig verwendbaren Kollokations-Fleißarbeit. Denn für die Forschung hin und wieder doch ganz nützliche Daten wie beispielsweise Häufigkeit, Herkunft und stilistische Einordnung der konkreten Kollokationen sucht er vergebens. Warum also nicht gleich selbst ein Wörterbuch schreiben mit witzigen Wörtern, die sich mein Opa ausgedacht hat. Dieser war übrigens Sprachwissenschaftler, auch wenn er nie von Kollokationen sprach. Anders Uwe Quasthoff, der fotoscheue Autor des vorliegenden Buches. Sein Job: Er bringt Zahlen und Buchstaben zusammen – auch wenn das ziemlich vereinfacht ist. In diesem Fall hat er sich an Wortverbindungen gewagt. Dies sind Kombinationen aus Wörtern, die bestimmten Regeln folgen (Beispiel: Zähne putzen) und zumeist erst offensichtlich werden, wenn diese Regeln gebrochen werden (Beispiel: Zähne waschen).
Zugegeben, hier mache ich es mir ziemlich einfach, aber auch nicht weniger leicht als der interdisziplinäre Herr Quasthoff. Er hat seinen Rechenknecht einfach mit Daten aus dem Leipziger Sprachkorpus, einer digitalen Sammlung von Abermillionen deutscher Sätze, gefüttert und geschaut, was hinten rausplumpst: ein fertiges Wörterbuch. Es scheint schon sehr zweifelhaft, wenn man so etwas Kompliziertes wie die menschliche Sprache einer Kiste überlässt, die letztlich nur Nullen und Einsen kennt. Und dann enthält das Endprodukt noch nichtmal Redewendungen wie „das kannste knicken“, ist doch auch eine „häufig auftretende Wortverbindung, deren Kombination semantisch motiviert ist“! Bei diesem gebundenen Buch kann man aber höchstens einzelne Seiten knicken. Für sowas hat mein Opa noch richtig schuften müssen. Zu seiner Zeit hat man noch mühsam Karteikarten ausgefüllt und Jahre, ach was, Jahrzehnte lang an so einer Schwarte gesessen. Das war noch die alte Schule und wieviel Spaß das gemacht hat, zeigte uns Kindern seine Übersetzung eines lateinischen Gedichts vom leider auch längst toten Joseph Justus Skaliger, einem der größten Gelehrten des 16. Jahrhunderts:
Trifft einen Menschen je das gestrenge Urteil des Richters,
daß auf sein frevelndes Haupt häufe sich Mühsal und Pein,
den wird nicht bittere Fron im Gefängnis ermüden, ermatten,
noch wird die Rauhheit des Steins martern die Hände genug.
Wörterbücher zu machen soll er verdammt sein, beim Teufel:
Aller Qualen Gestalt hat diese Arbeit allein.
Na das war aber jetzt auch ein ganzer Haufen von Kollokationen. Noch mehr gefällig? Vermutlich nicht…
Ja, das dachte ich mir. So sieht es leider aus mit dem Wörterbuch der Kollokationen im Deutschen: Wer, abgesehen von Sprachfreaks wie mir, würde einen so betitelten Wälzer überhaupt in die Hand nehmen? Höchstwahrscheinlich jemand, der an einer Sprachglosse für Campus werkelt. Aber ohne Witz: Wie oft kommt das schon vor? Vermutlich gibt es ja einen Grund, warum es bislang kein derartiges deutsches Wörterbuch gab. Sich vor dem Bildschirm krümmende Linguisten arbeiten inzwischen ohnehin lieber mit digitalisierten Datenbanken, die per Knopfdruck in Sekunden durchstöbert werden können. Die Universitätsbibliothek Albertina hat vorsorglich erstmal nur ein einziges Exemplar von Quasthoffs 150-Euro-Schwarte gebunkert.
Doch vielleicht wollte uns der sprachforschende Informatiker Quasthoff wahre Interdisziplinarität lehren. Wenn dies Schule macht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der erste Sprachwissenschaftler uns endlich mal ein brauchbares Betriebssystem schreibt, das mehr als Null und Eins versteht.
Der Autor Jan Meschkank ist Mitglied der Lehrredaktion Campus, einem Gemeinschaftsprojekt des
Studiengangs Journalistik der Universität Leipzig und der
LVZ-Online-Redaktion.
© LVZ-Online, 04.02.2011, 17:10 Uhr